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Sonnenkraft von nebenan

Das neue Mieterstromgesetz macht es möglich, dass auch Solarstrom aus dem Nachbargebäude genutzt werden kann. Ein Projektbericht.

Im Münchener Domagkpark klappt es, dass der Mieterstrom auch vom Dach des Nachbargebäudes kommt. (Bild: Naturstrom AG)
Im Münchener Domagkpark klappt es, dass der Mieterstrom auch vom Dach des Nachbargebäudes kommt. (Bild: Naturstrom AG)

Solarstrom direkt vom Dach, günstig und lokal erzeugt – das war lange Jahre das Privileg der Einfamilienhausbesitzer. Mit dem Mieterstromgesetz, das im Sommer 2017 in Kraft trat, soll sich das ändern. Auf bis zu 3,8 Millionen Wohnungen schätzt eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums das Mieterstrom- Potenzial. Trotz Gesetz und Förderzuschuss gilt jedoch: Mieterstromprojekte sind vielfältig und erfordern Flexibilität.
Wie es funktionieren kann, zeigt ein Projekt in München-Schwabing. Seit 2013 wächst auf dem 24,3 Hektar großen Gelände der ehemaligen Funkkaserne im Münchener Norden ein neues Stadtquartier: der Domagkpark. Es wird von verschiedenen Akteuren bebaut – etwa 1.600 Wohnungen, ein Park sowie soziale Einrichtungen sind auf dem Gelände entstanden und bilden zusammen ein hochwertiges urbanes Wohnumfeld.
Für vier Gebäude im Domagkpark realisiert Naturstrom gemeinsam mit der örtlichen Bürgerenergiegenossenschaft Beng eG eine Versorgung mit Mieterstrom. Ab Februar 2018 können voraussichtlich die ersten Wohnungen bezogen werden. Drei Aspekte machen das Projekt besonders. Erstens die Eigentümerstruktur: Die Immobilien werden als Eigentumswohnungen vermarktet. Heißt also: Im Domagkpark fließt Mieterstrom an Eigentümer. Auf die energiewirtschaftliche Umsetzung hat dies keine Auswirkungen – und zeigt genau deshalb, dass Mieterstrom womöglich sogar noch mehr Potenzial hat als bislang angenommen.
Eine zweite Besonderheit ist die Arbeitsteilung zwischen Energieversorger und Genossenschaft. Und die dritte ist die Stromversorgung an sich: Die Wohneinheiten aller vier Gebäude werden mit Solarstrom beliefert, der auf zwei Hausdächern erzeugt wird. Das heißt im Umkehrschluss: Auch jene Haushalte können Mieterstrom beziehen, auf deren Dächern sich keine Photovoltaikanlage befindet. Ob solche „Quartierslösungen“ in das Mieterstromgesetz einbezogen werden, war zwischen den Parteien und Verbänden lange heftig umstritten – mit positivem Ausgang für die Befürworter. In der Praxis sind solche Projekte bisher allerdings eine absolute Seltenheit.

Genossenschaft als Vorlieferant
Betreiber der Photovoltaikanlagen ist die Münchener Energiegenossenschaft Beng, welche die Anlagen auch projektiert hat und von der die Initiative zu dem Mieterstromprojekt ausging. Die in den Häusern zu verbrauchenden Strommengen verkauft die Beng an Naturstrom. Der Öko-Energiever- sorger und Mieterstromspezialist nutzt den Solarstrom zusammen mit Ökostrom aus dem Netz für das Mieterstromprodukt – und ist somit auch Vertrags- und Ansprechpartner derjenigen Haushalte, die sich für Mieterstrom entscheiden. Sonnenstrom, der nicht direkt vor Ort genutzt werden kann, speisen die Anlagen ins öffentliche Stromnetz ein. Die Beng erhält für diese Mengen ganz klassisch die EEG-Vergütung.
Die beiden Photovoltaikanlagen verfügen über eine Leistung von 23 und 28 Kilowatt Peak, zusammen produzieren sie voraussichtlich rund 52.000 Kilowattstunden Sonnenstrom im Jahr. Rund 73 Prozent davon können den Berechnungen zufolge direkt in den vier Häusern mit ihren insgesamt 64 Wohneinheiten verbraucht werden. Die Beng bietet den Bewohnerinnen und Bewohnern der vier Gebäude an, sich über ein Nachrangdarlehen und eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft an den Anlagen zu beteiligen – und somit doppelt von der Solarstromerzeugung zu profitieren.
Die hervorstechendste Eigenschaft des Projektes ist sicherlich, dass die Bewohnerinnen und Bewohner in allen vier Gebäuden Mieterstrom beziehen können – obwohl nur auf zwei Dächern Solaranlagen installiert sind. Diese Konstellation ist bislang äußerst selten, da eine mit dem Erneuerbare- Energien-Gesetz konforme Umsetzung – ohne die es keinen Anspruch auf Auszahlung des Mieterstromzuschlags gibt – nicht bei allen Quartieren möglich ist und zudem Anforderungen an die elektrotechnische Installation stellt.
Gemäß Paragraf 21 Absatz 3 EEG 2017 kann der Mieterstromzuschlag nämlich nur für solche Strommengen ausgezahlt werden, die „ohne Durchleitung durch ein [öffentliches] Netz“ von einem Haushalts- oder Gewerbekunden innerhalb des Gebäudes oder in Wohngebäuden oder Nebenanlagen „im unmittelbaren räumlichen Zusammenhang“ mit diesem Gebäude verbraucht werden.
Als sicheres Kriterium dafür, ob Strom „im unmittelbaren räumlichen Zusammenhang“ verbraucht wird, hat sich bereits seit einigen Jahren, nachdem der Begriff 2013 im Zusammenhang mit dem Eigenverbrauch von Solarstrom erstmals auftauchte, die Lage auf dem gleichen Flurstück etabliert. Dies ist bei den vier Gebäuden im Domagkpark gegeben. Um zudem die Versorgung aller Haushalte mit Mieterstrom „ohne Durchleitung durch ein [öffentliches] Netz“ zu ermöglichen, wurden die Gebäude durch Stromleitungen miteinander verbunden und somit ein alle vier Baukörper umfassendes Hausnetz geschaffen.
An der Außengrenze dieses Hausnetzes bildet der sogenannte Summenzähler die Schnittstelle zum öffentlichen Stromnetz. Der Summenzähler ist ein Zweirichtungszähler, der die Stromflüsse in beide Richtungen – also die Entnahme aus dem öffentlichen Netz ebenso wie die Einspeisung überschüssigen Solarstroms in das Netz – erfasst.
Durch das gemeinsame Hausnetz und die Bündelung der vier Häuser unter einen Summenzähler kann Naturstrom die physikalische Belieferung mit Mieterstrom ohne Durchleitung durch das öffentliche Netz sowie die korrekte Abrechnung der Mieterstrom-Kunden sicherstellen. Da der Energieversorger zudem auch die Zähler der jeweiligen Wohneinheiten betreibt, wird das gesamte Mess- und Zählerwesen in einer Hand gebündelt.
Für Naturstrom ist es bereits das dritte Projekt im Domagkpark, nachdem man bereits 2016 die Mieterstrombelieferung für zwei Bauherrengemeinschaften mit insgesamt 50 Wohneinheiten verwirklicht hatte.

Autor: Dr. Tim Meyer ist Vorstand der Naturstrom AG.

14.03.2018