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Umbauen im Kopf

Der kulturelle Wandel ist die Grundlage für die Zukunftsfähigkeit der Immobilienbranche. Ein Beitrag von Sarah Schlesinger, Blackprint Booster.

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Wie konsequent stellen Sie heute die Weichen für morgen? (Bild: Cruz/Unsplash)

In vielerlei Hinsicht ist die Bau- und Immobilienwirtschaft resistenter gegen Veränderungen als andere Branchen. Das hängt zum einen mit dem traditionell sehr langen Immobilienlebenszyklus zusammen. Aber auch mit der Tatsache, dass unsere Branche vergleichsweise fragmentiert und in sich geschlossen ist. Neue Denkweisen und Ansätze halten so nur schwer Einzug. Weil das klassische Immobiliengeschäft im vergangenen Jahrzehnt sehr gut lief, waren größere Innovationen schlichtweg nicht notwendig – weder aus Wettbewerbsgründen noch aufgrund einer sich ändernden Gesetzeslage. Mehr noch: Den Nutzer und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen, war aus Sicht vieler Unternehmen auch wirtschaftlich nicht attraktiv genug. Diese Einstellung hat unserer Branche harte Kritik eingebracht. Zugleich offenbart sie einen zentralen Konflikt in der Bau- und Immobilienwirtschaft – einen, den wir dringend lösen müssen. Und auch lösen können.

Denn dank neuer Technologien kann eine für Mensch, Natur und Wirtschaft nachhaltig funktionierende Bau- und Immobilienwirtschaft, die nicht allein ihre Existenz, sondern ihre Sinnstiftung in den Mittelpunkt stellt, für alle Seiten vorteilhafte Realität werden. Zwingende Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitschaft der Branche, sich sowohl mit Blick auf Prozesse als auch die Renditeerwirtschaftung Neuem zu öffnen. Bisher wurde diese Offenheit von den wenigsten Branchenakteuren freiwillig gelebt – Innovation und Digitalisierung wurden von vielen Budgetverantwortlichen und operativen Entscheidern in den Bau- und Immobilienunternehmen stattdessen als schwer greifbare Buzzwords abgetan. Doch nun ändern sich die Rahmenbedingungen. Wie schon zuvor in anderen Branchen – etwa dem Finanzbereich, Modehandel oder der Nahrungsmittelproduktion – nimmt der Druck durch exogene Faktoren deutlich zu.

Game Changer Nachhaltigkeit

Zum großen Game Changer werden die Nachhaltigkeitsagenda 2030 der Vereinten Nationen und neue Regulierungsprojekte der Europäischen Union im Finanzsektor. Die Welt zum Besseren zu verändern – das war der Antrieb der UNO, die Agenda 2030 mit 17 Sustainable Development Goals (SDGs) für eine nachhaltige Entwicklung ins Leben zu rufen. Der globale Aktionsplan sieht vor, eine bessere Zukunft für alle Menschen zu schaffen. Die dazu notwendige Wertschöpfung der Volkswirtschaften soll in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht nachhaltig erfolgen. Fast jedes der SDGs betrifft auch uns, mindestens sechs davon – etwa „Nachhaltige Städte und Gemeinden“, „Industrie, Innovation und Infrastruktur“ oder „Nachhaltige/r Konsum und Produktion“ – liegen originär in der Verantwortung der Bau- und Immobilienwirtschaft.

Im Rahmen der Agenda 2030 gewinnt das Thema ESG (Environmental, Social, Governance) auch in Europa an Bedeutung. Die EU-Kommission will Europa zum Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit machen. Und so sehen etwa die neue Offenlegungs- und die Taxonomie-Verordnung – nur zwei Beispiele einer regelrechten Flut neuer regulatorischer Anforderungen – umfassende neue ESG-Berichtspflichten vor. Investoren werden gezwungen, nachhaltiger zu investieren und so wird letztlich auch nachhaltiges Bauen und Bewirtschaften zur Pflicht. Die ersten Vorboten davon, dass „Business as usual“ nicht länger – wirtschaftlich – funktioniert, waren auf Branchentreffen im Herbst spürbar, bei denen alteingesessene Immobilienunternehmen plötzlich mit Nachhaltigkeit warben.

