Der Immobilienfonds Haus Invest der Commerz Real investiert massiv in die Erweiterung des Shoppingcenters Westfield London. Vorstand Roland Holschuh erklärt, warum ihn ein möglicher EU-Ausstieg nicht ängstigt und warum er selbst keinen Brexit-Boom in Frankfurt und Berlin erwartet.
Am 23. Juni 2016 entscheidet sich, ob Großbritannien die Europäische Union verlässt oder nicht. Sowohl die OECD als auch der Internationale Währungsfonds IWF erwarten im Fall eines Brexit deutliche Rückschläge für die britische Wirtschaft und Kaufkrafteinbußen für die britischen Haushalte.
Ob die Finanzindustrie London im Fall eines Austritts den Rücken kehrt, ist Gegenstand vieler Debatten. Sicher ist nur, dass die britische Regierung dann viele Verträge neu verhandeln müsste und damit sicherlich für zwei Jahre beschäftigt wäre. In Großbritannien aktive Unternehmen sind übrigens gehalten, nicht aktiv für oder gegen einen Brexit zu werben.
Das Westfield London ist mit rund 180.000 Quadratmetern Verkaufsfläche nicht eben klein. Nun soll es noch größer werden. Was haben Sie und ihr Joint-Venture-Partner Westfield Corporation vor?
Roland Holschuh: Wir nutzen bereits dem Joint Venture gehörende Grundstücke sowie eine kleinere Arrondierung zur Erweiterung der Fläche auf 250.000 Quadratmeter. Jeder der beiden Joint-Venture-Partner nimmt dafür rund 300 Millionen Britische Pfund in die Hand.
Die Erweiterung haben Sie im März bekanntgegeben. Damals stand der Wahltermin für den Brexit – der 23. Juni – bereits fest. Spielt der Ausgang dieser Abstimmung für Ihre Entscheidung keine Rolle?
Roland Holschuh: Aus unserer Sicht ist die Erweiterung aus dem Asset und seiner Entwicklung heraus ein absolut schlüssiger Schritt, und wir rechnen weiterhin mit einer hohen Dynamik des Einzugsgebietes. Obwohl die Eröffnung des Centers mitten in die Lehman-Krise fiel, arbeitete es vom Start weg sehr erfolgreich. Seither haben sich Umsatz und Mieten deutlich nach oben entwickelt.

Laut OECD würde der Brexit die Kaufkraft der britischen Haushalte um jeweils 2.840 Euro pro Jahr schmälern. Bis 2030 könnte der Verlust sogar auf jährlich 6.500 Euro steigen. Spielen diese Erwägungen für Ihre Entscheidung keine Rolle?
Roland Holschuh: Unser Szenario für das Westfield Center geht wegen der hohen lokalen Dynamik von einem weiterhin moderat wachsenden Konsum aus. Zudem gebe ich zu bedenken, dass wir ja nicht in einen Neuerwerb investieren, sondern in den Ausbau eines vorhandenen Assets auf größtenteils eigenen Grundstücken. Deshalb rechnet sich unsere Investition selbst bei relativ konservativen Wachstumsansätzen. Wir haben die potenziellen Einflüsse eines Brexit auf diese Erweiterung geprüft, mit dem Ergebnis, dass die Ergebnisse nicht ausschlaggebend sind. Darüber hinaus ist unser britisches Portfolio so konservativ bewertet, dass nach unserer Einschätzung ein Brexit keine wesentlichen Bewertungseffekte nach sich ziehen würde.
Wie betrachten Sie Ihr britisches Portfolio insgesamt?
Roland Holschuh: Der
Haus Invest
hält im Vereinigten Königreich neun Objekte mit einem Gesamtwert von rund 2,5 Milliarden Euro. Großbritannien ist und bleibt einer unserer Kernmärkte. Als langfristiger Investor sind wir entsprechend aufgestellt und deshalb auch für kurz- oder mittelfristige Eintrübungen der Konjunktur gut gewappnet. Langfristig gehen wir ohnehin von einer Stabilisierung der Lage aus. Ankäufe in Großbritannien planen wir derzeit zurückhaltend, und vor dem 24. Juni 2016 wird es definitiv keinen Neuerwerb unsererseits geben.
Wären Büroobjekte wegen der möglichen Abwanderung von Teilen der Finanzindustrie vom Brexit stärker betroffen als Einzelhandelsflächen?
Roland Holschuh: Hinsichtlich der Transaktionen ist der Markt aktuell von einer gewissen Zurückhaltung geprägt. Discounts auf Büro-Objekte stellen wir aber nicht fest. 2015 sind die Büromieten in der Londoner City um acht Prozent gestiegen, weitere Steigerungen sind prognostiziert. Ob Banken und andere Unternehmen der Finanzindustrie abwandern oder London sogar bevorzugen, weil sie nicht EU-reguliert sein möchten, ist ohnehin eine offene Frage. Auf einen Brexit-Boom für Büroflächen in Frankfurt am Main oder
Berlin
würde ich nicht unbedingt wetten.
Interview: Christof Hardebusch