Porträt von Christian Vogrincic, CEO der CV Real Estate AG. Quelle: CV Real Estate
Christian Vogrincic, CEO der CV Real Estate AG. Quelle: CV Real Estate

Nachhaltigkeit & ESG

30. September 2021 | Teilen auf:

Leere Worthülsen bauen keine nachhaltigen Städte

Unsere Stadtentwicklung muss neu gedacht werden – das ist die „Jahrhundert-Aufgabe“ der künftigen Regierung. Doch dafür braucht es endlich mehr als nur leere Worte. Ein Gastbeitrag von Christian Vogrincic, CEO der CV Real Estate AG.

Neue Arbeitswelten, autofreie Zentren und darbende Innenstädte – die aktuellen Entwicklungen und Trends in unseren Städten sind so zahlreich wie vielfältig. Dabei liegen die Vor- und Nachteile, die unglaublichen Chancen, die sich bieten, bei den gleichzeitig monumentalen gesellschaftlichen Herausforderungen häufig so nah beieinander, dass eine einfache, klare Beurteilung meistens nicht möglich ist. Das führt in der Gesellschaft, über alle politischen Lager hinweg, zu hitzigen, emotional geführten Debatten: Wie lässt sich der Wohnraummangel am besten bekämpfen? Wie – und wo – werden wir fortan arbeiten? Wie sollen wir uns in Zukunft fortbewegen?

Doch das inflationäre Vorkommen dieser Themen in der medialen Öffentlichkeit sorgt noch lange nicht dafür, dass man in Deutschland so zukunftsfit und innovativ aufgestellt ist, wie es den Anschein hat. Denn häufig kratzen die Diskussionen auf politischer Entscheidungs-Ebene nur an der Oberfläche dieser komplexen Themen und bestehen größtenteils aus leeren, nichtssagenden Phrasen. Es scheint, als wissen viele Politiker nicht, was Digitalisierung oder Nachhaltigkeit konkret im Alltag bedeuten können, geschweige denn wie man sie zielführend fördern oder gar etablieren kann. 

Analoges Deutschland

So ist – insbesondere auf staatlicher Seite – die Digitalisierung weiterhin häufig noch ein Fremdwort. Während man von Projektentwicklern und Architekten fordert, digital vernetzte Städte und Quartiere zu schaffen, ist man selbst noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Das fängt schon beim klassischen Bauantrag an, für den meistens u. a. noch Unmengen an Papier von Nöten sind. Auch als Projektentwickler können wir immer nur so digital sein, wie das schwächste – oder besser gesagt analogste – Glied in der Kette: in diesem Fall die Kommunen und Städte.

Dieser „Trend“ lässt sich auch im weiteren Verlauf einer Projektentwicklung beobachten: Denn ein Quartier ist nur dann digital zukunftsweisend aufgestellt, wenn es Teil einer projektübergreifenden, stadtumfassenden Vernetzung ist. Doch dafür bedarf es u. a. einer großflächig ausgebauten digitalen Netz-Infrastruktur – etwas, das man in Deutschland vielerorts immer noch vergebens sucht. Das wirkt sich auch negativ auf unsere nachhaltige Mobilität der Zukunft aus: denn deren innovative Konzepte beruhen in vielen Fällen grundlegend auf eben jener digitalen Vernetzung.

Neuausrichtung unserer Stadtplanung

Doch um den aktuellen Wohnraummangel langfristig und zielführend bekämpfen zu können, müssen wir nun eben solche Quartiere schaffen. Quartiere, die einen innovativen, nachhaltigen Lebensraum bieten, der auch für die folgenden Generationen noch attraktiv ist und flexibel an künftige Anforderungen und Gegebenheiten angepasst werden kann. Anstatt der Immobilienbranche immer weiter neue Regelungen und Gesetze aufzubürden – die die Entwicklung von Wohnraum im Übrigen nicht nur wirtschaftlich unattraktiv, sondern bald wohl nahezu unmöglich machen –, brauchen wir jetzt eine grundlegende politische Neujustierung unserer zukünftigen Stadtentwicklung.

Die künftige Regierung muss endlich die nötige Infrastruktur – unter anderem für digitale Vernetzung und nachhaltige Mobilität – sowie ein positives Investitionsklima schaffen, damit Staat und Immobilienbranche als Partner die immense Herausforderung der Gestaltung und Entwicklung von innovativen, zukunftsweisenden Städten meistern können.