Porträt von Dr. Thorsten Huff, Director und Head of Sustainability bei CBRE. Quelle: CBRE
Dr. Thorsten Huff, Director und Head of Sustainability bei CBRE. Quelle: CBRE

Nachhaltigkeit & ESG

29. September 2021 | Teilen auf:

ESG: Genug der Worte, Zeit zu handeln!

Was mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 begann, wird mit dem Inkrafttreten der EU-Taxonomieverordnung im Jahr 2022 keinesfalls enden. Auch künftig werden weitere gesetzliche ESG-Leitlinien hinzukommen und bestehende Standards verschärft werden. Neben den gesetzlichen Anforderungen steigt aber auch der gesellschaftliche Druck seitens der Nutzer und Anleger immer weiter, sich ESG-Themen zu widmen. Wird dies versäumt, droht nicht nur ein Imageverlust – sondern womöglich auch Leerstand in den jeweiligen Objekten. Daher ist es für die Branchenvertreter höchste Zeit, sich zu rüsten und Maßnahmen einzuleiten, die über das regulatorische Mindestmaß hinaus gehen.

Es geht nicht nur um ethische Fragen

Nicht nur das Thema „Nachhaltigkeit“ ist längst in aller Munde. Verbunden mit ihm sind zudem drei Buchstaben, die insbesondere auch die Immobilienwirtschaft in eine Phase des Umbruchs versetzt haben: ESG (Environment, Social, Governance). Die Liste der bestehenden ESG-Regulatorik, die inzwischen gilt, ist lang – und wird weiterwachsen. Neben dem Klimaschutzplan ist auf EU-Ebene die Offenlegungsverordnung in Kraft. Hinzu kommen der European Green Deal sowie die Umweltziele der EU-Taxonomieverordnung. Auf globaler Ebene dominiert insbesondere das Pariser Klimaabkommen.

Für deutsche Immobilienunternehmen bedeutet diese wachsende ESG-Dichte keineswegs nur eine rein ethische Frage. Manager von Immobilienfonds etwa werden in absehbarer Zukunft nachhaltig investieren müssen, um überhaupt Investoren für ihr Produkt zu finden. Bedenkt man zudem, dass in Deutschland der Gebäudesektor als einziger im vergangenen Jahr nicht die Bundesklimaziele erreicht hat, auch wenn andere Sektoren wie der Verkehr sicherlich vom Corona-Effekt profitiert haben, so erkennt man schnell: Es geht auch um das gesellschaftliche Image der Branche.

Neuausrichtung umfasst sämtliche Unternehmensbereiche

Für die Immobilienunternehmen, die erfolgreich am Markt bleiben möchten, schlägt nun die Stunde der Wahrheit. Worte sind genug gewechselt, nun ist es höchste Zeit zu handeln. Die hierfür erforderliche Neuausrichtung umfasst dabei sämtliche Unternehmensbereiche: von der strategischen Entscheidungsfindung hin zur Unternehmenssteuerung oder vom Investmentprozess hin zum Reporting oder auch zu rechtlichen und steuerlichen Entscheidungen.

Neben den Umweltaspekten umfasst ESG zudem auch die Sozial- und Governance-Bereiche, die ebenfalls aufgrund ihrer steigenden Relevanz einen genaueren Blick verdienen.

Auf die oft gestellte Frage „Wie wollen wir heute und in Zukunft miteinander leben?“ liefern etwa die Entwicklung gemischt genutzter Quartiere und das Angebot erschwinglicher Lebens- und Arbeitswelten nützliche Antwortansätze. Zum anderen bildet Corporate Governance auch in der Immobilienbranche einen wichtigen Nachhaltigkeitsbereich ab. Hierbei ist besonders die Unternehmensführung gefordert, einen entsprechenden Wertekanon in die Firmenkultur einzubringen. Wie gut dies gelingt, hängt auch davon ab, wie erfolgreich das Unternehmen ausgebildete Talente und Topkräfte anzieht – und wie glaubhaft der eigene Purpose vertreten werden kann.

Das eigene Portfolio schützen

Bei all diesen Überlegungen darf jedoch ein wichtiger Aspekt nicht zu kurz kommen: Der Schutz des eigenen Portfolios gegen bestehende und neue Klimarisiken. Die Anzahl an Extremwetterlagen und unerwarteten Naturereignissen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Hierzu zählen Sturm, Hagel, Hochwasser, aber auch Waldbrände und Erdrutsche. In Deutschland haben Extremwetterlagen in den zurückliegenden drei Jahrzehnten deutlich zugenommen und vermehrt Schäden an Immobilien verursacht. Landesweit betragen die versicherten Schadenssummen an Gebäuden im langjährigen Mittel bereits rund drei Milliarden Euro pro Jahr.

Daher ist eine umfassende Klimarisikoanalyse nicht nur im Rahmen eines Ankaufsprozesses sinnvoll – genauso wichtig ist die Bewertung der bestehenden Objekte.

Über das Mindestmaß hinausgehen

Unternehmen sollten daher diese mehrdimensionalen ESG-Herausforderungen allerdings auch als Chance begreifen. Denn eine effiziente ESG-Strategie inklusive Impact-Investing birgt erhebliche Potenziale – etwa bei Immobilienfonds, die Alleinstellungsmerkmale bieten.

Gerade wenn zusätzlich im Rahmen eines transparenten Reportings die Daten so aufbereitet werden, dass sie nicht nur dem Zweck dienen, regulatorische Erfordernisse zu erfüllen, sondern sie darüber hinaus einen besonderen Nachhaltigkeitsmehrwert abbilden oder das Risikomanagement ergänzen, wird aus der reinen ESG-Umsetzungspflicht ein zusätzliches Investment-Argument. Hier die „Extra-meile“ zu gehen, anstatt sich mit der Umsetzung der Mindestvorgaben zu begnügen, kann sich auszahlen.                                                                                     

Somit bieten Nachhaltigkeitsinvestments Anlegern neben klassischen Rendite- und Risikoparametern auch eine breite Palette an „greifbaren“ Impactparametern – ob es sich dabei nun um den CO2-Fußabdruck eines Portfolios oder den konkreten Beitrag zu einzelnen „Sustainable Development Goals“ (SDGs) handelt.

Zugleich ist das Rennen um die ESG-Marktführerschaft längst in vollem Gange: Bis 2025 werden Nachhaltigkeitsfonds mehr als 50 Prozent des gesamten europäischen Investmentfondsvermögens ausmachen. Neben den passenden Produkten können hierbei vor allem transparente und gut visualisierte ESG-Reportings den Unterschied machen.

Der Aufwand, der mit der entsprechenden Datenerhebung und -verarbeitung verbunden ist, sollte allerdings nicht unterschätzt werden: Vom Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken im Investmentprozess über die Vorgaben zur Verbrauchsdatenlieferung durch die Hausverwalter und die Dokumentation und Synchronisation von Nachhaltigkeitskriterien in Neubau und Bestand bis hin zur Anpassung der Governance-Strukturen – der Weg zu einer umfassenden ESG-Dokumentation ist mitunter lang und mühsam. Dabei sind digitale Anwendungen und die Unterstützung durch externe Experten bei der wichtigen Aufbereitung der erforderlichen ESG-Daten tatsächlich gut angelegtes Geld.

Denn klar ist auch: In dem Maße, in dem die Nachhaltigkeitsanforderungen immer weiter steigen, sind es eben die ESG-Kennzahlen eines Unternehmens, die irgendwann über dessen Wohl und Wehe entscheiden können.

Ein Gastbeitrag von Dr. Thorsten Huff, Director und Head of Sustainability bei CBRE.