Investoren finden gute Renditen, die Wirtschaft floriert. All dies beflügelt den Immobilienmarkt der sächsischen Metropole mit ihren knapp 600.000 Einwohnern - der Abschluss unserer Themenwoche "Unser Osten".
Gleich nach der Wende zog es das Familienunternehmen Sassenscheidt aus dem Sauerland nach Sachsen. „Mein Vater kaufte der Treuhand eine Produktion für Fenster und Fassaden ab“, erzählt Erik Sassenscheid (39). Die Unternehmensgruppe mit der neuen Niederlassung in Kulkwitz bei Leipzig florierte schnell, gestaltete die Fassaden von so bekannten Gebäuden wie dem Flughafen München-Riem, der Frankfurter Paulskirche und der Leipziger Messe. 20 Jahre später hat Sohn Erik die Geschäfte übernommen, den Hauptsitz vom Sauerland nach Düsseldorf verlegt. „Doch bis heute sind wir sehr Sachsen-affin“, lacht Projektentwickler Sassenscheidt. „Wir haben einige Immobilien im Bestand und entwickeln zahlreiche neue.“
Als gebürtiger Sauerländer beobachtet Sassenscheidt junior, was sich im Osten der Republik tut, ist fasziniert von der Geschwindigkeit, mit der sich die Räder drehen seit Beginn der 1990er Jahre. In Leipzig stellte sich der später als Betrüger verurteilte Jürgen Schneider dem Verfall ganzer Straßenzüge entgegen, sanierte Gebäude aus der Gründerzeit im Akkord, rettete sie vor dem Verfall. „Schneider hat Sachen angeschoben, die in dieser Schnelligkeit sonst so nicht gekommen wären“, ist Sassenscheidt überzeugt.
Aufstieg der Sachsen-Metropole
Mitte der 1990er Jahre gerät der Motor ins Stottern. Menschen zieht es Richtung Westen, Leerstände wachsen, im Zuge der Holzmann-Pleite rutschen weitere Firmen in die Insolvenz. Mit Rückbau-Programmen fördern Kommunen den Abriss von Altbauten und Plattenbau-Siedlungen im ganzen Land. Tausende von Wohnungen fallen den Abriss-Birnen zum Opfer. „In Dresden ist der Effekt sehr extrem“, sagt Sassenscheidt. „Bis heute sagen die Leute, hätten wir damals doch nicht so viel abgerissen, dann hätten wir heute nicht so einen großen Wohnungsmangel.“
Abwanderung und Stagnation halten nicht lange an. Mit dem neuen Jahrtausend beginnt der Stern der beiden Sachsen-Metropolen zu steigen. „Nachdem in Leipzig 1998 mit 437.000 Einwohnern der Nachwende-Tiefpunkt erreicht war, betrug die Bevölkerung Ende vergangenen Jahres 594.000. 2030 sollen 700.000 Menschen in Leipzig wohnen“, berichtet Aengevelt Research. Mit der Ansiedlung bekannter Unternehmen steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 5,9 Prozent auf 272.873. Gleichzeitig sinkt die Arbeitslosenquote von 8,8 auf 5,9 Prozent.
Mit der steigenden Beliebtheit der Stadt siedeln sich so namhafte Unternehmen wie Porsche und BMW aus der Automobilbranche, Handelsunternehmen wie Amazon, Rewe, dm und Rossmann an. Logistikdienstleister wie DB Schenker, Rail Automotive, Deutsche Post DHL, Hellmann, Kühne & Nagel, Schenker und TNT an. Sie finden eine Heimat auf dem ehemaligen Gelände der untergegangenen Versandhausriesen Neckermann und Quelle.
Europäische Stadt des Jahres 2019
Größter Arbeitgeber in Leipzig ist BMW mit 5.200 Mitarbeitern, es folgt die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft MbH (LVV) mit 4.800, die Uniklinik mit 4.300 und der DHL-Hub mit 3.500. Das Amazon-Logistikzentrum mit 2.200 Mitarbeitern liegt auf Platz 7, die Siemens AG mit 1.700 auf Platz 10.
Leipzig hat sich mit seiner Wirtschaftsentwicklung zu einer der dynamischsten und gefragtesten Regionen in Deutschland entwickelt. 2019 wird Leipzig „europäische Stadt des Jahres“, landet im Berenberg-Städteranking hinter Berlin auf Platz zwei der wettbewerbsfähigsten Städte Deutschlands. Ausschlaggebend ist „der Mix aus demografischer Entwicklung, ökonomischer Leistungsfähigkeit, Bildung, Innovation, Internationalität und Erreichbarkeit“.
