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Transformation oder Neustart

Schlagwörter wie „Fachkräftemangel“ verdecken, worum es eigentlich geht. Unternehmen, die den digitalen Wandel aktiv gestalten wollen, brauchen eine andere Unternehmenskultur. Dem Personalmanagement kommt dabei die Schlüsselrolle zu.

Die Digitalisierung verändert auch die Herausforderungen für das Personalmanagement in Immobilienunternehmen (Foto: Alphaspirit/Shutterstock)
Die Digitalisierung verändert auch die Herausforderungen für das Personalmanagement in Immobilienunternehmen (Foto: Alphaspirit/Shutterstock)

Der deutschen Wirtschaft mangelt es zunehmend an Fachkräften. Oder doch nicht? Der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar hält die derzeit hierzulande geführte Debatte für vollkommen übertrieben. Seine Rechnung ist einfach: Wegen der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen sinkt die Nachfrage nach Fachkräften, wenn auch nur moderat. Das Angebot sinkt, demografisch bedingt, in einem ähnlichen Tempo. Der Fachkräftemangel sei ein „Phantom“.

Nicht makroökonomisch, sondern eher verwegen argumentiert der Employer-Branding-Experte und Agenturchef Jakob Osman. Er nennt den Fachkräftemangel in einem Gastbeitrag für das Manager Magazin ein „Märchen“, in die Welt gesetzt von Lobbyisten, die den Wettbewerb der Fachkräfte untereinander hoch und die Lohnkostenanstiege damit gering halten wollen. Osmans schlichte Logik: Wenn mehr Menschen die benötigte Qualifikation erwerben, müssen sie sich mit geringeren Gehältern zufrieden geben.

Herausforderungen für Immobilienunternehmen
Jenseits aller makroökonomischen Zahlenspiele und kruden Verschwörungstheorien stellen viele Arbeitgeber derzeit allerdings fest, dass bestimmte Qualifikationen am Arbeitsmarkt nur noch schwer zu finden sind – oder gar nicht. Die Bundesagentur für Arbeit äußerte zwar zuletzt, dass es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel gibt, wohl aber regionale und spartenspezifische Engpässe.

Immerhin sind derzeit über eine Million offene Stellen gemeldet, mehr als je zuvor. Relativ neu sind die Engpässe in der Bauindustrie. Die Immobilienwirtschaft ist damit zumindest indirekt statistisch messbar betroffen. Da ihre Berufsbilder – Asset Manager, Projektentwickler und viele andere – von der Bundesagentur nicht gesondert erfasst werden, ist kein exaktes Bild der Lage vorhanden.

Häufige Schwachstellen des Personalmanagements in Transformationsprozessen

  1. Datengewinnung und -analyse
  2. Identifikation und Planung des künftigen Bedarfs
  3. Datengestütztes Reporting als Entscheidungsgrundlage für die Unternehmensführung
  4. Rekrutierung und Entwicklung von Talenten und Führungskräften
  5. Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten entsprechend dem aktuellen Bedarf des Unternehmens

Quelle: immobilienmanager/The Hackett Group

Mengenbetrachtungen beschreiben das Problem ohnehin nur teilweise. In allen Branchen befassen sich mehr und mehr Unternehmen mit der Digitalisierung von Prozessen oder Geschäftsmodellen. Aber mit welcher Belegschaft? Die Transformation bestehender Teams war 2016 einer Umfrage des US-Beratungsunternehmens The Hackett Group zufolge global das wichtigste Personalthema. Vermutlich wird sich dies auch im laufenden Jahr kaum ändern.

Die Immobilienwirtschaft scheint derzeit mehrheitlich mit anderen Dingen beschäftigt. Dort, wo entwickelt, gebaut und verkauft wird, brummen die Geschäfte. Eine von EY im Auftrag des ZIA Zentraler Immobilienausschuss erstellte Studie zeigt aber, dass auch in der Real-Estate-Industrie die Sorge zunimmt. Demnach haben neun von zehn klassischen Immobilienunternehmen das Thema Digitalisierung für sich als „sehr relevantes“ Handlungsfeld identifiziert, sehen aber im Fachkräftemangel und in den fehlenden personellen Ressourcen die größten Hürden.

Tatsächlich stoßen die Akteure in den eigenen Unternehmen auf vielfache Herausforderungen. In einer von McKinsey durchgeführten globalen Umfrage unter Topmanagern landet ein klassisches Human-Resources-Thema im Hindernis-Ranking auf dem ersten Platz: „Cultural and behavioral Challenges“. Soweit besteht in den Ursachen-Analyse auch weitgehende Einigkeit. Ansonsten kommt es sehr darauf an, wen man fragt. Die vom Forschungsinstitut IfM Bonn Anfang des Jahres angesprochenen Familienunternehmer sehen im mangelnden Know-how ihrer Mitarbeiter das zentrale Hemmnis auf dem Weg zur Digitalisierung. Aus Sicht der Mitarbeiter hingegen sind es die Führungskräfte, die im Weg stehen.

So jedenfalls lautet das Ergebnis einer Kienbaum-Studie. Dort zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis der befragten Führungskräfte und dem, was deren Mitarbeiter im Alltag als Führung erleben. Ob Führungskräfte oder andere Mitarbeiter – das Talentmanagement rückt im Zeitalter der Transformation in den Mittelpunkt – und bedarf einer Neujustierung. „Früher war es klarer, welche Mitarbeiter man benötigt“, verdeutlicht Thomas Flohr, geschäftsführender Gesellschafter von Bernd Heuer Human Resources, wo der Schuh drückt.

„In einer Arbeitswelt 4.0 werden die Mitarbeiter mehr denn je zum kritischen Erfolgsfaktor für die Unternehmen. Die Herausforderung wird daher künftig sein, Mitarbeiter zu finden und zu fördern, die fähig zu Veränderungen sind und die der Dynamik einer veränderten Arbeitswelt agil und flexibel begegnen“, sagt Sandra Scholz, Vorstandsmitglied und HR-Chefin der Commerz Real. Das Unternehmen hat die Latte sehr hoch gehängt: Es will Deutschlands erster digitaler Asset Manager werden. Das erfordert Scholz zufolge auch einen Kulturwandel im eigenen Unternehmen – also die adäquate Antwort auf die eingangs zitierte McKinsey-Forderung.

Einen anderen Weg beschreitet die Hochtief AG, die vor geraumer Zeit ihre Immobilienmanagement-Sparte veräußert hatte. Hochtief entschied sich dann aber für die Neuaufstellung des Geschäftsfeldes Facility Management und schuf Bedingungen, unter denen sich normalerweise Start-up-Unternehmen entwickeln können. „Ich werde oft gefragt, warum Hochtief nun mit einer neuen Gesellschaft wieder FM-Services anbietet. Die Antwort ist einfach: weil die Nachfrage unserer Kunden danach stetig wächst und auch im Markt neue und digitale Modelle die althergebrachten Strukturen und Arbeitsweisen ablösen. Das Geschäftsmodell unserer Tochtergesellschaft Synexs ist exakt darauf ausgerichtet“, erläutert Nikolaus Graf von Matuschka diesen Schritt. Er ist CEO der Hochtief Solutions und Vorstandsmitglied der AG.

Die Grundzutaten dieses Rezepts könnten zum Mantra der Transformation von Unternehmen und ihren Mitarbeitern werden: Durchgängige, digitalisierte Prozesse sowie Führung und Rückendeckung von ganz oben.

09.10.2017

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