Dr. Frank Wenzel (Quelle: Aachener Grund)

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18. October 2022 | Teilen auf:

„Der Wandel gelingt nur, wenn alle maßgeblichen Akteure das gemeinsame Ziel verfolgen“

Die Aachener Grund hat nicht nur zahlreiche Objekte in der Kölner Innenstadt, sie ist auch maßgeblich an deren Umgestaltung beteiligt. Wir sprachen mit Geschäftsführer Dr. Frank Wenzel. 

Der Wandel in deutschen Innenstädten ist derzeit so groß wie selten zuvor. Konsum verbunden mit Kultur und Erlebnis spielen eine immer größere Rolle. Wie sehen Sie die Entwicklung auch als Immobilieneigentümer in der Kölner Innenstadt?

Dr. Frank Wenzel: Die Kölner Innenstadt hat mit der Schildergasse, der Hohe Straße und der Ehrenstraße, aber auch mit einigen Seitenstraßen im nationalen und internationalen Vergleich sehr starke Einzelhandelslagen. Aus dieser Position der Stärke kann es gelingen, den Wandel zu gestalten und auch in Zukunft hoch attraktiv für die Menschen zu sein. Voraussetzung ist, dass alle Akteure an einem Strang ziehen. Einzelhandel darf nicht heißen, dass jeder einzeln handelt.

Einkaufen über das Handy kann man heute überall. Die Zukunft der Innenstadt liegt darin, diese als Ort der Freizeitgestaltung zu erkennen und dementsprechend ein attraktives Angebot für die Kölnerinnen und Kölner, aber auch weit darüber hinaus, zu machen. Dabei hat der stationäre Einzelhandel eine ganz wichtige Funktion, weil er weiterhin für die meisten Menschen der Hauptgrund ist, eine Innenstadt aufzusuchen. Allein im Einkaufen darf sich das Angebot aber nicht erschöpfen. Hinzukommen müssen beispielsweise kulturelle oder sportliche Angebote sowie vielfältige Angebote der Begegnung.

Die starke Belastung, der die Innenstadt durch die Corona-Maßnahmen ausgesetzt war, haben deutlich gemacht, dass die Entwicklung einer Innenstadt kein Selbstläufer ist. Besonders positiv stimmt mich daher, dass die verschiedenen Akteure, von der Spitze der Stadtverwaltung über die Immobilieneigentümer bis hin zu Initiativen wie Stadtmarketing und Köln Business gemeinsam mit dem Büro „Stadt + Handel“ eine Zukunftsvision für die Kölner Innenstadt erarbeitet haben; das „Leitbild Handel Innenstadt“, wobei sich im ersten Schritt auf die „Handelslagen Hohe Straße/Schildergasse“ konzentriert wurde. Diese gilt es jetzt gemeinsam umzusetzen.  

Welchen Beitrag zum Wandel können Sie als Immobilieneigentümer leisten?

Dr. Frank Wenzel: Die Initiative, attraktive Nutzer und Angebote in die Innenstadt zu bringen, muss von den Immobilieneigentümern ausgehen. Sicherheit, Sauberkeit und Erreichbarkeit sind demgegenüber originär hoheitliche Aufgaben, die ebenso wie beispielsweise die Baurechtsschaffung nur von der Stadt Köln gewährleistet werden können.

Wichtig für uns als Immobilieneigentümer ist jetzt, dass wir uns bei Vermietungen an dem Leitbild orientieren und bei der Vermietung von Einzelhandelsflächen genau die Profilierung einzelner Straßenabschnitte unterstützen, auf die wir uns bei dem Leitbild verständigt haben. Da sich viele Einzelhandelskonzepte bereits jetzt im Wesentlichen auf das Erdgeschoss und maximal noch ein weiteres Geschoss konzentrieren, werden in den Obergeschossen Flächen frei, um spannende Ideen etwa aus dem kulturellen oder sportlichen Bereich zu etablieren. Das Gleiche gilt auch in der Gebäudetiefe oder in den Seitenstraßen. Die jüngst abgeschlossene Neugestaltung des Antoniter Quartier ist ein eindrucksvoller Beweis, wie man die Aufenthaltsqualität und Attraktivität der Innenstadt erhöhen kann.

