Schon wieder ein neues Nachhaltigkeits-Label? Die Initiative „ESG Circle of Real Estate“ will einen weltweiten Scoring-Standard schaffen. immobilienmanager sprach darüber mit Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB.
In der deutschen Nachhaltigkeits-Szene rumort es. Rund 30 Immobilieninvestoren haben sich zum „ESG Circle of Real Estate“ zusammengetan, um ein eigenes Nachhaltigkeits-Scoring für ihre Bestände zu entwickeln. Und dies, obwohl es schon eine Menge Labels gibt, allen voran das Zertifizierungs-System der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). immobilienmanager sprach darüber mit Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB.
Wie bewerten Sie die neue Initiative aus Sicht der DGNB?
Christine Lemaitre: Grundsätzlich finde ich es schön, wenn sich Bestandshalter um dieses Thema kümmern. Aber es ist schade, dass nicht vorab mit uns gesprochen wurde und damit nicht die Chance genutzt wurde, auf Bestehendes zurückzugreifen. Schließlich haben wir die gleichen Ziele. Das, was gefordert wird, bieten wir an bei der DGNB. Mein Appell lautet: Lasst uns aufhören, immer wieder von vorne anzufangen! Das kostet unnötig Zeit und Geld.
Aber die Kritik lautet, dass bei den bestehenden Nachhaltigkeits-Labels der Klimapfad 2050 nicht ausreichend abgebildet wird.
Das trifft nicht zu auf die DGNB. Anfang 2020 haben wir eine neue Version des Zertifizierungssystems für Gebäude im Betrieb veröffentlicht, das frei verfügbar ist. Ein Kernelement ist die Erfassung der realen Verbräuche, die Ermittlung der CO2-Werte und das Aufstellen eines Fahrplans für die nötigen Maßnahmen. Es ist ein strategischer Ansatz mit wirtschaftlich verträglichen Schritten. Darüber hinaus haben wir auf der Expo Real 2019 erstmals die Auszeichnung „Klimapositiv“ vorgestellt für Gebäude, die schon jetzt eine CO2-Bilanz von Null oder kleiner Null erreichen. Elf Immobilien wurden ausgezeichnet. Das zeigt, dass man heute schon Gebäude klimaneutral bauen und betreiben kann.
Wie sieht es mit dem Einwand aus, dass ein Neubau, der einmal zertifiziert wurde, dennoch unbefriedigende Verbrauchswerte haben kann?
Bei den Neubauzertifikaten der DGNB geht es um die Bauqualität eines Gebäudes bei Fertigstellung. Ein Gebäude braucht zwei bis drei Jahre, bis es im Betrieb eingesteuert ist. Unter Fachleuten gibt es den Begriff des „Performance Gap“. Er besagt, dass die vorab berechneten Werte den Verbrauch nicht genau abbilden. Denn die Berechnungen beruhen auf den genormten Nutzungsszenarien der Enev und dienen dazu, Vergleichbarkeit in der Planung herzustellen. Verbrauchsdaten bilden die tatsächliche Nutzung ab, und sie umfassen weitere Bereiche wie beispielsweise den Nutzerstrom.
Warum schreibt die DGNB keine Rezertifizierung beim Neubaulabel vor oder versieht es mit einem Ablaufdatum?
Das hat mehrere Gründe: Einerseits bleibt die Bauqualität des Gebäudes ja bestehen, also kann das Neubauzertifizikat nicht ablaufen. Wir können zukünftige Eigentümer auch nicht rechtlich zu einer Rezertifizierung verpflichten. Statt einer Rezertifizierung des Neubaus ist aber auch etwas anderes wichtiger, nämlich eine Zertifizierung für den Betrieb der Gebäude. Diese ist wesentlich schlanker als eine Neubauzertifizierung und fokussiert auf die für die Nutzung relevanten Kriterien. Eine Rezertifizierung als Bestandsgebäude macht darauf aufbauend Sinn, wenn bauliche Veränderungen vorgenommen wurden.
Wie hoch ist denn die Quote der Gebäude mit Neubauzertifikat, die als Bestandsgebäude rezertifiziert wurden?
Ihre Zahl dürfte gering sein, denn man zertifiziert ein Gebäude erst wieder, wenn man etwas daran macht. Sei es ein Verkauf oder eine Sanierung. Da es das DGNB-System erst seit rund elf Jahren gibt, haben viele Immobilien noch nicht das Alter zum Beispiel für eine Sanierung erreicht.
Das Gespräch führte Roswitha Loibl.
Wenn Sie mehr über den „ESG Circle of Real Estate“ erfahren möchten, finden Sie hier den ausführlichen Artikel zum Thema .
