Oliver Wittke
Oliver Wittke (Quelle: ZIA)

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08. September 2022 | Teilen auf:

EZB Zinsschritt: "Ich sehe deshalb einen hohen Qualitätsschub am Markt"

Es klingt nicht nach viel, könnte aber den Markt verändern - in beide Richtungen. EZB macht historischen Zinsschritt.

Die EZB will die Inflation bekämpfen. Ihr Mittel der Wahl: Erhöhung der Zinsen. Mit einem historischen Schritt von gleich 0,75 Prozentpunkten machen die Zentralbanker damit gleich einen riesigen Sprung, der für den Markt enorme Auswirkungen haben könnte. Wir haben mal nachgefragt.

„Wir kommen in eine Kaskade, die es der Immobilienwirtschaft immer schwerer macht, durch eigenes Agieren weitere Negativeffekte abzuwehren“, kommentiert ZIA-Hauptgeschäftsführer Oliver Wittke das heutige Signal aus Frankfurt . „Es ist die Summe an Verschärfungen, die uns so extrem zusetzt.“ Der ZIA-Hauptgeschäftsführer weiter: „In der Folge werden jetzt wohl Zinsen für Immobilienkredite weiter steigen und den Druck auf den Wohnimmobilienmarkt erneut erhöhen.“ Auch für den Markt der Gewerbeimmobilien werde es durch die Leitzinsanhebung um 0,75 Prozent  „noch einmal schwieriger“, so Wittke.  

Der ZIA-Hauptgeschäftsführer verweist auf führende Fonds- und Maklerunternehmen, die erwarten, dass durch die gestiegenen Finanzierungskosten vor allem Werte älterer und weniger nachhaltiger Gebäude unter Druck geraten. Diesen Prognosen zufolge wären Wertverluste von zehn bis 15 Prozent oder sogar mehr zu erwarten. „Damit könnten die Zeiten großer Transaktionsvolumina zu Ende gehen“, so Wittke. Es gehe jetzt darum, „die Hebel, über die Politik und Wirtschaft in dieser Zeit verfügen, dann auch sehr schnell und entschieden zu nutzen“. 

Prof. Dr. Thomas Beyerle von Catella kommentiert: "Kam er überraschend? Nein! Kam er zu spät? Ja. Die Wirkungen auf die Immobilienmärkte im Allgemeinen und die Asset-Klassen im Besonderen sind „eingepreist“. Jetzt können Investoren und Finanzierer endlich Deals angehen, welche in den letzten Monaten verschoben wurden.  Ich sehe deshalb einen hohen Qualitätsschub am Markt. Unsinniges wird wegfallen“.

Timo Wagner, verantwortlich für Debt Advisory JLL Germany: „Der Zinsschritt auch in dieser Höhe kommt nicht überraschend und wurde von den Märkte bereits vorweggenommen und eingepreist. So ist der Fünfjahresswap in den vergangenen zwei Wochen um 50 bis 60 Basispunkte gestiegen und heute nochmals um rund fünfzehn Basispunkte. Ausschlaggebend für weitere Maßnahmen der EZB ist nicht die wirtschaftliche Lage, sondern die Inflationsrate und die Marschroute der US-Notenbank Fed. Sollte die Inflation wider Erwarten nicht auf die Zinserhöhung reagieren und signifikant zurückgehen, wird es einen weiteren Zinsschritt geben.“

Die Berlin Hyp argumentiert: „Der nun eingetretene Zinsschritt wurde von uns so erwartet und war von den Märkten bereits eingepreist. Insofern erwarten wir daraus unmittelbar keine spürbaren Auswirkungen. Die weitere Entwicklung wird ganz maßgeblich von den Perspektiven für die Zeit nach der heutigen Sitzung abhängen.“

Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB: "Mit den heutigen Maßnahmen und einer scharfen Rhetorik forciert die EZB den Kampf gegen die Inflation erneut. Wir rechnen nun im Oktober und Dezember mit weiteren Schritten von jeweils 50 Basispunkten. Bis zum Jahresende könnte der Einlagesatz dann auf 1,75 Prozent steigen. Auch zu Jahresbeginn 2023 - wenn viele Versorger die hohen Strompreise auf die Endverbraucher umlegen dürften und die Inflationsraten hartnäckig hoch bleiben, ist mit weiteren Schritten zu rechnen."

Dr. Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School: "Das hat es in der Zeit der EZB noch nicht gegeben: eine derart hohe Anhebung der Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte. Die heutigen Reaktionen an den Finanzmärkten fallen aber nur schwach aus. Die Märkte haben eine derartige Zinsentscheidung schon in den letzten Tagen vorweggenommen, sie haben mit einem derartigen Schritt gerechnet. So sind sowohl die Renditen der Bundesanleihen als auch die Hypothekenzinsen nicht in dem gleichen Ausmaß wie die EZB-Anhebung angestiegen.

Gleichwohl wird sich diese Zinsanhebung langfristig negativ auf die Immobilien- und Bauwirtschaft auswirken. Die Transaktionen werden auf der einen Seite durch die teurere Finanzierung und auf der anderen Seite durch die besser verzinsten Alternativen (Anleihen) belastet. Es ist mit einem geringeren Volumen zu rechnen und auch die Preise werden sinken. Noch zeichnet sich nicht ab, wie stark der Preisrückgang ausfallen wird. Auch die negativen Folgen der Zinsanpassung auf die konjunkturelle Entwicklung werden sich negativ für die Immobilienwirtschaft auswirken. 

Insgesamt ist die Party des vergangenen Jahrzehnts auf den Immobilienmärkten vorbei und die Marktteilnehmer haben sich auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen. Spannende Zeiten kommen auf die Branche zu."

Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank: "Bravo! Offensichtlich haben inzwischen auch die Tauben – also die Verfechter einer lockeren Geldpolitik – begriffen, dass längst nicht mehr nur die Reputation von EZB-Chefin Christine Lagarde auf dem Spiel steht, sondern dass die gesamte Institution ihre Glaubwürdigkeit verliert. Nämlich dann, wenn es ihr nicht gelingt, die langfristigen Inflationserwartungen wieder zu stabilisieren und die Abwärtsspirale des Euro zu brechen.

Doch die Herausforderungen sind groß, vielleicht sogar riesig: Das Inflationsproblem im Euroraum können die Währungshüter nicht aus eigener Kraft lösen. Denn mit monetären Mitteln lassen sich weder Energiereserven herzaubern, noch Energiepreise senken, noch die Dauer der Energiekrise verkürzen. Zudem steht der Euroraum vor einer Rezession, die vielleicht nicht so stark ausfällt wie beim Ausbruch der Corona-Pandemie, dafür aber deutlich länger anhalten kann.

In diesem extrem schwierigen Umfeld scheint die EZB jetzt endlich richtig zu handeln. Sie nutzt den zeitlichen Spielraum, den sie bis zum Ausbruch dieser Rezession hat, um die Zinsen deutlich nach oben zu schleusen. Ein Anfang ist gemacht."

zuletzt editiert am 09.09.2022