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So steht es um die digitale Kompetenz in Immobilienunternehmen

Alle reden über Digitalisierung, aber wie steht es in den Unternehmen eigentlich um das dafür notwendige Know-how? Nicht sonderlich gut, wie es scheint. Dieser Artikel zeigt, wie Immobilienunternehmen den Mangel beheben können.

Digital kompetent heißt: Man sollte zumindest Komplexität und theoretische Implikationen für die eigene Branche einschätzen können (Foto: Markus Spiske/unsplash.com)
Digital kompetent heißt: Man sollte zumindest Komplexität und theoretische Implikationen für die eigene Branche einschätzen können (Foto: Markus Spiske/unsplash.com)

Die Studie „Digitale Transformation und Innovation in der deutschen Immobilienbranche“ (Future Real Estate Institute für CBRE GmbH) zeigt, dass vordenkende Köpfe, von Trainee bis Vorstand, kreative Ideen zur Nutzung innovativer Technologien haben. Auch mangelt es nicht an Einfällen hinsichtlich neuer Geschäftskonzepte, obgleich diese recht nah beim gegenwärtigen Kerngeschäft liegen. Es fehlt jedoch an konkreten Vorstellungen und dem Fachwissen wie diese Ideen umgesetzt werden können.

Was bedeutet digitale Kompetenz?
Es gibt etliche Definitionen, die konstatieren, dass digitale Kompetenz bereits im vertrauten Umgang mit Informations- und Telekommunikationstechnologien begründet ist. Die Nutzung des Internets oder einfacher Software reicht dazu aber nicht aus. Digitale Kompetenz muss wesentlich weiter gefasst werden:

Digitale Kompetenz ist dann vorhanden, wenn man in der Lage ist den Einfluss digitaler Lösungen und dazugehöriger Geschäftsmodelle in den Kontext der eigenen Tätigkeit und des eigenen Alltags einzuordnen. Dazu benötigt es den sicheren Umgang mit domänen-spezifischen Informations- und Telekommunikationstechnologien, Grundwissen hinsichtlich branchenbezogener Technologietrends und allgemeiner, digitaler Makrotrends.

Das heißt nicht, dass jeder Mensch programmieren können oder die technische Beschaffenheit einer Blockchain verstehen muss. Er oder sie sollte aber zumindest Komplexität und theoretische Implikationen für die eigene Branche einschätzen können. Wer also erkennt, dass Digitalisierung nicht mit Apps gleichzusetzen ist und digitales Marketing mehr als Facebook beziehungsweise Google Analytics bedeutet, hat bereits eine erste Hürde genommen. Besonders wichtig ist jedoch, dass man konstant sein eigenes Wissen hinterfragt, um sich entsprechend fortbilden zu können.

Woher rührt der Mangel an digitaler Kompetenz und was sind Lösungen?
Ein Grund für den Mangel an digitaler Kompetenz ist die relativ geringe Dichte an Führungskräften und Mitarbeitern mit entsprechendem IT-Hintergrund, der in der Immobilienbranche noch relativ exotisch ist. Dies ist jedoch in anderen Industrien, die noch am Anfang der digitalen Transformation stehen, normal und kann durch Kapitaleinsatz geändert werden. In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass die Arbeitskonditionen entsprechend verbessert werden müssen.

Möchte man beispielsweise gute Entwickler finden, müssen unter anderem Einstiegsgehälter angepasst, Home-Office angeboten und adäquate IT-Infrastruktur bereitgestellt werden. Grundsätzlich sollten Unternehmen mehr Stellen mit IT-Bezug ausschreiben und entsprechendes Wissen bei Mitarbeitern honorieren.

Ferner ist es notwendig, dass Führungskräfte, die die digitale Transformation und Innovationsprojekte verantworten müssen, fundiertes Wissen hinsichtlich digitaler Technologien, Intrapreneurship und Immobilien sinnhaft miteinander verknüpfen können. Da es jedoch schwierig sein wird solche Talente ausfindig zu machen, ist es zwingend notwendig, dass Chief Technology Officers, Chief Digitalization Officers oder Chief Innovation Officers nicht zusätzlich im konventionellen Tagesgeschäft verankert sind. Sie brauchen Zeit, um Bildungslücken zu schließen und das komplexe Themengebiet „Digitalisierung und Innovation“ anzugreifen. HR muss hier Einstellungskriterien innovieren, um entsprechendes Personal aufzubauen.