Wir sollten keine Angst vor den anstehenden Veränderungen haben. Die erfrischenden Anforderungen, die auf uns zukommen, sind vor allem eine Chance, die wir offenbar ohne Druck nicht ergreifen wollten – eine Chance für mehr Effizienz und die Entwicklung neuer, nutzerfokussierter Geschäftsmodelle durch den Einsatz von Technologie und klugen Digitalisierungsstrategien. Eine ernstzunehmende Generation dynamischer Tech-Unternehmen hat teils schon sehr deutlich bewiesen, dass Nutzerorientierung und Technologie in der Kombination für alle Beteiligten vorteilhaft sind – weil diese Kombination soziale, ökologische und ökonomische Mehrwerte stiften kann.

Anders als noch vor einigen Jahren lassen sich entsprechende Konzepte durch die Möglichkeiten der modernen Technologie nun auch – und zukünftig nur noch so – ökonomisch vorteilhaft umsetzen. Historisch betrachtet ist das eine einmalige entwicklungstechnische Chance. Damit diese Transformation gelingen kann, muss ihr allerdings ein Kulturwandel vorausgehen – und damit das Verständnis, dass wir Digitalisierung nicht um der Digitalisierung Willen brauchen, sondern um Immobilien zu schaffen, die für Menschen funktional und lebenswert sind und die zugleich unsere Gesundheit und die unseres Planeten schonen oder sogar fördern.

Kulturwandel macht den Weg frei

Etablierte Unternehmen, die in zehn Jahren noch eine ernst zu nehmende Rolle am Markt spielen wollen, werden in den kommenden zwölf bis 24 Monaten für sich entscheiden müssen, wie konsequent sie heute die Weichen für morgen, für den „Umbau im Kopf“, stellen wollen. Clevere Unternehmenslenker machen den Kulturwandel im Unternehmen schon jetzt zur Chefsache und beschäftigen sich intensiv damit, wie sie ihre Führungskräfte intrinsisch motivieren können, Aufbruchstimmung in das ganze Unternehmen zu tragen. Der Kulturwandel ist charmanterweise methodisch in relativ kurzer Zeit möglich und funktioniert, konsequent umgesetzt, wie ein Dominostein, der den Perspektivwechsel und anschließend die Neuausrichtung des Unternehmens anstößt. Optimalerweise bringt diese Neuausrichtung neue Ansätze hervor, um Immobilien vom Nutzer aus zu denken, seine Bedürfnisse an ein gesundes Umfeld in den Vordergrund zu stellen und die richtigen Vorkehrungen für ökologische wie ökonomische Nachhaltigkeit zu treffen.

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Sarah Maria Schlesinger (Bild: Blackprint Booster)

Wenn dabei alle im Unternehmen einbezogen werden, können Impulse auf vielfältige Weise entstehen – sei es durch die Förderung von Diversität, den Einsatz agiler Methoden oder Aktivitäten wie Incubation Contests, interne Hackathons oder offene Digital Innovation Units. Vor allem: Richtig aufgesetzt macht Kulturwandel Spaß, erzeugt ein Wir-Gefühl, stiftet Sinn und fördert so die intrinsische Motivation bei den Akteuren, ein Teil der Lösung zu werden. Die Rückschau 2030 wird nicht nur offenbaren, welche Unternehmen den Umbau im Kopf gemeistert und die Digitalisierung als Mittel zum Zweck so konsequent angewendet haben, dass sie aus der bereits eingesetzten Konsolidierungswelle als Marktführer hervorgehen konnten. Vor allem wird sich zeigen, ob wir den Wandel zu einer für Mensch, Natur und Wirtschaft nachhaltig funktionierenden Bau- und Immobilienwirtschaft als Branche gemeistert haben.

Dieser Artikel stammt aus der immobilienmanager Ausgabe 11/12-2020 (Autorin: Sarah Schlesinger ist Managing Director bei Blackprint Booster)

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04.01.2021