Rüdiger Hornung
Rüdiger Hornung (Quelle: Wüest Partner)

Nachhaltigkeit & ESG

04. August 2022 | Teilen auf:

Einblick in die Sozialtaxonomie

Allmählich wird klarer, was das S im ESG-Rating alles umfasst. Rüdiger Hornung, Wüest Partner, erläutert die Auswirkungen auf die Immobilienbranche.

Nach einem langjährigen Entwicklungsprozess veröffentlichte die EU-Kommission Anfang 2022 den Endbericht über die soziale Taxonomie für nachhaltige Finanzinvestitionen. Damit soll das S im ESG-Rating klarer umrissen werden. Abgeschlossen ist der Prozess damit nicht: Nachschärfungen und Diskussionen sind zu erwarten, da soziale Kriterien, anders als Umweltkriterien, schwer messbar sind.

Die Branche hatte mit Spannung auf die Veröffentlichung des Berichts der Platform on Sustainable Finance gewartet, da die Quantifizierung von sozialen Zielen eine Herausforderung darstellen kann. Die Verringerung von CO2-Ausstößen ist einfacher messbar, aber faire Arbeitsbedingungen sind es weniger. Das Team um Sozialtaxonomie-Rapporteurin Antje Schneeweiß vom Arbeitskreis Kirchlicher Investoren, spricht diese Unklarheit im Endbericht an. 2019 zeigte eine Befragung durch BNP Paribas unter knapp 350 Marktteilnehmerinnen und -teilnehmern Ratlosigkeit in Sachen Sozialtaxonomie: Diesen Aspekt in Investitionsstrategien zu integrieren, bereitete fast der Hälfte der Befragten Schwierigkeiten. Durch die Veröffentlichung besteht nun Hoffnung auf mehr Klarheit bei den S-Kriterien.

Bei der Messbarkeit finden sich im Endbericht mangels handfester Lösungen mögliche Wege: Es wird auf das „social scoreboard“ der EU verwiesen, das die 20 Prinzipien samt Indikatoren der europäischen Säule der Sozialrechte nutzt. Die Sustainable Development Goals verwenden ebenfalls Indikatoren für soziale Ziele. Interessant ist der Verweis auf die Handhabung durch ESG-Rating-Agenturen, diese Systeme müssten in Betracht gezogen und getestet werden. Da der Bericht viele weitere Lösungen anführt, wie die von Entwicklungsbanken, ist der Verdacht einer selbstreferenziellen EU-Sozialtaxonomie unbegründet.

Große Klarheit auf übergeordneter Ebene

Bei der Komplexität der Materie hat der Vorschlag den Vorteil, zumindest auf übergeordneter Ebene für Klarheit zu sorgen. Die Frage wird aus Sicht der Stakeholder betrachtet, die aus drei Gruppen bestehen: die Arbeitenden, die Endnutzer und -nutzerinnen und die Gemeinschaften. Übertragen auf die Immobilienbranche bestünde die erste Gruppe aus Mitarbeitenden der Gewerbemieter, die zweite aus Firmen, die Gewerbeobjekte anmieten und die dritte aus der Gemeinschaft von Mietern, Mitarbeitenden sowie Kundinnen und Kunden.                    

Ziele der Sozialtaxonomie: fair, angemessen und nachhaltig

Für diese Gruppen werden erstrebenswerte soziale Ziele definiert: Faire Arbeitsbedingungen für die Arbeitenden, angemessene Lebensstandards und Schutz der Endnutzenden für ebendiese. Für die Gruppe der Gemeinschaften ist das Ziel, nachhaltige Gemeinschaften und Gesellschaften zu schaffen.

Aus den Zielen leiten sich Unterziele ab, von denen wir die wichtigeren erwähnen. Hier ist der Endbericht nicht abschließend, die Anzahl der Unterziele kann sich also erhöhen. Faire Arbeitsbedingungen entstehen, wenn sozialer Dialog vorherrscht, prekäre Arbeitsbedingungen vermieden und adäquate Löhne gezahlt werden. Ebenfalls wenn man für Frauen attraktive Bedingungen schafft, oder Geschlechtergrenzen abbaut, wie durch Kinderbetreuung zum Beispiel. Beim zweiten Ziel, angemessene Lebensstandards und Schutz der Endnutzer und -nutzerinnen, spielen Themen wie Sicherheit, Datenschutz, Zugang zur Gesundheitsversorgung eine Rolle – und für den Immobiliensektor überaus bedeutend: Zugang zu qualitativ wertvollem Wohnraum. Unterziele für nachhaltige Gemeinschaften und Gesellschaften sind die Inklusion behinderter Menschen, die Förderung von Entscheidungsprozessen auf lokaler Ebene und die Vermeidung beziehungsweise Behebung möglicher negativer Auswirkungen durch wirtschaftliche Handlungen.

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Auf untergeordneter Ebene bleiben Fragen bestehen

So überaus klar die Definitionen der drei Gruppen und deren soziale Ziele sind, so herausfordernd dürften sich die nachgeordneten Schritte gestalten. Denn die Überprüfung der Unterziele wirft Fragen auf: Wie tief kann man Einblick in Firmen nehmen, die zum Beispiel Mieter eines Gewerbeobjekts sind, um deren Übereinstimmung mit der Sozialtaxonomie zu prüfen? Woher weiß man, ob Dienstleister keine prekären Arbeitsverhältnisse schaffen, oder Gewerbemieter eine nicht-diskriminierende Atmosphäre fördern?

Ein Weg wäre das Vorlegen von Nachweisen und Zertifizierungen. Da der Bereich in Bewegung ist, bietet sich die Erarbeitung von Best Practices durch Marktteilnehmende an. Besonders Dritt-Instanzen wie Rating-Agenturen sind hier gefragt. In diesem Kontext erhält das Mitwirken an der ECORE Initiative seit April 2022 eine besondere Bedeutung: ECORE entwickelt in Deutschland gemeinschaftlich einen ESG-Branchenstandard für Immobilienportfolios.

Risiko von parallel bestehenden Ratingsystemen

Eine Gefahr der sich parallel entwickelnden Lösungen besteht bei Portfolios, die mehrere Länder umfassen. Ein Investor oder eine Investorin hat die Wahl: Entweder man nutzt das im eigenen Land vorherrschende Rating-System für alle anderen Länder, in denen die Person aktiv ist, oder mehrere Systeme werden auf ein Portfolio angewandt. Wird sich irgendwann ein System durchsetzen? Das ist derzeit nicht absehbar. Bis dahin müssen Ratingfirmen mehrere Systeme beherrschen. Idealerweise führt man Bewertungen von Portfolios gleichzeitig mit ESG-Ratings durch. Bedingung dafür ist die Ausarbeitung der Taxonomie, was jetzt geschehen ist. Der damit weiter geführte Prozess ist aber noch lange nicht abgeschlossen.

Autor: Rüdiger Hornung, Partner und Geschäftsführer, Wüest Partner Deutschland

zuletzt editiert am 04.08.2022