Ein Blick nach Großbritannien und Frankreich zeigt Wege zum klimaschonenden Bauen. Von Martyn Peters
Spätestens seit der jüngsten Weltklimakonferenz ist klar: Emissionsarmes Bauen ist ein unerlässlicher Bestandteil einer globalen Nachhaltigkeitsstrategie – schließlich ist die Bau- und Gebäudewirtschaft für fast 40 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Das Recycling von Baumaterialien, nachhaltige Bestandssanierung und vor allem die Bereitstellung von Daten sind nur einige der Maßnahmen, welche die Bauwirtschaft ergreifen kann. Dafür ist vor allem Transparenz notwendig - womit sich Deutschland bekanntlich schwertut. Wie nachhaltiges Bauen gelingen kann, zeigt ein Blick in andere europäische Märkte.
Im Lebenszyklus einer Immobilie entstehen verschiedene Arten von CO2-Emissionen. Diese können in Embodied Carbon, Construction Carbon und Operational Carbon unterteilt werden. Embodied Carbon bezieht sich auf verbaute Emissionen, die bei der Herstellung und dem Transport von Materialien und Produkten für die Bauphase entstehen. Construction Carbon bezeichnet die Emissionen während der Bauphase durch Maschinen und Anlagen, den Materialtransport zur Baustelle und die Energieversorgung vor Ort. Operational Carbon hingegen bezieht sich vorrangig auf das Nutzerverhalten nach dem Bau des Gebäudes.
Der international tätige Baudienstleister ISG hat 2021 mit dem „Sustainable Buildings Monitor“ eine Studie veröffentlicht, in der die Nachhaltigkeitskennziffern von Gewerbeimmobilien in achtzehn verschiedenen Ländern verglichen wurden. Der deutsche Gewerbeimmobiliensektor schneidet bei den Themen Energieverbrauch und CO2-Ausstoß im Vergleich mit anderen europäischen Nationen durchschnittlich ab. Deutschland rangiert beim Energieverbrauch pro Quadratmeter mit jährlich 204 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter an sechster Stelle, bei den CO2-Emissionen pro Quadratmeter mit 67,9 Kilogramm pro Jahr auf dem vierten Platz. Auch wenn mit Italien, Belgien und Spanien andere Nationen die führenden Plätze mit dem höchsten Energieverbrauch und CO2-Ausstoß belegen, ist klar: Der Energieverbrauch von Gebäuden muss gesenkt werden – weltweit sogar um über 80 Prozent, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen.
Zwar entfällt der größte Teil der CO2-Emissionen auf die Nutzung und den Betrieb von Gebäuden, der Bausektor bietet aber dennoch großes Einsparpotenzial. Insbesondere bei Construction Carbon können Bauunternehmen in den Prozess eingreifen und Emissionen reduzieren.
Smarte Projekte aus Großbritannien
Ein jüngst fertiggestelltes Refurbishment-Projekt in Großbritannien zeigt beispielsweise, wie nachhaltige Bestandssanierung durch die Verwendung digitaler Instrumente und das Recycling von Baumaterialien funktionieren kann. Für die Renovierung eines Institutsgebäudes für das Cambridge Institute for Sustainable Leadership (CISL) der Universität Cambridge wurde als Teil des Entwurfsprozesses mittels BIM-Verfahren ein detailliertes 3D-Modell erstellt, das eine schnellere und effizientere Planung des Gebäudes und der nötigen Materialien ermöglichte. Die Nutzung digitaler Tools ist in Großbritannien generell schon sehr viel weiter entwickelt als in Deutschland.