Lösungen für mehr digitale Kompetenz in Immobilienunternehmen

  • Für Digitalisierung verantwortliche Führungskräfte nicht im Tagesgeschäft gebunden  
  • Verbindung von Technologie- und Immobilienwissen in der Ausbildung
  • Digitale Weiterbildung in Unternehmen institutionalisieren
  • Digitales Know-how mit Aufstiegschancen und Gehaltserhöhung verbinden

Ein weiterer Grund ist die nicht digitale Ausbildung von Branchenneulingen, auch wenn diese von fachlich hervorragenden Universitäten und Hochschulen mit Branchenbezug kommen. Es gibt einfach keine Lehrstühle und Dozenten, die fundiertes Technologiewissen mit der Immobilienbranche verknüpfen können, um die Talente von Morgen adäquat auf die Zukunft ihrer Arbeit vorzubereiten.

Lehrstühle mit Schwerpunkt „Digital Real Estate“
Selbst wenn vereinzelt digital klingende Veranstaltungen angeboten werden, kratzen diese rein technisch an der Oberfläche. Im Bauingenieurwesen sieht es etwas besser aus, wobei hier die betriebswirtschaftlichen Komponenten aus dem Innovationmanagement, IT-Management und dem digitalen Marketing fehlen. Eine langfristige Lösung wäre, dass Lehrstühle mit Schwerpunkt „Digital Real Estate“ geschaffen werden, eine Programmiersprache als IT-Kompetenz und verpflichtende Wahlmodule aus der Wirtschaftsinformatik oder Informatik eingebracht werden können. So würde es zum Beispiel Sinn machen, dass BWLer allgemein, nicht nur in der Immobilienbranche, im ersten Semester eine Programmiersprache lernen und diese in Folgesemestern immer wieder bei Hausarbeiten/Seminaren einsetzen müssen.

Auch müsste das Management von IT-Projekten, Innovationsmanagement oder digitales Marketing unterrichtet werden. Themen wie IT-Sicherheit wären eine gute Ergänzung. Ferner würde es Sinn machen, technisch komplexe Fächer, die eigentlich ein Informatikgrundstudium als Voraussetzung haben, vereinfacht anzubieten (etwa Exponentielle Technologien für Wirtschaftswissenschaftler). Der interdisziplinäre Austausch von (Wirtschafts-)Informatik- und (Immobilienwirtschafts-)Studenten sollte gefördert werden.

Trainee Programme in Immobilienunternehmen sollten diese Probleme erkennen und entsprechend aufgreifen, sodass zumindest Aufenthalte in den internen IT-Abteilungen verpflichtend werden. In 70 Prozent der deutschen Immobilienunternehmen sind die Mitarbeiter/-innen eigenverantwortlich für die Bildung digitaler Kompetenz zuständig. Dies muss sich ändern. Es müssen unternehmensinterne Lehrangebote geschaffen werden, die es ermöglichen in Präsenzveranstaltungen oder durch E-Learning entsprechendes Wissen zu bilden. Dazu müsste ein unternehmensinterner Lehrkatalog ausgearbeitet werden, um eine zielführende Weiterbildung zu steuern. Darüber hinaus sollten Immobilienunternehmen einen IT-Executive Track anbieten, der nach erfolgreichem Absolvieren in eine Führungsposition mündet.

Was bedarf es denn noch?
Es bedarf Begeisterung für die Thematik, Zeit und Anreize. Das bedeutet, dass Ausbildungsstätten und Unternehmen gleichermaßen ihre Studenten/Arbeitskräfte inspirieren sollten, sich mit digitalen Themen auseinanderzusetzen. Darüber hinaus sollten die Bildung von digitaler Kompetenz und kontinuierliche Lernbereitschaft durch Aufstiegschancen sowie Gehaltserhöhungen attraktiv gemacht werden.

Zu guter Letzt bedarf es aber auch der ohnehin schon knappen Zeit. Unternehmen müssen Ihren Mitarbeitern und Führungskräften Stunden oder ganze Arbeitstage zur Selbstentwicklung freigeben. Bildung, gerade digitale Fortbildung, ist das beste Investment welches ein Unternehmen tätigen kann, auch wenn es sich nicht kurzfristig in einem messbaren, monetären Profit niederschlägt. Immobilienunternehmen, die gerade in den letzten Jahren durch die Niedrigzinspolitik enorm profitiert haben und vermeintlich wenig Innovationsdruck verspüren, müssen anfangen sich langfristig auf den digitalen Wandel einzustellen. Bis dato hat die Branche dies verschlafen.

Autor: Viktor Weber ist Gründer und Leiter des  Future Real Estate Institute  mit Sitz in München. Die Ergebnisse der Digitalisierungsstudie erhalten Sie direkt bei contact@fre-institute.com . 

19.10.2017