Frau im Schattenprofil
Symbolbild: Unsere Interviewpartnerin möchte anonym bleiben, daher haben wir auch den Namen geändert. (Quelle: Unsplash)

Finanzierung

07. July 2022 | Teilen auf:

"Meine Konten wurden geschlossen"

Unternehmerinnen und Unternehmer mit einem russischen Pass haben es seit dem Beginn des Ukraine-Krieges schwer in Deutschland. Die Immobilien-Investorin Anja Petrova (Anm.d.Red.: Name geändert) lebt und arbeitet in Berlin. Sie berichtet über ihre Situation.

Wie lange sind Sie schon auf dem deutschen Immobilienmarkt tätig?

Anja Petrova: Meine damaligen Partner und ich haben 2010 angefangen, nach interessanten und vielversprechenden Immobilienprojekten zu suchen. Damals noch von Moskau aus, meiner Heimatstadt. Der Markt in Deutschland, insbesondere in Berlin, war besonders attraktiv. Hier gab und gibt es zahlreiche Objekte mit jeder Menge an Potenzial. Bislang habe ich 20 Mehrfamilienhäuser mit entwickelt, die jetzt vermietet werden.

Seit wann leben Sie in Berlin?

Anja Petrova: Vor drei Jahren habe ich über Polen eine EU-Aufenthaltsgenehmigung erhalten und bin nach Deutschland gezogen, um näher dran zu sein. Berlin ist eine tolle, ruhige Stadt. Und so grün. Ich war in den letzten Jahren öfter in Russland, um meine Familie zu besuchen. Aber auch das ist jetzt schwierig geworden. In Berlin habe ich durchaus eine Heimat gefunden. Als nächstes wollte ich hier eigentlich ein großes Projekt realisieren, über 13.000 Quadratmeter sollte es umfassen. Aber seit Kriegsbeginn in der Ukraine hat sich mein Leben auf den Kopf gestellt.

Was genau ist passiert?

Anja Petrova: Als die ersten Sanktionen gegen Russland in Kraft traten, wurden alle Konten – also diejenigen für meine Berliner Mietshäuser, für mein Unternehmen und auch mein privates Konto – eingefroren.

Von wem?

Anja Petrova: Ich hatte alle Konten bei einer großen deutschen Bank. Sie schickte mir einen Brief, dass alle meine Konten geschlossen würden. Ohne Begründung, was rechtlich zulässig ist. Ich bekam zwei Monate Zeit, um die Konten zu einer anderen Bank zu transferieren.

Haben Sie eine andere deutsche Bank gefunden?

Anja Petrova: Ja, im Moment ist dieses Problem gelöst, aber ich habe Sorge, dass mir dasselbe wieder passiert. Was soll ich dann machen, wenn beispielsweise die Bezahlung der Heizkosten ansteht? Der Kontentransfer war ein großer Aufwand, nicht nur für mich, sondern auch für die Mieter, die beispielsweise das Jobcenter darüber informieren mussten, wohin die Miete nun überwiesen werden sollte.

Und wie ist es bei Ihrem Neubauprojekt: Sind die Kredite dafür gesichert?

Anja Petrova: Nein, es steht momentan still. Die Kredite liefen über die deutsche Tochter einer russischen Bank, der Vertrag wurde beendet. Ich habe bei anderen Banken angefragt, bekam aber keine Zusagen. Das Gebäude soll aus Holz gebaut werden. Dafür hatte ich mit einem großen deutschen Holzbauunternehmen kooperiert, das nun aber nicht mehr mit uns zusammenarbeiten will. So können die Wohnungen nun erst einmal nicht gebaut werden, obwohl sie dringend benötigt würden.

Wie stellt sich die Situation für Sie persönlich dar?

Anja Petrova: Ich kann die Maßnahmen nicht nachvollziehen, schließlich habe ich eine Aufenthaltserlaubnis, die noch bis Ende 2023 gültig ist, eine Adresse in Polen und eine in Deutschland. Und ich zahle Steuern hier. Ja, ich habe einen russischen Pass, und ich möchte auch russische Staatsbürgerin bleiben. Aber es kann doch nicht sein, dass die Tatsache, dass man eine Russin in Deutschland ist, gleich eine rote Warnlampe aufleuchten lässt.

Haben Sie auch privat Ressentiments erfahren?

Anja Petrova: Von meinen Freunden oder Geschäftspartnern habe ich keine bösen Worte gehört. Sie kennen mich, wissen, wie ich ticke und dass ich den Krieg verabscheue. Sie versuchen mich zu unterstützen – viel können sie allerdings auch nicht machen. Als ich eines Morgens aber zu meinem Auto ging, hatte jemand das Wort Faschist darauf eingeritzt und es mit Hakenkreuzen beschmiert – vermutlich, weil ich ein russisches Nummernschild habe. Auch auf meiner Bürotür gab es Schmierereien. Das hat mich wirklich schockiert. Ich weiß, dass es hierzulande auch viele Russinnen und Russen gibt, die Putins Krieg befürworten. Aber so unter Generalverdacht gestellt zu werden, hätte ich nicht erwartet.

Wie würde Ihr Appell an die Politik aussehen?

Anja Petrova: Eigentlich war ich immer ein unpolitischer Mensch und wollte mich nicht in solche Themen involvieren lassen. Die schrecklichen Bilder, die uns täglich erreichen, haben das aber geändert. Putin sollte seinen Angriffskrieg sofort beenden. Er hat schließlich das Gegenteil seiner ursprünglichen Ziele erreicht. Die NATO ist geschlossener als je zuvor und wird nun sogar erweitert. Und die russischen Bürger werden die Folgen des Krieges und der Sanktionen noch über Jahre spüren. Doch auch von der Politik hierzulande würde ich mir mehr Nuancen in ihren Entscheidungen wünschen. Es gibt viele Russinnen und Russen wie mich, die nur in Frieden leben wollen, ihren Teil beitragen und auch Steuern zahlen. Ich hoffe einfach, dass die Welt bald wieder normal wird.

Das Gespräch führten Yannis Tzakris, Geschäftsführer der Black Label Property Management GmbH, der die Häuser von Anja Petrova verwaltet, und Roswitha Loibl, Senior Management Programm, immobilienmanager.

zuletzt editiert am 07.07.2022