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Viele Wege führen nach China

Neue Seidenstraße Initiative: China will fast eine Billion Dollar in Infrastruktur-Verbindungen zwischen Ostasien und Europa pumpen. Unser Gastautor zeigt auf, wie institutionelle Anleger davon profitieren können.

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Auf den neuen Wegen von und nach China ergeben sich Chancen für neue Logistikstandorte. (Bild: Evgeny/istockphoto)

China will in den kommenden Jahren im Rahmen des Projekts Neue Seidenstraße-Initiative fast eine Billion Dollar in Infrastruktur-Verbindungen zwischen Ostasien und Europa pumpen. Neue und erweiterte Seerouten, Güterzugverbindungen und Straßen sind geplant. Institutionelle Anleger können profitieren, wenn sie langfristig attraktive Standorte identifizieren.

Ein Gastbeitrag von Marco Kramer

Wissen Sie, wo Chongqing liegt? Die 30-Millionen-Einwohner-Metropole im Herzen Chinas ist fest mit uns in West- und Mitteleuropa verbunden – über eine Güterzugverbindung, die bis nach Bremerhaven reicht. Zweimal wöchentlich schickt der Sportwagenbauer Porsche normalerweise Fahrzeuge von der deutschen Nordseeküste auf die 11.000 Kilometer lange Reise ins ferne China. 18 Tage benötigt der Zug bis zu seinem Ziel. Aus der Gegenrichtung machen sich ebenfalls zwei Mal in der Woche auf der Strecke Chengdu-Nürnberg/Bayernhafen 41 Waggons mit chinesischen Produkten auf den Weg nach Westen, um in ganz Europa verteilt zu werden.

Außerhalb von Corona-Zeiten läuft der Verkehr auf diesen Wegen wie geschmiert. In den Krisenregionen wie etwa Wuhan mussten in der Hochphase der Ansteckung aber auch die Güterverteilzentren schließen, teilweise wurden Grenzen geschlossen oder es gab nicht genug verfügbares Personal für die Transporte.
Die Ausweitung der Logistik zwischen Ost und West wird ganz entscheidend von China vorangetrieben, birgt aber auch hierzulande jede Menge Chancen für institutionelle Anleger. Denn die weltweite Vernetzung des Handels wird immer engmaschiger – und lässt vor allem im Osten Europas neue Logistikstandorte entstehen.
So hat der chinesische E-Commerce-Gigant Alibaba beispielsweise angekündigt, neue Logistikverteilzentren entlang künftiger Güterzugrouten zu etablieren, die im Rahmen der sogenannten „Neue Seidenstraße-Initiative“ (kurz: NSI) gebaut werden sollen. Historische Handelsrouten sollen wiederbelebt, neue erschlossen werden. Dafür wollen die chinesische Regierung und deren staatseigene Unternehmen in den kommenden Jahren die ungeheure Summe von rund 900 Milliarden US-Dollar in Transportwege zu Wasser und zu Lande investieren: zusätzliche Seerouten, erweiterte Güterzugverbindungen,
neue Straßen.

In 16 Tagen nach Deutschland
Laster sollen bald auf gut ausgebauten Straßen von China über Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen, Bulgarien, Serbien und Ungarn nach Westeuropa rollen. Die Firma Ceva Logistics bietet bereits den regelmäßigen Gütertransport per LKW auf einer Route von China nach West- und Südeuropa an. Für die Strecke vom chinesischen Korgas aus, einer kreisfreien Stadt im Kasachischen Autonomen Bezirk Ili, über Kasachstan, Russland, Weißrussland, Polen nach Deutschland und andere europäische Länder braucht ein Laster zurzeit 16 Tage. Korgas, das an der Grenze zu Kasachstan liegt, wurde 2016 als Güterumschlagsplatz fertiggestellt. Die Entwicklung des Standorts haben sich die Chinesen mehr als drei Milliarden US-Dollar kosten lassen. Gemeinsam mit einem anderen chinesischen Unternehmen hält die China Ocean Shipping Company, kurz Cosco, eine der weltweit größten Reedereien, 49 Prozent der Anteile am „Khorgos-Eastgate“.
Cosco betreibt auch seit 2009 zwei Containerterminals am wichtigsten griechischen Hafen Piräus, der zum Tiefseehafen ausgebaut werden soll. Seit 2016 besitzt der Logistikriese dort die Mehrheitsanteile. Chinesische Schifffahrtsunternehmen investieren in Häfen in Belgien, den Niederlanden, Kroatien, Slowenien, Italien, Portugal und Spanien. Mit der italienischen Regierung wurde beispielsweise vereinbart, gemeinsam die Häfen in Genua und Triest auszubauen. In Venedig baut eine chinesische Gesellschaft in Kooperation mit lokalen Partnern einen Offshore-Hafen.

