Cyril Pouet (Bild: SPIE)
Cyril Pouet (Bild: SPIE)

Management

18. November 2021 | Teilen auf:

Interview: Kurswechsel im Facility Management

Die FM-Branche hat in Rekordzeit einen umfassenden Digitalisierungsprozess durchlaufen - Cyril Pouet ordnet die pandemiebedingte Entwicklung ein.

Facility Management verbindet den technischen Betrieb eines Gebäudes mit Dienstleistungen für seine Nutzer: von der Verbesserung der Lebensqualität am Arbeitsplatz, über hybrides Arbeiten bis zur Senkung des Energieverbrauchs. Die Pandemie hat zwar keine Revolution in der Branche ausgelöst, aber sie hat es ermöglicht, dass die Branche in Rekordzeit einen umfassenden Digitalisierungsprozess durchlaufen hat. Cyril Pouet, Mitglied des Tech-FM-Ausschusses der Spie Gruppe, teilt seine Beobachtungen und Erkenntnisse für die kommenden Jahre.

Haben sich die Erwartungen der Gebäudenutzer durch die Pandemie verändert?

Viele sprechen zu Recht von einer „Revolution" seit Beginn der Corona-Krise. Und das trifft zweifellos in vielen Bereichen zu. Im Facility Management würde ich eher von einem Kurswechsel sprechen oder von einer messbaren Beschleunigung grundlegender Trends, die wir bereits seit einigen Jahren beobachten: Dies gilt beispielsweise für das hybride Arbeiten und damit verbunden dem „flexiblen Büro" oder der Neugestaltung des Arbeitsplatzes.

In allen Ländern kam es zu einer abrupten Veränderung: Wir alle mussten von einem Tag auf den anderen aus der Ferne arbeiten; die Digitalisierung war die unabdingbare Voraussetzung für die Fortführung der Berufstätigkeit. Werden wir wieder zum alten Zustand zurückkehren? Das glaube ich nicht, abgesehen von einigen wenigen Sonderfällen. Hybride und flexible Arbeitsformen werden zu einem festen Bestandteil der Unternehmensorganisation werden. Dieser Richtungswechsel, dieses Umdenken bei den Arbeitsmethoden, hat natürlich Folgen für die Art und Weise, wie die Unternehmen ihren Arbeitsbereich und die Digitalisierung ihrer Tätigkeiten gestalten.

Und paradoxerweise sind auch einige „Grundlagen" an die Zeichen der Zeit angepasst worden...

Dies ist in der Tat eine der unerwarteten Folgen. Wer hat sich zum Beispiel vor der Krise um Viren in der Luft gekümmert? Während der Lockdown-Phasen haben wir unseren Kunden Lösungen angeboten, die es ihren Mitarbeitenden ermöglichten, sicher ins Büro zurückzukehren. In meinem Verantwortungsbereich haben wir beispielsweise gemeinsam mit einem Partner eine innovative Lösung zur Luftdesinfektion mit UVC-Strahlung implementiert. In allen Ländern, in denen wir vertreten sind, haben wir unsere Aktivitäten zur Gewährleistung der Sicherheit und Zuverlässigkeit der bestehenden Anlagen verstärkt und eine Reihe von Luftstrommessungen durchgeführt.

Die Krise hat auch zur Entstehung von digitalen Innovationen geführt. In der Schweiz hat einer unserer Mitarbeiter ein System entwickelt, das erkennt und warnt, wenn die zulässige Personenanzahl in einem Sitzungssaal oder einer Cafeteria überschritten wird. Ein weiterer Use-Case ist die Lösung zur Einhaltung der sozialen Distanzierungsrichtlinien.

Vor welchen Herausforderungen steht die Digitalisierung des Facility Managements heute?

Vereinfacht formuliert, hatten wir in der Vergangenheit auf der einen Seite den Gebäudeverwalter und auf der anderen das Unternehmen, das die Gebäude instand hielt. Seit einigen Jahren sind die Arbeitnehmenden mit eigenen Forderungen Teil dieses Systems; seit der Corona-Krise kann man sogar sagen, dass sie im Zentrum unserer Aktivitäten stehen. Sie kümmern sich nicht mehr nur um ihre wenigen Quadratmeter Bürofläche, sondern sind nun Akteure ihres Arbeitsbereichs im weiteren Sinne: Sie buchen Sitzungsräume, richten Videokonferenzen ein und so weiter.

Eine weitere, noch sehr junge Entwicklung ist ihre persönliche Sensibilität für CSR, nachhaltige Entwicklung und die Ziele der Reduzierung von CO2-Emissionen. Sie möchten wissen, wie sie weniger Energie verbrauchen können oder warum auf ihrem Firmendach Photovoltaikanlagen installiert wurden und so weiter. Diese Anliegen sind zusammen mit neuen gesetzlichen Vorschriften zur Erfüllung der Ziele für die Verringerung der Treibhausgasemissionen die wichtigsten Treiber für den Facility-Management-Markt. Die eigentliche Herausforderung besteht also darin, auch Personen, die nicht unbedingt über großes technisches Wissen verfügen, Werkzeuge anzubieten, damit die Gebäudemanager einen optimalen Betrieb gewährleisten und die Nutzer zu Akteuren ihrer Umgebung werden können.

Hat die Arbeit des Menschen in diesem Prozess der Digitalisierung noch einen Platz?

Ja, denn die Datenerhebung ist nur ein Teil der Arbeit. Heutzutage weiß (fast!) jeder, wie man Daten sammelt. Aber was ist mit „nützlichen" Daten? Die Kenntnis des Kunden, seiner Anlagen und Herausforderungen ist absolut unerlässlich. Bei der zustandsbedingten Instandhaltung können diese Daten beispielsweise einen Eingriff auslösen, wenn eine Alarmschwelle überschritten wird.

Noch interessanter ist die Möglichkeit, die gesammelten Daten so zu analysieren, dass ein Eingreifen im Vorfeld möglich ist. Hier kommt die vorausschauende Wartung ins Spiel: Durch den Abgleich verschiedener Situationen und Ereignisse in der Vergangenheit können Eingriffe vorausschauend und besser geplant werden.

Alle Möglichkeiten, die sich durch die Datenerfassung eröffnen, werfen aber auch die Frage der Cybersicherheit und des Schutzes personenbezogener Daten auf. Dies ist im Übrigen auch eines der Hauptanliegen unserer Kunden. Diese Form der Digitalisierung braucht Zeit: Umsetzung, Feedback, Anpassungen, manchmal über mehrere Monate hinweg, bevor die richtige Lösung gefunden ist. Fachwissen spielt also nach wie vor eine wichtige Rolle!

zuletzt editiert am 18.11.2021