Leben, Schlafen, Arbeit und Freizeit verlagern sich an ein und denselben Ort: die eigenen vier Wände. Dass diese Entwicklung trotz einiger Vorteile für viele keine langfristige Lösung darstellt, bestätigt eine Umfrage unter 1.000 Beschäftigten.
Homeoffice – kein anderer Begriff hat die Arbeitswelt seit Beginn der Corona-Pandemie so sehr geprägt wie dieser. Für viele Arbeitnehmer war es die lange gewünschte, viel diskutierte und nie erreichte Möglichkeit, in den eigenen vier Wänden zu arbeiten. Schließlich bietet Homeoffice – zumindest augenscheinlich – eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, spart Zeit und ermöglicht eine flexible Work-Life-Balance. Während vor der Krise lediglich vier Prozent der Beschäftigten von zu Hause aus arbeiteten, waren im ersten Lockdown im April 2020 rund 30 Prozent, Ende Januar 2021 aufgrund hoher Corona-Infektionszahlen wieder knapp ein Viertel der Erwerbstätigen ausschließlich oder überwiegend im Homeoffice.
Was für viele Beschäftige vielversprechend begann, ist nach rund einem Jahr Ernüchterung gewichen. Eine ISG-Umfrage unter 1.000 Bürobeschäftigten in Deutschland spiegelt dies wider: Die Befragten nannten ein Idealmaß von durchschnittlich 3,2 Tagen Büroarbeit pro Woche, zudem lehnte die große Mehrheit von 60 Prozent die Möglichkeit einer permanenten Tätigkeit von zu Hause aus ab, allen voran um den Kollegenkontakt zu wahren und – besonders wichtig für junge Talente – von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu lernen. Mit ihrem Votum stellten sich die Angestellten bemerkenswerterweise gegen ihre gleichzeitig befragten Vorgesetzten: Diese rechneten künftig nur noch mit durchschnittlich 2,7 Tagen persönlicher Anwesenheit im Büro.
Homeoffice: Nachteile überwiegen
Andere Untersuchen bestätigen dies. Den Vorteilen der Heimarbeit stehen laut Civey-Studie nachweislich gesundheitliche Risiken, mangelnde Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben sowie das Risiko von Isolation und leidender Unternehmenskultur gegenüber. Zuletzt gaben 48 Prozent in einer Fellows-Studie unter 1.000 Büroangestellten in Deutschland an, durch die Tätigkeit in den eigenen vier Wänden unter verstärkten Kopf- und Rückenschmerzen zu leiden. Hinzu kommt, dass ein weit größerer Teil der Beschäftigten als bisher angenommen seine Arbeit zu Hause weniger erfolgreich erledigen kann als im Büro. Der jüngsten Studie zum Thema „Work from Home im Interessenskonflikt“ der TU Darmstadt zufolge ist der Arbeitserfolg bei 14 Prozent der Befragten im Homeoffice zwar größer als im Büro, ganze 40 Prozent geben hingegen aber an, dass sie zu Hause (teils erheblich) schlechter arbeiten können. Diesen großen Teil der Arbeitnehmer – meist jung und ohne großzügige Arbeitszimmer zu Hause – gilt es, nicht zu vernachlässigen und als engagierte Leistungsträger von morgen langfristig ans Unternehmen zu binden.
Auch viele Arbeitgeber denken nach anfänglicher „Flächenreduzierungs-Euphorie“ um und entfernen sich von Träumereien einer nur vordergründigen Kosteneffizienz: Unter 1.200 vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) befragten Unternehmen möchten nur 6,4 Prozent ihre Büroflächen verkleinern. Lediglich ein Drittel der Führungskräfte plant die Ausweitung der Homeoffice-Möglichkeiten. Unternehmen wie Nestlé, Peugeot oder Siemens teilten zwar mit, dass sie ihre Flächen verkleinern möchten beziehungsweise dass mindestens zwei Tage Homeoffice zum neuen Standard gehören sollen. Jene Konzerne zählen andererseits aber bereits seit einigen Jahren zu den Hauptnutzern von Co-Working-Spaces beziehungsweise flexiblen Büroflächen. Auch eine Studie der Warburg-HIH Invest, einem der führenden Investmentmanager für Immobilien in Deutschland und in Europa, attestiert den Büros in Europa einen nur leichten Anstieg der Leerstandsraten auf weiterhin niedrigem Niveau.
Büroqualität wird zum Leistungsfaktor
Dieser Trend zeigt sich auch in den Projekten, die wir aktuell umsetzen oder planen. Ausländische Digitalkonzerne sind dabei nicht nur der höchste Nachfrager auf den Büromärkten der deutschen Metropolen. Sie sind zugleich mehr denn je auch Trendsetter im Hinblick auf das Bürodesign. Beide Arbeitsorte – das Büro und auch das Homeoffice – müssen nämlich in puncto Ausstattung aufrüsten. Für die eigenen vier Wände werden Arbeitgeber Mobiliar und Technik bereitstellen müssen, um ihren Sorgfaltsverpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern auch außerhalb des Büros nachzukommen. Das Büro hingegen muss künftigen Erwartungen entsprechen und sollte Mitarbeitern genügend Raum für Teamarbeit schaffen und besonders jüngeren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, sich mit Anderen auszutauschen.
Die ISG-Umfrage zeigt: Je ansprechender die Büroflächen, desto produktiver sind die Mitarbeiter. Eine gute Frischluftzufuhr und eine funktionierende IT-Ausstattung zählen hierbei zu den Mindestanforderungen wie offene Konferenzbereiche, Ruhezonen und modern gestaltete Pausenflächen. Anhand einer Studie von Bitkom von diesem Jahr sieht ISG bereits einen Trend zu neuer Büroarchitektur: Als klare Folge der Pandemie wird das jahrelang gehypte Open Space-Konzept, zumindest in Teilen, einer neuen Form von Einzelbüros weichen müssen. Neben diesen Kleinbüros wird es aber auch mehr Gemeinschaftsflächen geben – der Austausch mit Kollegen wird mehr denn je ein zentraler Faktor des Büros sein.
Orte für Gemeinschaft und Identifikation
Bleibt also alles beim Alten? Nein, denn die Koexistenz von Büro und Homeoffice ist nun etabliert. Die Möglichkeit, zumindest einen Teil der Woche von zu Hause aus arbeiten zu können, kann niemand mehr bestreiten. Die Pandemie hat Prozesse beschleunigt, die unser Miteinander verändern werden: Wir beobachten eine Disruption in der Art, wie wir in Zukunft zusammenarbeiten – unabhängig davon, wo dies geschieht. Wir sind daher davon überzeugt, dass das Büro sich immer mehr zum Erlebnisort wandeln muss, um in der Konkurrenz zur Wohnung bestehen zu können Das bedeutet nicht nur eine ausreichende Fläche für Teamarbeit und informellen Austausch, sondern auch eine gemeinschaftsstiftende Gestaltung. Büros der Zukunft spiegeln daher in zunehmendem Maße die Kultur und die Werte wider, für die das jeweilige Unternehmen steht. Das Büro lebt weiter - es ist in Zukunft aber nicht mehr nur Arbeitsplatz, sondern ein Ort für erlebbare Gemeinschaft.

Ein Beitrag von Aydin Karaduman, Managing Director Europe, ISG Ltd