Porträtfoto von Jens Blumen, Domain Expert Sustainability bei Building Minds. (Quelle: Buildingminds)
Quelle: Buildingminds

Nachhaltigkeit & ESG

21. October 2021 | Teilen auf:

Hoher Ausschlag beim Stromverbrauch

Auf dem Weg zur CO2-Reduzierung müssen Immobilien einer genauen Analyse unterzogen werden. Worauf es dabei ankommt, besprach immobilienmanager mit Dr. Jens Hirsch, Domain Expert Sustainability bei Building Minds.

Welche Daten sind nötig, um ein Gebäude im Sinne des E in ESG zu verbessern?

Wir benötigen auf alle Fälle Daten zum Heizenergieverbrauch. Sie liegen meistens vor – ebenso wie der Stromverbrauch auf den Allgemeinflächen. Schwieriger wird es bei den Mietflächen, aber wenn der Vermieter ein gutes Verhältnis zu seinen Nutzern hat, dann sind sie sehr häufig auch bereit, die Zahlen herauszugeben. Weitere Daten sind der Wasserbrauch und das Müllaufkommen.

Wieso funktioniert die Weitergabe der Daten trotzdem längst nicht immer?

Der jährliche Stromverbrauch ist natürlich – außer in Sonderfällen – keine wirklich sensible Information. Wenn man dagegen eine Sensorik hat, die den Verbrauch viertelstündlich erfasst, erfährt man auch mehr über die Nutzung der Räume. Gerade dort kann die Analyse aber hilfreich sein. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: In einem Gebäude, in dem zahlreiche Sensoren eingebaut waren, zeigte ein einziger Sensor sehr charakteristische Muster: An manchen Tagen gab es über mehrere Stunden einen hohen und relativ konstanten Ausschlag beim Stromverbrauch. Wir gingen dem nach, und was war der Grund? Ein Mitarbeiter schloss sein Elektroauto zum Laden an.

Was kann ein Unternehmen mit diesem Wissen anfangen?

Es kann beispielsweise das Laden der firmeneigenen Elektroautos oder Serverupdates in Zeiten außerhalb der Verbrauchsspitzen verlegen und dadurch Kosten sparen. Und es ist noch mehr möglich: Mit einem entsprechenden Analysetool lassen sich diese Daten automatisch in CO2-Emissionen umrechnen und unter Klimaaspekten optimieren.

Gebäudedaten liegen ja in den unterschiedlichsten Formen und Qualitäten vor. Wie lassen sie sich zusammenführen?

Die Branche muss wegkommen von Insellösungen, bei denen für jedes Objekt beziehungsweise jeden Anwendungsfall eigene Excel-Sheets vorliegen, und es muss möglich sein, die Zahlen zum Beispiel auch mit Finanzdaten dynamisch zu verbinden. Auch bei der Datenerfassung kann die Digitalisierung durch entsprechende Apps bereits viel Arbeit einsparen und Prozesse vereinfachen. Das Einsammeln der Daten kann dadurch viel effektiver und reibungsloser gestaltet werden als durch den gegenseitigen Austausch ausgefüllter Excel-Vorlagen. Die Fortschritte auf dem Bereich der Künstlichen Intelligenz erlauben außerdem bereits die automatisierte Extraktion von Daten aus Dokumenten. So kann beispielsweise eine Rechnung des Wasserversorgers hochgeladen werden und das System erkennt selbstständig, um welches Gebäude, um welchen Zeitraum und um wie viele Kubikmeter es geht.

Wie lässt sich feststellen, ob ein Gebäude vergleichsweise gut ist bei den CO2-Emissionen – oder eben nicht?

Man muss die Verbrauchswerte zunächst mit Hilfe entsprechender Umrechnungsfaktoren in Emissionen umrechnen. Bei Erdgas ist dies vergleichsweise einfach. Ein Kubikmeter Erdgas entspricht rund zwei Kilo CO2-Emissionen.

[Zwiti] Benchmarking je nach Land unterschiedlich

Und wie sieht es beim Strom aus?

Dort ist es nicht so einfach, denn der Wert hängt vom jeweiligen Energiemix bei der Stromerzeugung ab. Dieser sieht in jedem Land anders aus und ist verändert sich über die Zeit. Natürlich sollten die Emissionen eines Gebäudes aus Sicht des Klimaschutzes möglichst gering sein, aber ein realistisches Benchmarking muss für echte Vergleichbarkeit die nationalen Umstände berücksichtigen. Der hohe Anteil erneuerbarer Energieträger bei der Stromproduktion in vielen skandinavischen Ländern führt natürlich dazu, dass auch die Emissionswerte im Schnitt niedriger liegen als beispielsweise in Deutschland.

Wofür wird dieses Benchmarking benötigt?

Um überhaupt einen realistischen Pfad zur Dekarbonisierung einschlagen zu können. Viele Bestandshalter orientieren sich bei energetischen Sanierungen mittlerweile an den bis 2050 laufenden Zielpfaden des Carbon Risk Real Estate Monitor Projekts (CRREM). Insbesondere langfristig orientierte Investoren sind sehr interessiert an solchen Pfaden, um die Risiken durch zukünftige Verschärfungen auf regulatorischer Ebene und veränderte Marktnachfrage abschätzen zu können. So können sie sehen, wie ihre Gebäude im Vergleich zu den selbst gesteckten Zielen dastehen und zum Markt insgesamt. Nach unserem Kenntnisstand greift mittlerweile auch die Bafin auf die an den Erfordernissen des Pariser Klimaabkommens ausgerichteten Dekarbonisierungspfade des CRREM-Projekts zurück, um Fonds als konform mit Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung einzustufen.

Das Gespräch führte Roswitha Loibl.

zuletzt editiert am 21.10.2021