Der ständige Neubau und Abriss ist keine Option mehr. Doch die Transformation zu Bestandserhalt und Sanierung muss wirtschaftlich gestaltet sein. Von Annabelle von Reutern
Als ich 2019 die Regionalgruppe Köln von „Architects for Future“ ins Leben rief, warnte mich mein Großvater, dass ich bloß aufpassen solle, keine Aktivistin zu werden. Das schien ihm für seine Enkeltochter wohl zu gefährlich zu sein. Wahrscheinlich weil er Steine schmeißende und Haus besetzende Aktivistinnen und Aktivisten der 1970er Jahre im Kopf hatte. Ich habe mich natürlich nicht beirren lassen und wurde zur Aktivistin. Aktivismus ist so viel mehr als radikale linksgerichtete Wut. Aktivistinnen und Aktivisten legen den Finger in die Wunden der Gesellschaft. Das schmerzt. Das versucht man zu vermeiden und lässt die Wunde stattdessen weiter eitern. Das haben wir schon immer so gemacht. Hat uns das denn geschadet? Ja, was, wenn es euch und damit uns allen doch geschadet hat.
Aktivismus ist eine Form von Protest, eine Form von Revolution wie Eva von Redecker wie folgt beschreibt: „Es sind Prozesse der Vorwegnahme von dem, was man nach der Revolution gern sähe, als Einübung eines anderen Lebens in den Zwischenräumen des Bestehenden (...).” Gesellschaften entwickeln sich weiter. Nichts ist von Dauer. Das merken wir gerade leider auch am Demokratieverständnis einiger Wählender in Deutschland, die glauben, dass rechtsradikale Ideen eine gute Option für die Zukunft sind. Unsere Gewissheiten und Sicherheiten sind de facto keine.
Wir akzeptieren kein „Ja, aber...”
Wir als Verband akzeptieren kein „Nein“ und keinen „Status quo“. Wir akzeptieren kein „Ja, aber...”. Warum? Weil es keine Option mehr ist, die jahrzehntelange Einübung von Neubau-Abriss-Neubau-Abriss weiterzuführen. Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, wie auch Maja Göpel seit Jahren predigt. Und trotzdem sehen wir uns als Verband nicht als Aktivistinnen und Aktivisten. Wir schätzen jedoch die vielen Initiativen, die sich in den vergangenen Jahren gegründet haben. Das sind neben vielen anderen zum Beispiel Initiativen wie „Abbrechen Abbrechen“, die den Abriss des Justizzentrums in München verhindern wollen oder „Anders.Urania“, die dasselbe für einen Bau in Berlin propagieren.

Es braucht viele Akteurinnen und Akteure, um eine wertschätzende Haltung und gesellschaftliche Relevanz der gebauten Umwelt zu reaktivieren. Die Aktivistinnen und Aktivisten spülen unermüdlich, und das mit viel persönlichem und ehrenamtlichem Einsatz, die Verwundung an die Oberfläche. So auch der Abriss-Atlas, der unter anderem von der Deutschen Umwelthilfe und der Initiative Abrissmoratorium ins Leben gerufen wurde. Der Abriss-Atlas basiert auf einer Idee des Kollektivs „Countdown 2030“. Dieses Kollektiv hat zurzeit eine Gastprofessur am Institut Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW inne. Auch das ist Teil der Transformation, neue Formen der Lehre. Waren doch bisher Professuren Alleingänge eines Individuums.
Doch aller Aktivismus wird ein Rohrkrepierer sein, wenn wir es nicht schaffen, die Transformation wirtschaftlich und umsetzbar zu gestalten. Wenn es nach wie vor billiger ist, abzureißen statt zu sanieren, wird der Abbruch siegen. Und da kommen wir als Verband und Sie als Akteurinnen und Akteure der Branche ins Spiel. Lassen Sie uns die Regeln neu denken und schreiben. Lassen Sie uns gemeinsam Lösungen entwickeln, die es möglich machen, dem Bestand die Wertschätzung und den Erhalt entgegenzubringen, die er verdient. „Um die Welt zu retten, müssen wir eine bessere Party schmeißen, als die, die sie zerstören.” So formulierte kürzlich der Lemonaid-Gründer Jakob Berndt unseren gesellschaftlichen Auftrag in einem Brandeins-Podcast. Wir sagen: Um Gebäude zu retten, brauchen wir bessere Lösungen, als die, die sie abreißen wollen. Support your local activist!