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Markus Hettig (Bild: Schneider Electric)

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07. June 2021 | Teilen auf:

"Gebäudeautomation wird stiefmütterlich behandelt"

Markus Hettig von Schneider Electric spricht im Interview über das Potenzial intelligenter Systeme in der Gebäudeausstattung - und warum die Möglichkeiten in den meisten Gebäuden längst nicht ausgeschöpft werden.

Markus Hettig (Bild: Schneider Electric)

Herr Hettig, wie verändert die Pandemie den Markt für Büroimmobilien?

Ich bin mir sicher, dass viele Unternehmen in Zukunft weniger, dafür aber hochwertigere Flächen nachfragen werden. Bereits das vergangene Jahr hat einen Schub für digitale Lösungen im Gebäude gebracht. Bei Smart-Boards gibt es zum Beispiel einen regelrechten Hype oder auch in Video-Konferenz-Systeme wird viel investiert. Dieser Trend stellt Gebäude, die 20 oder 30 Jahre alt sind, vor Probleme, weil ihre Infrastruktur das häufig gar nicht abbilden kann. Dann bleibt nur die Kernsanierung.

I mmer die neueste technische Infrastruktur einzuplanen, ohne zu wissen, ob die Nutzer sie tatsächlich brauchen werden, kann aber doch auch nicht die Lösung sein.

Es geht erst einmal lediglich darum, Flexibilität vorzusehen. Sie müssen schon in der Planung die Voraussetzung dafür schaffen, dass ein Gebäude für die Nutzer effizient und flexibel sein wird. Das ist ein wichtiges Qualitätskriterium. Wir betreuen zum Beispiel aktuell ein Projekt in Frankfurt, bei dem die künftigen Nutzer noch nicht feststehen und somit auch nicht ihre Anforderungen an die Fläche. Dennoch haben wir das Backbone so aufgebaut, dass die Gebäudeautomation später komplett digital sein kann – Work Place Management ist hier aktuell ein starker Treiber.

In der Vergangenheit hatten Projektentwickler und Investoren diese Investitionen nicht nötig, weil sie ihre Flächen auch traditionell vermieten konnten.

Das ändert sich gerade und zwar weil plötzlich Unsicherheit darüber herrscht, wie viel Fläche große Konzerne und Unternehmen in Zukunft noch anmieten werden. Wenn Investoren nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg nach dem Motto ‚billig bauen, teuer verkaufen‘ aus sind, ist Flexibilität ein wesentliches Kriterium. Ein oder zwei Prozent höhere Kosten für die technische Gebäudeausrüstung zu Beginn, zahlen sich langfristig um ein Vielfaches aus, sei es über die bessere Vermietbarkeit, einen effizienteren Betrieb und am Ende auch über einen höheren Verkaufswert.

Wie hilft die digitale Gebäudeausrüstung beim Work Place Management?

Nehmen wir als Beispiel das Umbauen einer Fläche im laufenden Betrieb, wenn der Mieter zum Beispiel drei benachbarte Räume zu einem Großraumbüro neu gruppieren möchte. Das Facility Management entfernt die Flexwände, stellt die Möbel um, und die Räume werden software-seitig neu zoniert. Die Steuerung von Licht, Heizung und Lüftung behandelt sie sofort als Großraumbüro. Dafür braucht es weder einen Programmierer vor Ort, noch neue Verdrahtungsarbeiten. Über eine einfache Bedienoberfläche übernimmt das der FM-Mitarbeiter direkt und digital. Diese Flexibilität spart dem Eigentümer Kosten und Zeit.

Wenn es um die Erreichung von Effizienz- und Klimaschutzzielen geht, ist der Betrieb von Gebäuden ein wesentliches Kriterium. Entsprechend groß sollte der Stellenwert der TGA sein.

Leider wird die Gebäudeautomation beim Bau von Immobilien oft stiefmütterlich behandelt. Hier wird häufig am falschen Ende gespart, denn man handelt sich damit die späteren Mehrkosten im Betrieb ein. Bei Bestandsaufnahmen stellen wir häufig fest, dass zwei Drittel der verbauten Sensoren gar nicht angeschlossen sind. Fakt ist, dass nur sehr wenige Anlagen zum Zeitpunkt der Übergabe optimal eingestellt sind. Eine intelligente Software wie unser Building-Advisor, der auf die TGA aufgesetzt wird, erkennt Normabweichungen und Schwachstellen im System und sorgt somit für einen effizienten Betrieb. Damit würde der Klassiker, dass nämlich Heiz- und Kühlkreislauf im Gebäude komplett gegeneinander arbeiten, sofort auffallen. In Extremfällen kann ein intelligentes System für eine Investitionssumme von 50.000 Euro bereits in einem Jahr die zehnfache Summe einsparen. Aber selbst wenn sie sich nach sechs oder sieben Jahren amortisiert ist sie sinnvoll.

Das Gespräch führte Markus Gerharz.