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PropTech: Start-ups als branchenfremde Angreifer

Immer mehr Start-ups aus dem Bereich Property Technologie tauchen auf. Dennoch hat die Immobilienbranche die neuen Player der digitalen Transformation noch nicht ausreichend im Visier.

Branchenfremde Angreifer-Start-up
Die Immobilienbranche muss sich in Acht nehmen vor Start-ups die den Markt aufmischen (Bild: gratisography)

Es gibt kaum eine Branche, die sich derzeit nicht mit den Herausforderungen der digitalen Transformation beschäftigt. Allerorten werden „Chief Digital Officers“ eingestellt und IT-Abteilungen zur Modernisierung gedrängt. Führungskräfte lassen sich in den digitalen Zentren unserer Welt von Gründern inspirieren und grübeln, wie der richtige Ansatz für das digitale Zeitalter aussehen mag.

Während die Finanz- und Versicherungsbranche alarmiert ist und fieberhaft an digitalen Strategien arbeitet, zeigt sich die Immobilienbranche im Zustand des gelassenen bis skeptischen Abwartens.

Immoscout als warnendes Beispiel
Sicher wird es aufgrund der Komplexität der Branche und der Heterogenität des zugrundeliegenden „analogen Gutes“ Immobilie länger dauern, bis digitale Start-ups skalieren und die Branche ernsthaft herausfordern. Doch der Erfolg von Unternehmen wie Immobilienscout24 oder CoStar sollte der Branche plastisch vor Augen geführt haben, in welch kurzer Zeit sich Wertschöpfungsstufen dramatisch verändern und immense Unternehmenswerte (und auch Abhängigkeiten) durch diese Plattformen geschaffen wurden.

Dass diese Unternehmen von branchenexternen Angreifern aufgebaut wurden, zeigt, wie schwer es ist, die Digitalisierung aus einem (noch dazu erfolgreichen) Stammgeschäft heraus voranzutreiben.

Die deutsche PropTech-Landschaft wächst
Die Zahl und das Finanzierungsvolumen der Property-Technology- Unternehmen (PropTech) im angelsächsischen und asiatischen Bereich hat sich in den letzten beiden Jahren deutlich erhöht. In 2015 wurden 191 Unternehmen mit insgesamt 1,7 Milliarden US-Dollar finanziert (Quelle: CB Insights). Auch in Deutschland zählte das Branchenmagazin Gründerszene 24 Neugründungen allein in 2015, vornehmlich inspiriert vom Bestellerprinzip im Bereich der digitalen Vermittlung von Immobilien.

Neben den digitalen Maklern (wie Imcheck24 oder McMakler) oder Maklervermittlern (Talocasa oder Realbest) haben sich weitere Segmente für innovative PropTech-Startups herauskristallisiert: Crowdfunding-Plattformen wie Exporo vermitteln Immobilienfinanzierungen, Spezialmarktplätze listen Pop-up-Stores, befristete Unterkünfte und Coworking- Spaces, 3D-Technologien wie die von Archilogic visualisieren Gebäude, und Kiwiki als ein Beispiel für zahlreiche Smarthome- Anbieter vereinfacht die Zugangskontrolle. Unternehmen wie DRS oder Leverton digitalisieren einzelne Stufen der Immobilientransaktionen. Schließlich fokussieren sich einige Anbieter wie Qipp oder Casavi auf die digitale Kommunikation zwischen Bestandshaltern und Mietern.

Gründer von PropTech-Unternehmen brauchen angesichts der Komplexität der zugrundeliegenden Dienstleistungen und Assets sowie der Zurückhaltung der Branche gegenüber technologischen Neuerungen (es geht ja häufig um B2BProdukte) einen langen Atem, eine solide Finanzierungsbasis und Zugang zu Unternehmen der Immobilienbranche. Daher suchen viele die Nähe von „Angel“-Investoren aus der Branche und optimieren gemeinsam mit innovativen Immobilienunternehmen als Pilotkunden ihre Produkte und Services.

In Deutschland noch kaum Inkubatoren
Bis auf Youisnow, der als Inkubator für digitale Immobilien- Start-ups bei Immobilienscout24 gegründet wurde, gibt es bislang noch keine immobilienspezifischen Akzeleratoren wie Pilabs in London oder Unternehmensinkubatoren wie sie aus anderen Branchen bekannt sind. Auch Companybuilder wie Finleap (Fintech) oder Rocket Internet (Ecommerce) haben sich bislang nicht systematisch mit dem Segment Prop-Tech beschäftigt. Das wird sich ändern.

Die Unternehmen aus der Branche sind gut beraten, sich aktiv und von der Spitze her mit der Digitalisierung zu befassen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, intern, aber auch im Zusammenspiel mit Gründern die digitale Zukunft zu gestalten. Die ersten Plattformen stehen in den Startlöchern. Die Medienbranche hat gezeigt, dass nur mutige und innovative Unternehmen den branchenfremden Angreifern erfolgreich Paroli bieten können.

Autor: Marc Stilke ist PropTech-Investor und Ex-CEO von Immobilienscout24.

13.05.2016