Trend aufwärts Kurve Pfeil
Die Inflationsrate könnte nicht nur kurzfristig steigen, meinen die Researcher der Deutschen Bank. (Bild: Frank Busch/Unsplash)

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30. July 2021 | Teilen auf:

Inflation dürfte längerfristig steigen

Kommentar: DB Research erwartet, dass Faktoren wie Angebotsengpässe, lebhafte Nachfrage und angesammelte Ersparnisse die Inflation anheizen.

„Die Inflationsrisiken in Deutschland sollten nicht länger unbeachtet bleiben.“ Dies schreiben die Researcher der Deutschen Bank, die eine Untersuchung dazu vorgelegt haben.

Die erneute Öffnung der Weltwirtschaft nach dem Corona-Schock hat in zahlreichen Sektoren zu Angebotsengpässen geführt; die Liste reicht von Öl über Holz bis zu Computerchips. Angesichts der gut ausgelasteten Logistikkapazitäten schnellen die Transportkosten in die Höhe. Unternehmen aus dem Produzierenden Gewerbe gehen davon aus, dass sie nicht nur diese höheren Inputkosten weitergeben, sondern dank der lebhaften Nachfrage außerdem ihre Gewinnmargen ausweiten können.

Im Dienstleistungssektor, wo sich praktisch gleichzeitig ebenfalls ein Aufschwung vollzieht, ist die Situation nicht viel anders. Der durch die unfreiwillige Ersparnis während der Lockdowns entstandene Nachfragestau trifft auf ein ausgedünntes Angebot, da nicht alle Unternehmen die Krise überstanden haben.

In beiden Sektoren ist ein starker Preisdruck zu spüren. Zum jetzigen Zeitpunkt könnte es sich dabei noch um ein vorübergehendes Phänomen handeln, das sich wieder gibt, wenn die Weltwirtschaft wieder rund läuft. Neben dieser sehr ungewöhnlich verlaufenden zyklischen Erholung spielen verschiedene strukturelle Faktoren eine Rolle, zum Beispiel Hindernisse für die Globalisierung, der demografisch bedingte Arbeitskräftemangel und das Streben nach CO2-Neutralität. Zusammengenommen dürften alle diese Trends die Inflation insbesondere in Deutschland längerfristig ankurbeln.

Wirtschaftspolitik könnte Versuchung nachgeben

Damit diese zyklischen und strukturellen Faktoren einen neuen Inflationszyklus auslösen, der die Phase der großen Mäßigung beendet und dazu führt, dass das EZB-Inflationsziel nicht mehr unterschossen wird, muss ein dritter Faktor hinzukommen: die Wirtschaftspolitik. Der außerordentlich expansive fiskal- und geldpolitische Kurs im vergangenen Jahrzehnt hat sicherlich den Boden für eine solche Entwicklung bereitet, zumal inzwischen mit der engen Kooperation beider Politikbereiche ein wirtschaftspolitischer Paradigmenwechsel stattfindet.

Wahrscheinlich werden die politischen Verantwortungsträger der Versuchung nachgeben und diesen neuen Ansatz (der durchaus zum Überwinden des Corona-Schocks beigetragen hat) weiter verfolgen, in dem falschen Glauben, damit die Gesellschaft vor den oben genannten strukturellen Gegenwinden schützen zu können.

Gebäudesektor: CO 2 -Preis allein hat begrenzten Einfluss

Dieses Jahr wurde ein CO2-Preis für die CO2-Emissionen des Verkehrssektors und von Gebäudeheizungen eingeführt. Er dürfte die Inflationsrate in Deutschland in diesem Jahr um rund 0,5 Prozentpunkte nach oben treiben. Gleichzeitig wird die EEG-Umlage gesenkt, sodass sich der aggregierte Effekt auf rund 0,3 Prozentpunkte belaufen sollte.

Da der CO2-Preis von derzeit 25 pro Tonne auf 55 Euro im Jahr 2025 angehoben werden soll, wird er zumindest so lange inflationstreibend wirken, wie die entsprechenden CO2-Senkungen aufgrund der kurzfristig inelastischen Energienachfrage begrenzt bleiben.

Hohe Investitionen in Bestandsimmobilien nötig

Die erforderlichen, umfangreichen Investitionen in die Energieinfrastruktur und die Wärmeisolierung von Gebäuden (unter anderem neue Heizsysteme oder die Sanierung von Fenstern, Dächern oder Fassaden) könnten mittelfristig sehr viel größeren Einfluss auf die Inflationsraten haben.

Verfügbare Schätzungen zu den Kosten der ökologischen Wende für die deutsche Wirtschaft beschränken sich in der Regel auf den Umbau des Energiesektors, also auf Investitionen in Technologie und Infrastruktur (Stromerzeugung und Stromnetz). Und selbst diese Teilschätzungen hängen in hohem Maße von den zugrunde liegenden Annahmen ab. Dies gilt umso mehr für Modelle, die auch die möglichen Auswirkungen auf das BIP-Wachstum und die Beschäftigung einbeziehen – ganz zu schweigen von potenziellen externen Kosten und Nutzen, zum Beispiel den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft insgesamt.

Einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE zufolge könnten sich die Gesamtkosten für die Umstellung des Energiesystems auf rund 6.500 Milliarden Euro belaufen (das heißt. nahezu das Doppelte des jährlichen BIP), wenn der CO2-Ausstoß bis 2050 um 90 Prozent gesenkt werden soll. Gleichzeitig untersucht das Institut ein Vergleichsszenario, in dem die Preise für fossile Energieträger jährlich um zwei Prozent ansteigen und die Preise für CO2-Zertifikate schrittweise bis 2030 auf 100 Euro pro Tonne angehoben werden. Bis zum Jahr 2050 würden die Gesamtkosten in diesem Szenario lediglich um etwa 500 Milliarden Euro niedriger liegen als bei einer Reduzierung der CO2-Emissionen um 90 Prozent – selbst unter Berücksichtigung der Finanzierungskosten.

Die ausführliche Untersuchung im Rahmen des Deutschland-Monitor ist unter https://dbresearch.com abrufbar.

Ifo-Institut sieht temporäres Phänomen

Das Münchener Ifo-Institut sieht im Gegensatz zu DB Research den deutlichen Anstieg der Verbraucherpreise nur als temporäres Phänomen. Er dürfte sich in den kommenden Monaten weiter beschleunigen - auf über vier Prozent. Gründe sind steigende Energiepreise und die Rückkehr zum normalen Mehrwertsteuersatz. Anfang kommenden Jahres aber wird die Inflationsrate allmählich wieder zurückgehen in Richtung zwei Prozent. „Insofern gibt es für die Europäische Zentralbank derzeit noch keinen Anlass, die geldpolitischen Zügel zu straffen“, sagt Timo Wollmershäuser, der Leiter der Ifo Konjunkturprognosen.