Grafik Klimaschutzplan
Der Klimaschutzplan des Bundesumweltministeriums (Quelle: Klimaschutzplan des BMU 2016)

Nachhaltigkeit & ESG

13. May 2022 | Teilen auf:

CO₂-Einsparung: Echter Mehrwert oder Greenwashing?

Es gibt Lösungen zur genauen Berechnung der Emissionen. Wie sie funktionieren, erläutert Karsten Jungk, Partner und Geschäftsführer von Wüest Partner.

Statistisch gesehen sind der Immobilienbranche weltweit bis zu 40 Prozent der gesamten CO₂-Emissionen zuzuschreiben. Die einfachste Schlussfolgerung aus dieser Feststellung: Der ganze Sektor muss Verantwortung übernehmen und sein Tätigkeitsfeld nahezu revolutionieren. Die Fokussierung auf CO2-Reduktion lässt darüber hinaus einigen Spielraum für Greenwashing zu. Das gefährdet das Vertrauen in die Assetklasse Immobilien sowie in die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche und natürlich auf das übergreifende Ziel weltweiter CO₂-Reduktion. Was sind die Gründe hierfür und was muss passieren, damit die formalen ESG-Maßnahmen tatsächlich in nachhaltiges Handeln münden?

CO₂-Emission in der Immobilienbranche: Zahlen = Fakten?

Mit der Definition der ESG-Kriterien und der Etablierung von unternehmensinternen Lösungsansätzen werden die ersten Schritte in Richtung Nachhaltigkeit in der Immobilienbranche bereits gemacht. Dabei handelt es sich um eine wichtige und absolut notwendige Entwicklung, die branchenweit erst vor wenigen Jahren ihren Anfang nahm. Die EU-Taxonomie-Verordnung hat zweifelsohne dazu beigetragen, das Nachdenken über ökologisches Wirtschaften innerhalb von Unternehmen zu forcieren. Durch die Offenlegungsverordnung sind die Unternehmen aufgefordert, Transparenz bezüglich berücksichtigter Nachhaltigkeitskriterien zu gewährleisten. Und doch besteht beim Thema CO₂-Emission das Problem, dass gerade diese Transparenz Schwierigkeiten bereitet und Zahlen nicht immer gleich Fakten und vor allem nur eingeschränkt vergleichbar sind.

Es gibt allerdings Lösungen, die es ermöglichen, die CO2-Emissionen von Gebäuden genauer zu berechnen. Im Gegensatz zu den schon etablierten Energie-Ausweisen bezieht zum Beispiel Wüest Climate auch Parameter der tatsächlichen Nutzung der Gebäude mit ein, die entscheidend für den realen CO2-Ausstoss sind. Auf Grundlage weniger Angaben können so individuelle Sanierungsmaßnahmen identifiziert werden.

Graue Energie bleibt unbeachtet

Die Problematik der CO₂-Einsparung beginnt damit, dass diese statistisch betrachtet sehr unscharf ist. Was beim laufenden Betrieb völlig unbeachtet bleibt, sind die Emissionen in Form von grauer Energie. Gemeint ist die Energie für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung der zum Bau benötigten Materialien und Maschinen. Diese trägt als größerer Anteil der bei Immobilien eingesetzten Energie erheblich zur CO₂-Emission bei und wird in der Statistik des Umweltbundesamtes vollständig der Industrie zugerechnet.

Damit ist die statistische Datenerfassung der erste unklar formulierte Faktor und wenig aussagekräftig. Die Folge: Gebäude können schnell als CO₂-neutral gelten, wenn lediglich der laufende Betrieb im Vordergrund steht. Doch welche Materialien werden verwendet? Wie wurden sie produziert, gelagert und geliefert? Und wie werden sie entsorgt, wenn das Gebäude abgerissen wird? Für klare Aussagen und eine realistische, unbeschönigte Minimierung des ökologischen Fußabdrucks ist die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes essenziell. Denn Objekte sind nur dann wirklich grün, wenn Bauunternehmen auf energieintensive Baustoffe verzichten. Die Dokumentation verwendeter Materialien (zum Beispiel durch Verwendung der Madaster Datenbank) hilft zusätzlich dabei, Transparenz in der Branche zu etablieren und die Erfüllung der ökologischen Ziele konsequenter zu verfolgen.

Spielraum für Greenwashing beim Betrieb von Immobilien

Verbesserungen verlangen nach Transparenz, auch beim Betrieb von Immobilien. Dazu gehört das Sammeln von Daten, aber auch ihre Digitalisierung zur Nachweisführung. Doch auch dieser Bereich stellt die Branche in Deutschland vor große Herausforderungen, die sie kaum im Alleingang bewältigen kann. Die erste große Hürde: eine umfassende Verbrauchsdatenerfassung. Denn an vielen Stellen sind die Messdaten nicht verfügbar.

Das liegt zum einen an häufig noch fehlenden Messeinrichtungen. Zum anderen limitiert der Datenschutz in seiner aktuellen Form die Erfassung der für die Reduktion des Energieverbrauchs so wichtiger Daten: den Angaben zum Mieterverhalten. Unabhängig vom Gebäude beeinflussen diese den Energieverbrauch, können jedoch bisher aufgrund des bestehenden Datenschutzes beim Mieter nicht erfasst werden. Ein Problem, das ohne gesetzliche Änderungen nicht gelöst werden kann.

Effizient auf dem Papier: vermeintlich grüne Energiequellen

Ein interessantes Greenwashing-Phänomen liefert die Wahl der Energiequelle. Denn die CO₂-Einsparung besteht auch bei dieser teilweise nur auf dem Papier. Ein Beispiel dafür liefert die Verwendung von Fernwärme. Wie klimaeffizient sie ist, hängt stark von der Energiequelle ab. Viele Kraftwerke setzen noch immer auf fossile Brennstoffe wie Kohle oder Gas, wodurch hohe CO₂-Emissionen entstehen. Als CO₂-neutral gilt Fernwärme häufig, wenn sie in Blockheizkraftwerken quasi als Abfallprodukt der Stromerzeugung dargestellt wird, weil das aus der Verbrennung entstandene CO₂ ausschließlich dem Strom zugerechnet wird und nicht der Fernwärme: eine rein rechnerische Umverteilung, aber keine Problemlösung.

Legende: PHH - Private Haushalte; GHD - Gewerbe, Handel, Dienstleistung (Quelle: Agora 2020)

Der eigentliche Energieverbrauch ist dann sekundär. Außerdem: Wird ausschließlich grüner Strom bezogen, wird der ökologisch saubere Anstrich perfekt. Dann kann das Gebäude auch deutlich über Normalverbrauch liegen und dennoch als fast CO₂-neutral gelten, da die CO₂-Emissionen aus den Energiequellen Null betragen. Daran erkennt man erneut: Der nähere Blick auf einzelne Details und die gleichzeitige Vernachlässigung weiterer Umstände sind gefährlich sowie wenig zielführend.

Eine Frage der Politik

Die Beispiele machen es deutlich: Der Weg zur Nachhaltigkeit bedarf verschiedener Ansatzpunkte und macht das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft notwendig. Dabei ist es wichtig, dass alle Bereiche der Immobilienwirtschaft in die Betrachtung mit einfließen: angefangen mit der Wahl von nachhaltigen Baumaterialien über die Erfassung der Verbrauchsdaten und der zuverlässigen Nachweisführung bis hin zur Wahl von Energiequellen. Die größte Herausforderung liegt dabei in der Berücksichtigung aller verschiedenen Einflussfaktoren.

zuletzt editiert am 13.05.2022