Schnelllieferdienste wie Getir, Gorillas oder Flink sind im Stadtbild nicht mehr zu übersehen. (Bild: Getir)
Schnelllieferdienste wie Getir, Gorillas oder Flink sind im Stadtbild nicht mehr zu übersehen. (Bild: Getir)

Standorte & Märkte

30. November 2021 | Teilen auf:

Lieferdienste auf der Überholspur

Der sogenannte Quick Commerce überholt bei Neuanmietungen die klassischen Handelssparten - das zeigt eine Analyse von JLL.

Der Quick Commerce nimmt immer stärker Fahrt auf: Spielten Unternehmen, die mit E-Bikes Lebensmittel ausliefern, vor gut zwei Jahren noch keine Rolle, sind sie nun kaum zu übersehen. In den ersten neun Monaten 2021 mieteten sie in Deutschland mehr als 17.500 Quadratmeter Ladenfläche an und erzielten so fünf Prozent vom gesamten Vermietungsumsatz in Höhe von 335.000 Quadratmetern. Das ist mehr als beispielsweise auf die Branchen Schmuck, Elektronik oder Telekommunikation entfiel. Noch deutlicher wird die Dynamik, wenn der Fokus allein auf das Segment Lebensmittel gerichtet wird. Hier gelingt es dem Quick Commerce aus dem Stand heraus, einen Anteil von mehr als einem Viertel am Vermietungsvolumen und sogar 42 Prozent bei der Anzahl aller Anmietungen zu generieren.

„Die Zahlen spiegeln die rasante Entwicklung der vergangenen Monate. Seit Beginn der Pandemie und verstärkt in den jeweiligen Lockdown-Phasen sind die Lebensmittellieferdienste in den Fokus von Händler und Verbrauchern gerückt. Etablierte Ketten konnten die Nachfrage aber kaum bedienen. In diese Lücke stoßen nun Lieferdienste des so genannten Q-Commerce“, beobachtet Helge Scheunemann, Head of Research JLL Germany.

Immer mehr Lieferdienste drängen auf den Markt

Neben den etablierten Firmen Gorillas und Flink drängen auch immer mehr Lieferdienste aus dem Ausland nach Deutschland, die das Wachstumspotenzial in diesem Bereich erkannt haben. Darunter Getir, Knuspr, Wuplo und zuletzt der US-Lieferdienst Doordash, der mit der Übernahme des finnischen Konkurrenten Wolt (bereits aktiv in 23 europäischen und asiatischen Ländern) den deutschen Markt betreten hat.

Weitere Anbieter und Konkurrenz erwächst neuerdings auch durch die etablierten Restaurant-Lieferdienste wie Delivery Hero oder dem Getränkelieferanten Flaschenpost, die das Potenzial ebenfalls erkannt haben und nun auch ihre Dienste ausweiten und anbieten wollen. Auch klassische Lebensmittelanbieter bleiben nicht untätig und rüsten ihre Lieferangebote auf. „Dabei setzen sie verstärkt auf Kooperationen – wie zum Beispiel Rewe mit Flink, oder der Biosupermarkt Alnatura setzt auf eine Vielzahl von Kooperationen mit Online-Supermärkten, um so seine Produkte über diese Kanäle an die Kunden zu bringen. Auch Edeka hat sich mit Picnic einen Partner fürs Onlinegeschäft ins Boot geholt und schließlich hat sich Kaufland mit der Übernahme von Real-Märkten auch deren Online-Präsenz gesichert“, fasst Scheunemann zusammen.

Doch wie viel Wachstumspotenzial bietet der Markt wirklich? Der Blick auf den deutschen Einzelhandelsumsatz zeigt, dass vor Corona (2019) der Anteil des Online-Lebensmittelhandels bei knapp einem Prozent lag. Im Jahr 2020 hat sich der Umsatz auf zwei Prozent verdoppelt und in Berlin, Düsseldorf und München soll der Anteil nach einer Untersuchung von Ernst & Young sogar sieben bis acht Prozent des lokal generierten Umsatzes betragen. Kein anderes Handels-Segment kann derzeit solch hohe Wachstumsraten vermelden. „Zwei Prozent klingen zunächst nach wenig, aber in absoluten Zahlen bedeutet dies ein Volumen von rund drei Milliarden Euro“, stellt Scheunemann klar.

Digitaler Alltag wird automatisierte Nachversorgung etablieren

Zwar ist eine gewisse Konsolidierung der Branche zu erwarten, doch ist davon auszugehen, dass die Anmietungsaktivitäten sich auch im nächsten Jahr fortsetzen werden. Nicht nur die Pandemie, sondern auch die Digitalisierung des Alltags wird das Einkaufsverhalten der Konsumenten weiter verändern. „Viele Produkte werden in Zukunft nicht mehr klassisch im Supermarkt oder beim Discounter eingekauft oder bestellt, sondern über eine automatisierte Nachversorgung direkt und schnell nach Hause geliefert werden“, erwartet Scheunemann.

Auch die zunehmenden Quartiersentwicklungen in den Großstädten und Stadtstrukturen im Sinne der „15-Minuten-Stadt“ werden den Lieferdiensten weitere Optionen bieten. Einen Aspekt gilt es aber genau im Auge zu behalten: Angesichts aktuell stark steigender Preise auch für Lebensmittel reagieren die Konsumenten gegebenenfalls sensibel auf Zusatzkosten wie Liefergebühren. Je länger die inflationären Treiber wirken, desto stärker wird dieser Effekt auf Lieferdienste wirken.

Auch interessant:

zuletzt editiert am 30.11.2021