Bei reibungslosem Verlauf der Planungs- und Bauprozesse könnte die Seilbahn frühestens 2028 in Betrieb gehen. (Bild: Pixabay)
Bei reibungslosem Verlauf der Planungs- und Bauprozesse könnte die Seilbahn frühestens 2028 in Betrieb gehen. (Bild: Pixabay)

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08. November 2021 | Teilen auf:

Bekommt Bonn die Seilbahn?

Ist eine Seilbahn als Teil der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur in Bonn wirtschaftlich sinnvoll? Jetzt liegt das Ergebnis der Standardisierten Bewertung vor.

Das vorläufige Ergebnis der gesetzlich vorgeschriebenen, mit Bund und Land NRW abgestimmten Standardisierten Bewertung zeigt, dass der Nutzen gegenüber den Kosten deutlich überwiegt (Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,6). Das hat die Bundesstadt Bonn am 8. November 2021 der Öffentlichkeit vorgestellt. Bonn könnte somit eine Vorreiterrolle in Deutschland einnehmen, weil erstmalig eine Seilbahn in ein städtisches Bus-und-Bahn-Netz und damit in die Tarifstruktur integriert wird. 

„Die Seilbahn wäre ein großer Meilenstein in Richtung nachhaltiger Mobilität für Bonn. Wir wollen die Straßen entlasten und das Klima schützen – und dafür brauchen wir einen attraktiven Öffentlichen Nahverkehr. Die Seilbahn kann ein innovativer Bestandteil unseres Nahverkehrsnetzes werden“, betont Oberbürgermeisterin Katja Dörner. „Sie wäre eine wichtige und attraktive Ost-West-Achse über den Rhein hinauf auf den Venusberg. Mit ihr werden wichtige Ziele wie Universitätsklinikum, der Arbeitsplatzschwerpunkt Bundesviertel mit unter anderem Post Tower und Telekom sowie der rechtsrheinische Stadtbezirk Beuel mit Straßenbahn, Stadtbahn und Eisenbahn verbunden.“ 

„Zusammen mit den für den ÖPNV-Bedarfsplan des Landes gemeldeten Stadtbahnprojekten gehört die Seilbahn zu den für die Weiterentwicklung des Bonner Liniennetzes äußerst wichtigen Infrastrukturmaßnahmen, die zur wesentlichen Stärkung des Angebots und der Alternativen zum Autoverkehr dringend benötigt werden“, sagt Bonns Stadtbaurat Helmut Wiesner.

Die Stadtverwaltung schlägt den politischen Gremien und dem Rat der Stadt Bonn für seine Sitzung am 9. Dezember 2021 unter anderem vor, das Ergebnis der vorläufigen Standardisierten Bewertung zur Seilbahn Bonn zur Kenntnis zu nehmen, die Verwaltung zu beauftragen, das Projekt für den derzeit gültigen ÖPNV-Bedarfsplan anzumelden, und ein Kommunikations- und Beteiligungskonzept erarbeiten zu lassen.

Knapp 4,3 km lang und fünf Stationen

Die Seilbahn soll vom rechtsrheinischen künftigen S-Bahn-Halt Schießbergweg (Limperich/ Küdinghoven/ Ramersdorf) im Stadtbezirk Beuel bis zum linksrheinischen, auf dem Venusberg gelegenen Universitätsklinikum verlaufen. Die Streckenführung orientiert sich soweit möglich an den vorhandenen Straßenzügen. Sie hat eine Länge von knapp 4,3 Kilometern, umfasst voraussichtlich 34 Stützen und wird über insgesamt fünf Stationen verfügen: Schießbergweg, Rheinaue, UN Campus, Loki-Schmidt-Platz (früher Hindenburgplatz) und Uniklinikum-West. 

Diese Trasse ist die so genannte Vorzugsvariante der im Jahr 2017 der Öffentlichkeit unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger vorgestellten Machbarkeitsstudie und ist Grundlage für die jetzt erarbeitete Standardisierte Bewertung.

Knapp 15.000 Fahrgäste würden die Seilbahn täglich nutzen, und rund zwölf Millionen PKW-Kilometer pro Jahr könnten vermieden werden.

Standardisierte Bewertung

Investitionsvorhaben des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) müssen aufgrund ihrer gesamtwirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Bedeutung sowohl unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten als auch unter Berücksichtigung der Vor- und Nachteile für die Fahrgäste sowie der Auswirkungen auf die Allgemeinheit bewertet werden. Grundlage für die Abstimmung mit Land NRW, Bund (BmVI) und Nahverkehr Rheinland (NVR) bildete die „Verfahrensanleitung zur Standardisierten Bewertung von Verkehrswegeinvestitionen im öffentlichen Personennahverkehr (Version 2016)“. 

Die Arbeiten durch ein von der Stadt Bonn beauftragtes Gutachterbüro begannen Ende 2018 und konnten mit einem vorläufigen Ergebnis im Oktober 2021 erfolgreich abgeschlossen werden.

Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,6

Die Standardisierte Bewertung umfasst eine Nutzen-Kosten-Untersuchung, um die gesamtwirtschaftlichen Vorteile beurteilen zu können, und eine Folgekostenrechnung, die alle relevanten Einnahmen und Ausgaben aus betriebswirtschaftlicher Sicht verdeutlicht. Ein Vorhaben gilt als gesamtwirtschaftlich sinnvoll, wenn der Gesamtnutzen die Kosten übersteigt beziehungsweise das Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV) größer als eins ist. Auf Basis der aktuell vorliegenden Kostenermittlung in Höhe von 66 Millionen Euro (netto) ergibt sich ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,6. Entsprechend der Verfahrensanleitung wurde hierbei eine 30-prozentige Kostenerhöhung gegenüber der derzeitigen Kostenschätzung aufgrund der vorliegenden Planungsreife des Projektes berücksichtigt.

Teil einer Standardisierten Bewertung ist eine Folgekostenrechnung. Sie zeigt die betriebswirtschaftliche Seite und damit eine Abschätzung der zu erwartenden jährlichen Kosten des Projekts für einen möglichen Betreiber (Stadtwerke Bonn). Die finanziellen Auswirkungen werden hier für einen Zeitraum von bis zu 30 Jahren ermittelt. Demnach würden sich jährliche Aufwendungen in Höhe von kurzfristig 800.000 Euro ergeben, mittelfristig von 1,1 Millionen Euro und langfristig von 2,1 Millionen Euro.

Aufschlüsselung der Kosten

Die Infrastrukturkosten wurden auf Basis des Preisstandes im Jahr 2019 getrennt nach Seilbahntechnik, Tief-/Hochbau und weiterer Ausstattung ermittelt. In den Gesamtkosten von 66 Millionen Euro sind unter andere, enthalten: Seilbahntechnik, Tief- und Hochbau mit Fundamenten, Zugangsinfrastruktur und Seilbahngebäude sowie Planungskosten. Inkludiert sind auch Kosten für die Kabinen, Garagen und die Überwachungsräume.

Der größte Teil der Investitionen kann über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) gefördert werden. Es würde ein ungefährer Eigenanteil der Stadt von elf Millionen Euro verbleiben.

zuletzt editiert am 08.11.2021