Prinzipien der Kreislaufwirtschaft waren bei diesem Projekt besonders wichtig. So wurden nicht mehr benötigte Möbel an örtliche Gemeinden gespendet. Dadurch konnten umgerechnet 21.000 Kilogramm CO2-Emissionen und 21.600 Kilogramm Abfall vermieden werden. Es wurden zahlreiche Elemente aus anderen Gebäuden restauriert und wiederverwendet: Über 350 recycelte LED-Leuchten wurden in das Gebäude integriert, der restaurierte Empfangstresen stammt aus dem Londoner Copyright Gebäude, Stahl aus einem Filmstudio wurde für die Photovoltaikanlage verwendet. Das neue Gebäude durchläuft gerade die Prüfung für zahlreiche Zertifizierungen und könnte als erstes Gebäude weltweit gleich mehrere Gebäudezertifizierungen wie BREEAM (hervorragend), WELL (Gold) und den Passivhaus-Sanierungsstandard Enerphit erhalten – ein Novum für ein Gebäude dieser Größe.
Kreislaufwirtschaft in Frankreich
Aber auch die Kollegen in anderen Ländern leisten einiges an Pionierarbeit. Dies zeigt beispielsweise ein Blick nach Frankreich. Dort spielt der Aspekt der Kreislaufwirtschaft eine essenzielle Rolle. Frankreich verfügt mit dem Institut de l’économie circulaire (Institut für Kreislaufwirtschaft) über eine Plattform für Kreislaufwirtschaft, die verschiedenste Initiativen, Projekte und Institutionen sammelt und so entscheidend zu mehr Transparenz auf dem Gebiet beiträgt. Im Zentrum steht hier die Verlängerung der Lebensdauer von Materialien und Produkten durch Wiederverwendung, Recycling und nachhaltiges Design.
Ein Beispiel dafür ist das Projekt So Pop in Saint-Ouen bei Paris. Für das ehemals von Citroën genutzte, 20.000 Quadratmeter große Gebäude wurde umfangreich geprüft, welche Materialien und Gegenstände wiederverwendet oder recycelt werden können. Für die Erfassung wurde die Online-Plattform Cycle Up genutzt, auf der Gegenstände zum Weiterverkauf angeboten oder an lokale Organisationen wie Vereine, Start-ups und Behörden verschenkt wurden. Rund zehn Prozent der Deckenabhängung stammten aus wiederverwendeten Materialien, zudem wurde auf der Baustelle recycelte Acrylfarbe verwendet.
Als „Low-impact“-Baustelle dürfen sich solche bezeichnen, die bestimmte Kennziffern in Bezug auf die Optimierung der Abfallwirtschaft, die Minimierung von Lärmbelästigung und andere Formen der Umweltverschmutzung vor Ort sowie des Ressourcenverbrauchs erreichen. Das französische Nachhaltigkeitslabel, das derartige Bemühungen auszeichnet, heißt HQE.
Lehren für Deutschland
Unternehmen sollten die Klimakrise zum Anlass nehmen, ihre Arbeitsabläufe zu überdenken und die Digitalisierung voranzutreiben. Die Verwendung von digitalen Lösungen und die Integration von Prinzipien der Kreislaufwirtschaft auf der Baustelle sind jetzt wichtiger denn je; in Deutschland steht beides aber noch immer am Anfang. Unsere Nachbarn haben uns im Hinblick auf die digitale und nachhaltige Baustelle einiges voraus. Ein Hindernis ist hierzulande unter anderem die Kleinteiligkeit der Baubranche und der erhöhte Koordinierungsaufwand, den dies im Hinblick auf einheitliche Strukturen mit sich bringt.
Immerhin: Mit Einführung des DGNB-Zertifikats für nachhaltige Baustellen ist 2021 ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan worden. Das Ziel – die emissionsfreie Baustelle – soll basierend auf fünf Kriterien erreicht werden, beispielsweise durch eine effiziente Bauorganisation, die Wiederverwertung von Baumaterialien, Gesundheit und Sicherheit auf der Baustelle, Kommunikation mit der lokalen Öffentlichkeit sowie die Optimierung von Bauprozessen durch digitale Tools. Ein Bewusstseinswandel und ehrgeizige Ziele in der Bauindustrie sind zu erkennen.