„Die Messestadt hat sich damit in der Gruppe der renditefreundlichen B-Städte bei Entwicklern und Investoren erfolgreich etabliert und profitiert dabei unter anderem von der markanten Renditekompression in den deutschen A-Metropolen“, sagen die Experten von Aengevelt. Für Bürohäuser liegen die Renditen in Leipzig zwischen 4,2 und 5,3 Prozent, bei Wohnhäusern zwischen 3,3 und 4,6. Wer ein Wohn- und Geschäftshaus kaufen will, muss mittlerweile mit dem 30 bis 32-Fachen der Jahresnettokaltmiete rechnen.
Rasanter Preisanstieg
Mit den Jobs kommen die Menschen. Wohnungen werden knapp, Mieten und Kaufpreise steigen. Der Slogan „Leipzig gleich Hypzig“ macht die Runde. Derzeit liegt die mittlere Bestandsmiete bei 7,40 Euro, im Neubausegment bei 11,50 Euro. Der Quadratmeterpreis für Neubau-Eigentumswohnungen lag Ende 2019 bei 3.152 Euro. Obwohl längst nicht am teuersten in der Republik, ist er in keiner anderen Stadt innerhalb eines Jahres so rasant gestiegen: um 15,6 Prozent (in Berlin waren es 11,4, in Frankfurt 10,8). Im Oktober meldete Colliers sogar einen Preis von 4.200 Euro.
Sowohl für Leipzig als auch für Dresden ist von einer Mietpreisbremse die Rede. Oberbürgermeister und Landesregierung sind miteinander im Gespräch. Im Sommer hat der Leipziger Stadtrat für die Stadtteile Connewitz, Eutritzsch, Alt-Lindenau, Lindenau und die Gebiete rund um Eisenbahnstraße und Lene-Voigt-Park unter Milieuschutz gestellt. Luxussanierungen von Bestandswohnungen sind dort künftig verboten.
Wer gerne schick und am Wasser wohnen möchte, wird trotzdem fündig und setzt beispielsweise aufs Neubaugebiet „Lindenauer Hafen.“ Bauträger Thamm & Partner entwickelt am Hafenkopf mit unverbauter Wassserlage das Projekt „Hafen Eins“ mit 56 Wohnungen mit zwei bis 4,5 Zimmern.
Ebenfalls am Wasser, aber ein bisschen retro, ist eine Entwicklung in der Nähe des Kulkwitzer Sees. Hier feierte der Lipsia-Turm in diesem Jahr Eröffnung – das erste Hochhaus, das seit der Wende in Leipzig-Grünau gebaut wurde. 13 Geschosse hoch, 60 Wohnungen mit 30 bis 107 Quadratmetern. „Das Bauen in die Höhe soll helfen, die rar gesäten freien Baugrundstücke optimal zu nutzen“, erklärt die Wohnungsgenossenschaft Lipsia.
Größte Entwicklung gerät ins Stocken
An anderen Stellen wird richtig geklotzt. Auf dem Areal des ehemaligen Krystallpalastes am Leipziger Hauptbahnhof entsteht eines der größten innerstädtischen Bauprojekte, eine Quartiersentwicklung mit Büro-, Hotel- und Wohnnutzung. Der Spatenstich ist für März 2021 geplant. Investor ist die Argo Capital Partners.
Über 600 Millionen Euro investiert Porsche in den Ausbau seines Werks im Norden der Stadt. 820 Roboter sollen hier künftig den neuen E-Macan montieren. Ab 2022 soll ein neuer Mini-SUV vom Band rollen. Mit der Ansiedlung von Zulieferern in Werksnähe wird gerechnet.
Ins Stocken geraten ist hingegen die größte Entwicklung in Leipzig, das Stadtquartier „Projekt 416“ am Eutritzscher Freiladebahnhof. Rund eine Milliarde Euro wollte Christoph Gröners CG-Gruppe ursprünglich in das neue Quartier mit 2.200 Wohnungen für 3.700 Menschen investieren, verkaufte dann aber an eine Tochterfirma von Imfarr aus Österreich. Seitdem hört man wenig.
Wie geplant laufen hingegen die Arbeiten für die Erweiterung des Flughafens, mit seiner 24-Stunden-Genehmigung für die Fracht ein wirtschaftliches Schwergewicht in Leipzig. Geplant sind neue Rollwege, ein Hangar für die Wartung, ein sechsgeschossiger Bürokomplex namens „Apollo XI“ in Form eines Flugzeug-Flügels und zahlreiche Stellplätze. Bis 2032 will DHL seinen Paket-Umschlag auf 800.000 Sendungen pro Tag mehr als verdoppeln, die Zahl der Flüge soll von 60 auf 90 pro Tag erhöht werden.
Autorin: Ines Rákóczy
