zurück

Stadtplanung trifft Computerspiel

Spielend leicht Bürger für Stadtplanung begeistern? Die Stadt Stockholm hat es mit einem Testprojekt versucht. Gamification lautet das Zauberwort, bei dem fiktives Spiel und reelle Planung zusammenfinden. Das Vorbild könnte in Deutschland Schule machen.

Stockholm setzt bei der Entwicklung des neuen Stadtteils Royal Seaport auch auf Gamification mit dem Spiel Cities: Skyline (Foto: Jonas Borg)
Stockholm setzt bei der Entwicklung des neuen Stadtteils Royal Seaport auch auf Gamification mit dem Spiel Cities: Skyline (Foto: Jonas Borg)

Baustein 1: Problem
Bürgerversammlung zum neuen Shoppingcenter in der Nachbarschaft oder der Entwicklung eines neuen Wohnareals? Wen außer direkten Nachbarn und vor allem Gegnern des Projekts zieht es zu einer solchen Veranstaltung? Vor allem junge Erwachsene bleiben solchen Treffen meistens fern. Bürgerbeteiligung ist gewünscht, doch wie kann man Personen, die sich bisher wenig für solche Prozesse interessierten für Stadtplanung begeistern?

Baustein 2: Idee
Indem man es nicht Stadtplanung nennt sondern City Building Simulation! Dann hängen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen stundenlang wie gebannt vor den Bildschirmen ihrer Rechner, Tablets oder Smartphones. Sie zocken Minecraft, SimCity oder Cities: Skylines bis das Akku aufgibt.

Die Begeisterung für Simulationsspiele ist kein deutsches Phänomen. In Schweden beobachteten die Mitglieder des „Svensk Byggtjänst“, des schwedischen Bauzentrums, das gleiche Verhalten. Offen für neue technische Ideen beschlossen Sie, sich dies zu Nutze zu machen. In der Vergangenheit hatten Sie bereits erste Versuche mit Minecraft durchgeführt. Anfang 2016 kontaktierten sie Paradox Interactive, den Herausgeber des führenden Städte-Simulationsspiels Cities: Skylines – der praktischerweise in Stockholm seinen Sitz hat.

Baustein 3: Projekt Royal Seaport
„Und im Frühling wurde die Stadt Stockholm eingeladen, das Spiel bei einem Projekt als Planungsinstrument auszuprobieren“, erzählt Staffan Lorentz. Er ist bei der Stadt Stockholm verantwortlich für die Entwicklung des neuen Stadtteils Royal Seaport. Es ist das größte städtische Entwicklungsareal in Schweden mit 12.000 neuen Wohnungen und 35.000 geplanten Arbeitsplätzen. 2030 soll das Projekt fertig gebaut sein. Für dieses Areal hat sich die Stadt ganz besonders hohe Vorgaben bezüglich Nachhaltigkeit und Energienutzung gesetzt. Das Projekt bot sich als Testobjekt geradezu an, weil es bereits viele konkrete Pläne gibt, die für die digitale Map der Simulation übernommen werden konnten. Zudem stehen die Planer vor vielfältigen Fragen wie etwa: Wie bekommt man die Bewohner dazu, vermehrt auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen oder welche Lösungen gibt es, um hier möglichst wenig fossile Brennstoffe zu verbrauchen?

Baustein 4: Eine (digitale) Stadt bauen
Hier kamen dann erfahrene Gamer ins Spiel: Sie bauten das Areal nach den Plänen der Stadt möglichst detailgetreu nach. Neben den üblichen vorgegebenen Blöcken mit Wohn-, Büro- oder Industriegebäuden wurden sogar einige „Landmarks“ im Spiel vom Entwickler extra neu gestaltet, um die Wiedererkennbarkeit zu gewährleisten.

Baustein 5: Game-Workshop
30 Teilnehmer kamen im vergangenen September zusammen. Vertreter der Stadt, Gamer, Studenten, Bürger – eine bunte Mischung im Alter von etwa 20 bis 60 Jahren. „Alle waren begeistert, dass die Stadt sie fragte, bei solch einem Projekt mitzuwirken“, berichtet Stadtplaner Staffan Lorentz. Eine kurze Einführung reichte, dann machten sie sich aufgeteilt in kleinere Gruppen an die digitale Stadtentwicklung im Game. Sie konnten die Straßenführungen und die Bebauung mit Wohn- beziehungsweise Bürogebäuden verändern, um die Auswirkungen auf den Verkehr zu untersuchen. Auch externe Faktoren wie Steuern, Kraftstoffpreise und das Alter der virtuellen Bevölkerung des Stadtteils wurden von den Workshop-Teilnehmern untersucht. „Es gab Teilnehmer, die im bereits fertiggestellten Teil von Royal Seaport wohnen und virtuell jetzt ihre Nachbarschaft gestaltet haben“, so Lorentz.

Baustein 6: Was ein Simulationsspiel leisten kann – und was nicht
Die beim Workshop gesammelten Daten werden nicht direkt in die nächste Phase der Stadtteilplanung übernommen. „Aber die hier entwickelten Ideen haben wir jetzt im Hintergrund und können darauf zurückgreifen“, schränkt Staffan Lorentz den direkten Nutzen des Spiels für die Stadtplanung ein. Er und seine Kollegen selbst arbeiten natürlich auch mit viel ausgereifteren und präziseren Softwarelösungen. Auch als Visualisierungsmittel lässt sich das Game (noch) nicht verwenden, dafür ist die Darstellung nicht detailliert genug und die Bauelement zu vereinfacht. Somit ist es auch nicht geeignet überzeugte Gegner von den positiven Seiten eines Projektes zu überzeugen. Auch fehlt die Möglichkeit in anderen Programmen entwickelte Gebäude hier hochzuladen. „Aber das wäre vielleicht eine neue Ideen für die Entwickler des Spiels“, überlegt er.

Was das Spiel aber schafft, ist Hürden abzubauen in Bevölkerungsschichten, die sonst von einer Stadtverwaltung kaum erreicht werden. Zudem können hiermit die Auswirkung einer Planung auf die Infrastruktur und auf die Umwelt oder den Energieverbrauch dargestellt werden. So kann es auch als pädagogisches Instrument benutzt werden. „Zusammen mit detaillierten Visualisierungen und Beschreibungen eines Projektes kann es Interesse an der Planung wecken, um Stadt und Bürger in dem Prozess der Stadtentwicklung zusammenzubringen“, zieht Lorentz Bilanz.

Baustein 7: Next Edition
Zumindest in diesem Jahr haben die Planer des Areals Royal Seaport keinen Cities: Skyline-Workshop geplant. „Die Vorbereitungen sind doch sehr zeitaufwendig, das schaffen wir 2017 nicht“, so Staffan Lorentz. Aber er kann sich vorstellen, dass die Stadt Stockholm das Game durchaus auch für andere Städte einsetzen wird. Und für die Zukunft sieht er in der Kombination von Stadtplanung und Games vielversprechende Möglichkeiten. Die Erfahrungen im Projekt Royal Seaport sollen auch als Grundlage für weitere Entwicklungen genutzt werden. Außerdem arbeitet die Stadt Stockholm mit den Anbietern der Game-Engines Unreal und Unity zusammen, um 3-D Darstellungen von Entwicklungsprojekten zu realisieren.

Autor: Bianca Diehl

12.01.2017