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Warum die Bauwirtschaft stärker kooperieren muss

Konflikte zwischen den Vertragspartnern eines Bauprojekts verzögern und verteuern immer wieder deren Fertigstellung. Das Problem ist die Struktur der Bauprojekte. Die Lösung: Mehr Kooperation wagen!

Die Baubranche braucht einen Kulturwandel, denn Konflikte zwischen den Vertragspartnern eines Bauprojekts verzögern und verteuern immer wieder deren Fertigstellung. Das gilt nicht nur für bekannte Beispiele wie die Elbphilharmonie, den Flughafen Berlin-Brandenburg oder Stuttgart 21. Vielmehr kann es bei jedem Bauvorhaben zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen, deren Beilegung häufig teuer ist. So haben die vom Arcadis Contract Solutions Team in Kontinentaleuropa betreuten Streitigkeiten zwischen Vertragspartnern im Jahr 2017 in der Regel rund 26 Millionen Euro im Durchschnitt gekostet. Die benötigte Zeit, um solche Konflikte zu lösen, stieg im Vergleich zum Vorjahr um vier auf durchschnittlich 18 Monate an. Das geht aus dem „Global Construction Disputes Report 2018“ des Planungs- und Beratungsunternehmens Arcadis hervor.

Ursache der Streitigkeiten ist oft die Struktur der Bauprojekte. So übernimmt jeder Vertragspartner – ob Planungsunternehmen, Architekt oder Baufirma – meist nur die Verantwortung für die eigenen Leistungen. Das bedeutet, dass Bauherren mit jedem einzelnen Partner bilateral vertragliche Regelungen vereinbaren. Daraus ergeben sich gegensätzliche Interessen, die den erfolgreichen Projektabschluss gefährden. Das Resultat: Ohne Rücksicht auf das Gesamtprojekt minimieren einzelne Akteure Aufwand sowie Kosten bis zum Äußersten und nutzen sogar Fehler oder Minderleistungen anderer Projektteilnehmer aus. Dies kann kein Dauerzustand sein. Die aktuelle Konstellation in vielen Bauprojekten schadet der Wirtschaft und damit letztlich den Unternehmen selbst. Geld und Tatkraft sollten besser in den Austausch maroder Infrastruktur, die Digitalisierung und nachhaltige Baukonzepte investiert werden, statt in vermeidbare Gerichtsverfahren.

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland hinterher
Die Lösung dieser strukturellen Probleme ist ein Kulturwandel zu mehr Kooperation. Ein großes Hindernis auf dem Weg dorthin ist der Teufelskreis aus einem ruinösen Preiswettbewerb, der zu Kosten- und Terminüberschreitungen führt. Das Gegenmittel: Künftig müssen Bauherren neben dem Preis auch darauf achten, dass die Haltung der Partner stimmt. Darüber hinaus können Auseinandersetzungen oft durch solides Vertragswesen, robuste Dokumentation und proaktives Risikomanagement vermieden werden. Im Vergleich zu anderen Ländern hat die deutsche Baubranche noch erheblichen Nachholbedarf in Sachen Zusammenarbeit.

In Finnland wird zum Beispiel schon seit Jahren bei komplexen Projekten auf das kollaborative „Project Alliancing“ gesetzt. In Österreich hat die Österreichische Bautechnik Vereinigung einen Leitfaden zur „kooperativen Projektabwicklung“ (bereits in dritter Auflage) herausgegeben, der bei dortigen Ausschreibungen öffentlicher Auftraggeber angewendet wird. Auch deutsche Auftraggeber, insbesondere öffentliche, sollten künftig die Anwendung eines kooperativen Konzepts bei Ausschreibungen zur Pflicht machen.

Fachkräftemangel zwingt Bauwirtschaft zu mehr Effizienz
Kooperation ist nicht nur aufgrund der zunehmenden Konflikte das Gebot der Stunde, auch die Digitalisierung zwingt die Bauwirtschaft dazu. So ist mit Building Information Modeling (BIM) inzwischen eine Arbeitsmethode verfügbar, mit der ein virtuelles Abbild eines Bauwerks erstellt werden kann. Das führt dazu, dass Planung und Ausführung immer mehr parallel stattfinden, statt wie früher nacheinander. Alle Projektbeteiligten müssen deshalb frühzeitig und transparent beteiligt werden. So können zu Beginn der Planungsphase gemeinsam Lösungen erarbeitet und die Anforderungen der Partner berücksichtigt werden.

Während sich in der Bauwirtschaft der digitale Wandel vollzieht, spitzt sich die Lage am Arbeitsmarkt immer mehr zu. So waren laut dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung im Juni 2018 fast 70.000 offene Stellen für qualifizierte Experten in Bauberufen bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet. Der steigende Fachkräftemangel erfordert in Deutschland künftig eine effizientere Umsetzung komplexer Großprojekte. Das bedeutet, dass die verbleibenden Beschäftigten besser zusammenarbeiten müssen. Effizienzsteigerungen sind zum einen durch moderne Technologien wie BIM und zum anderen durch einen Kulturwandel möglich. Davon kann nicht nur die Bauwirtschaft profitieren. Gerade in den Ballungszentren, wo bezahlbarer Wohnraum knapp ist, freuen sich auch Mieter und Immobilienkäufer darüber, wenn bei Bauprojekten Zeit- und Kostenpläne eingehalten werden.

Autor: Oliver Bartz ist Head of Alliancing und kooperative Projektabwicklung bei Arcadis.

07.10.2019