Welche bereits umgesetzten und welche neuen Projekte sind aus Ihrer Sicht richtungsweisend für die Zukunft der Kölner Handelslagen? Wie zum Beispiel der Umbau des Gebäudes gegenüber vom Antoniter Quartier mit dem Onlinehändler Zalando und einer Boulderhalle oder Pop-Up-Stores in der Innenstadt?

Dr. Frank Wenzel: Dass Sie nach drei Projekten fragen, die wir selbst umsetzen, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind (lacht). Aber Spaß beiseite, es sind einerseits kurzfristige Maßnahmen, die neue Impulse in die Innenstadt bringen wie etwa die Open Art Galerie in Schaufenstern leerstehender Ladenlokale. Es ist wirklich schön zu sehen, mit wieviel Freude und Engagement Menschen bereit sind, an der Gestaltung ihrer Innenstadt mitzuwirken. Langfristig sind neben dem bereits erwähnten Antoniter Quartier etwa die Via Culturalis oder das Laurenz Carré von städtischer Seite zu nennen.

Und neben der genannten Profilbildung bei der Vermietung von Einzelhandelsflächen ist jeder Immobilieneigentümer, vor allem aber auch jeder Anbieter von Freizeitangeboten aufgerufen, neu zu denken, und zwar in der Richtung, ob nicht die Innenstadt die passende Unterkunft für eine Idee bietet. Nehmen wir die Boulderhalle. Boulderhallen liegen bislang so gut wie immer außerhalb des Stadtkerns. Studien zeigen, dass die Menschen nach Feierabend in höchstens 15 Minuten bei ihrer Freizeitaktivität sein wollen. Warum dann nicht also die Boulderhalle mitten in der Stadt auf der Schildergasse eröffnen?

Welche Vorteile hat die intensive Zusammenarbeit von Verwaltung, Eigentümern und Nutzern für die Weiterentwicklung in Schildergasse, Hohe Straße und Co.?

Dr. Frank Wenzel: Der Wandel gelingt nur, wenn alle maßgeblichen Akteure das gemeinsame Ziel verfolgen, die Innenstadt in eine gute Zukunft zu bringen. Wenn beispielsweise im September fast 1,6 Millionen Menschen auf der Schildergasse waren, ist die Schaffung von Sicherheit, Sauberkeit und Erreichbarkeit durch die Stadt Köln ein elementarer Dienst am Bürger.

Von uns Eigentümern müssen die Impulse für die Nutzung unserer Flächen ausgehen, wir sind aber etwa bei der Baurechtsschaffung auf die Stadt angewiesen, gerade auch in einer schnelllebigen Zeit, wo wir auf aktuelle Trends und Nachfrage nach attraktiven Freizeitangeboten schnell reagieren wollen. Und es ist selbstverständlich ein legitimer Anspruch der kommunalpolitisch Verantwortlichen, ein Leitbild für die Kölner Innenstadt zu formulieren.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird für Sie das Einkaufs- beziehungsweise Innenstadterlebnis in Köln zukünftig aussehen?

Dr. Frank Wenzel: Einkaufen wird nach wie vor der Hauptgrund für die Menschen sein, die Innenstadt aufzusuchen. Mit Umsetzung des Leitbildes bekommen die Innenstadtbesucherinnen und -besucher eine gute Orientierung, welche Angebote in welchem Straßenabschnitt zu finden sind. Hier gibt es dann eine bunte Mischung von profilierten Marken, die die Basis des Einkaufens bieten, zugleich mit Pop-Up-Flächen, auf denen es in schneller Folge ganz Unerwartetes und Neues zu entdecken gibt.

Darüber hinaus stelle ich mir die Innenstadt als 24/7 vor, wo (fast) rund um die Uhr attraktive Freizeitangebote gemacht werden. Mit öffentlichen, begrünten Plätzen, die zum Verweilen einladen. Wohnen, Einkaufen, Arbeiten und Freizeit sind räumlich direkt beieinander. Die Innenstadt wird das spannendste Viertel von ganz Köln.

Das Gespräch führte André Eberhard.

zuletzt editiert am 24.10.2022