Prof. Dr. Konrad Wimmer, Executive Partner der MSG GillardonBSM AG,  und Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Klaus Peter Sedlbauer, Institutsleiter des Fraunhofer-Institut für Bauphysik und Ordinarius am Lehrstuhl für Bauphysik der Technischen Universität München. (Bildquelle: BIM World)
Prof. Dr. Konrad Wimmer, Executive Partner der MSG GillardonBSM AG, und Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Klaus Peter Sedlbauer, Institutsleiter des Fraunhofer-Institut für Bauphysik und Ordinarius am Lehrstuhl für Bauphysik der Technischen Universität München. (Bildquelle: BIM World)

Digitalisierung

15. November 2021 | Teilen auf:

Interview: Erheblicher Handlungsdruck

Gratis imPlus-Beitrag: Klaus Peter Sedlbauer und Konrad Wimmer über die Herausforderungen des Gebäudesektors im Kontext der beschlossenen Klimaziele.

Herr Sedlbauer, vor welcher Herausforderung steht der Gebäudesektor im Kontext der beschlossenen Klimaziele?

Wir stellen fest, dass der Handlungsdruck doch ganz erheblich ist, wenn die Klimaneutralität in diesem Sektor bis spätestens 2045 realisiert werden soll. Gleichzeitig versprüht der Immobilienbereich bisher kaum Dynamik, das heißt, wir verzeichnen eine Stagnation in Bezug auf die ökologische Neuausrichtung. Dabei müssen bereits bis 2030 Einsparungen von 43 Prozent vorgenommen werden, was eine Vervielfachung der Anstrengungen bedeutet.

Herr Sedlbauer, halten Sie es für eine ausreichende Strategie, (nur) auf die Erhöhung der Energieeffizienz zu setzen?

Natürlich ist das ein richtiger und wichtiger Schritt, dieses Instrument zu nutzen – quasi als Mittel zum Zweck. Entscheidend ist es jedoch, die Maßnahmen direkt anhand ihres Potenzials zur CO2-Einsparung zu bewerten. Und dabei ist unbedingt auf die Bewertung über den gesamten Lebenszyklus – Stichwort LCA – zu achten.

Veranstaltungshinweis: BIM World Munich 2021

Seit sechs Jahren ist die Fachmesse mit Kongress die führende Netzwerkplattform im deutschsprachigen Raum für nationale und internationale Akteure der Bau- und Immobilienwirtschaft. Die jährlich in München stattfindende Veranstaltung setzt sich zusammen aus einem zweitägigen internationalen Kongress auf mehreren Bühnen und einer Messe mit integrierten offenen Foren sowie der BIM Town Innovation Area mit Pitch-Sessions und der Verleihung des Smart Building/Smart Construction Innovation World Cup® Awards.

Die BIM World Munich 2021 findet am 23. – 24. November im ICM International Congress Center München als reine Präsenzveranstaltung statt.

Am 24. November ab 13:30 werden u.a. die Bayerische Landesbank, msGilliardon, das Fraunhofer Institut sowie Drees & Sommer die Fragen erörtern, ob "Sustainable Finance" eine CO2-arme Bauwirtschaft ermögliche kann.

Weitere Infos zum Programm: www.bim-world.de/program

Tickets und Registrierung: www.bim-world.de/registration

Herr Wimmer, wo sehen Sie aus ökonomischer Sicht die Ursache für die Fehlentwicklungen beim Klimawandel?

Preise berücksichtigen bisher weder Umweltfolgekosten noch Risiken durch die veränderten Rahmenbedingungen einer klimaneutralen Wirtschaft. Im Gegenteil: Wir beobachten ja alle das Moral Hazard- Verhalten. Ein nachhaltigerer Lebensstil kostet zunächst nur Geld, und es ergibt sich kein unmittelbar messbarer Nutzen. Andererseits treten Schäden häufig erst in der Zukunft und an entfernten Orten auf. In der Volkswirtschaftlehre spricht man auch von externen Effekten und vom Marktversagen. Die Folgen des Klimawandels sind weder im Flugticket noch im Fleischpreis enthalten und das, obwohl die Produktion und der Konsum dieser Produkte durch den CO2- beziehungsweise Methan-Ausstoß das Klima schädigen.

Herr Wimmer, wenn wir jetzt den Blick auf die Bankenbranche richten, die neue Immobilien und Modernisierungsmaßnahmen finanziert. Welche Hebel hat denn die Finanzbranche?