Bereits in den vergangenen Jahren wiesen Containerhäfen an der Adria sowie im östlichen Mittelmeerraum überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten beim Containerumschlag auf. Piräus beispielsweise konnte seinen Umschlag zwischen 2007 und 2017 nahezu verdreifachen auf rund vier Millionen Container (TEU), trotz schwerer Wirtschaftskrise in Griechenland. Triest und Venedig legten im selben Zeitraum um 132 beziehungsweise 85 Prozent zu. Damit liegen die
Mittelmeerhäfen entlang der Seiden-Wasserstraße beim Wachstum deutlich über den großen europäischen Nordseehäfen wie Rotterdam, Antwerpen oder Bremerhaven – auch wenn deren Umschlag mit bis zu fast 14 Millionen Einheiten (TEU) pro Jahr wie etwa in Rotterdam insgesamt wesentlich größer ist.

Klimaneutrale Logistikketten
Gateway-Logistik-Hubs werden künftig weiterhin an Bedeutung gewinnen. Ein Beispiel hierzulande ist der Duisburger Hafen. Der Ruhrgebietsstandort entwickelt sich zur trimodalen Logistikdrehscheibe und hat gemeinsam mit Cargo Beamer – einem Spezialisten für Schienentransport von nicht-kranbaren Aufliegern – eine Kooperation für mehr Wachstum im Kombinierten Verkehr „Straße-Schiene“ (KV) vereinbart. Die geplanten Transportrouten sollen für klimaneutrale Logistikketten sorgen – und zwar von Rampe zu Rampe. Von dort aus soll es mit Hilfe einer so genannten „Cboxx“ auf der Schiene weitergehen. Dabei handelt es sich um einen Container, der 57 Prozent mehr Volumen als ein Standard-Container besitzt, eigens für den Bahntransport entwickelt wurde und auf der Route Asien- Europa eingesetzt werden soll. Außerdem soll mit dem neuen Behältnis eine roboterbasierte Be- und Entladung der Box einhergehen und dieser Vorgang in die Produktionsprozesse integriert werden.
Cargo Beamer strebt nach eigenen Angaben einen Durchsatz von 100 Behältern in zehn Minuten an. Die automatisierte Beladung der Cboxx auf Waggons für einen ganzen Zug soll nur noch 15 Minuten dauern. Weil die Waggons, auf denen die Container sitzen, auch noch in der Lage sind, automatisch die Spur zu wechseln, spart man auf dem Weg von Asien zusätzliche Zeit ein – ganze zwei Tage.

So sieht moderne Logistik-Infrastruktur aus, die Investoren in Logistikimmobilien im Blick behalten sollten. Aber auch geografische Veränderungen fordern stetige Aufmerksamkeit: In den vergangenen zwei Jahrzehnten profitierte ein Standort wie Bad Hersfeld als Mittelpunkt Deutschlands von der Entwicklung des Warenverkehrs und sorgte für starkes Wachstum der Logistikbranche vor Ort. Dasselbe galt für Leipzig, das als zentraler Standort in Mitteleuropa die Ansiedlung von Logistikern forcierte. Künftig wird sich die Branche aber nicht nur an diesen Standorten weiterentwickeln, sondern
auch stärker gen Osten orientieren. Städte wie Budapest, Warschau und das slowakische Košice werden in den Fokus rücken. Die Seidenstraßen-Initiative bietet damit in großen Teilen Europas interessante Investitionschancen für institutionelle Investoren.

Dieser Artikel stammt aus der immobilienmanager Ausgabe 4-2020 (Autor: Marco Kramer, Leiter Research und Investitionsstrategie bei der Real I.S. AG).

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07.04.2020