Auf die Kreditvergabeentscheidung übertragen müssen Banken künftig bei nicht-grünen Investitionen Zinsaufschläge vornehmen. Die höheren Kreditzinsen sind gerechtfertigt, weil die Kreditgeber höhere Adressausfallrisiken einpreisen müssen. Die konsequente Bepreisung hat den Vorteil, sehr schnell wirken zu können, und sie entspricht unseren marktwirtschaftlichen Prinzipien. Kurz: es lohnt sich künftig auch bei der Kreditaufnahme, nachhaltige Immobilien zu bauen beziehungsweise zu erwerben, denn im Umkehrschluss fällt der Kreditzins bei grünen Immobilien niedriger aus. Anders als bisher wird dann das Risiko der Banken, aufgrund der Klimaneutralitätsziele auf „Stranded Assets“ sitzen zu bleiben, abgebildet.

Herr Sedlbauer, Sie propagieren seit Jahrzehnten die Ökobilanz, die Auskunft über die ökologische Bewertung eines Bauvorhabens gibt. Nun hilft es bisweilen wenig, wenn das Ergebnis unerfreulich ist. Kann man also auch Vorschläge ableiten zum Beispiel, dass Bauvorhaben alternativ gestaltet werden könnte?

Insbesondere im Bausektor spielt die Ökobilanz als Grundlage für Entscheidungsprozesse oder für das Marketing eine zunehmend große Rolle. Nehmen wir ein großes Bauvorhaben in der Innenstadt. Hier wollen Stadträte heute schon – und das auch zu Recht und objektiv bewertet – wissen, welche Umweltwirkungen zu erwarten sind. In manchen Situationen bestehen bereits obligatorische Vorgaben für Umweltkennzahlen bei öffentlichen Vergabeverfahren, zum Beispiel im Bundesbau.  

Bereits in frühesten Planungsphasen kann die Ökobilanz richtungssichere Unterstützung bereitstellen, beispielsweise durch intelligente Annahmen und automatisierte Bewertungen auf Basis von Typgebäuden und Benchmarks. Dabei sind nur wenige Kennwerte wie Gebäudegröße, Gebäudetyp, Bauweise, Baujahr und energetischer Zustand notwendig. Und natürlich ermöglicht unsere Vorgehensweise, Alternativen bei der Bauplanung durchzuspielen, indem konkret unterschiedliche Baustoffe über den Lebenszyklus hinweg bewertet werden – verknüpft mit einer Kostenschätzung. Der Bauherr oder Investor hat somit eine belastbare Entscheidungsgrundlage.

Herr Sedlbauer, welche Informationen kann eine LCA bereitstellen?

Sie stellt in quantitativer Form die Umweltwirkungen wie das Klimawandelpotenzial, aber auch viele andere Auswirkungen auf die Umwelt dar. Wichtig ist es, dabei den Blick auf die Umweltwirkungen über den gesamten Gebäudelebenszyklus sowie daraus abgeleitete Risiken zu richten. Auch werden potenzielle monetäre Risiken transparent, da auch die vermutlich in der Zukunft stark steigenden CO2-Preise transparent gemacht werden.

Herr Wimmer, das schlägt auch schon die Brücke zu den ökonomischen Konsequenzen. Was war denn der Beweggrund für das ökonomisch-ökologisch kombinierte Bewertungsmodul, das Sie gemeinsam mit dem IBP für die Bank- und Immobilienwirtschaft entwickelt haben?

Eine reine ökonomische Betrachtung, für die unsere Kalkulationslösungen in der Bankwirtschaft seit 40 Jahren stehen, reicht bei der Kreditbepreisung künftig nicht mehr aus. Unsere ökonomische Vorgehensweise passt andererseits hervorragend mit der Ökobilanz zusammen. Bezogen auf Planungs- und Bewertungsmodelle sind wir schon immer lebenszyklusorientiert. Ausgehend von den Ökobilanzdaten, die wir um originäre betriebswirtschaftliche Daten anreichern, verbinden wir Planungsrechnungen mit Szenariorechnungen und Simulationen. Die von Herrn Sedlbauer angesprochene Bewertung von Baualternativen wird folglich auch an dieser Stelle umgesetzt.

Herr Sedlbauer und Herr Wimmer, welche Herausforderungen sind noch zu bewältigen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft?

Hier dürfen wir gleich gemeinsam antworten: Ein zentrales Problem ist die Verfügbarkeit der Input-Daten, wie sich auch bei der Umsetzung der EU-Taxonomie zeigt. Und die besten Ansätze werden nicht nachgefragt, wenn der damit verbundene Aufwand zu hoch ist. Digitalisierung und die Automatisierung von Abläufen werden dabei helfen, den Bewertungsaufwand deutlich zu reduzieren und damit die „Serienreife“ zu gewährleisten. Und nicht zuletzt müssen auch Fördermaßnahmen der öffentlichen Hand noch direkter als bisher auf die gesamten Umweltwirkungen abzielen.

zuletzt editiert am 15.11.2021