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Kleine Farm auf dem Dach des Hochbunkers

Eine Weile war dieser Begriff in aller Munde: Sharing. Gemeinschaftsflächen sollten helfen, das Miteinander zu fördern und Wohnungskosten zu senken. Was ist aus der Idee in Zeiten der Pandemie geworden?

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Die Bewohner des Mühlenviertels in Schorndorf bei Stuttgart sollen sich Bereiche der Grünanlagen zum Urban Gardening teilen. (Bild: Bonava)

„Vor drei oder vier Jahren gab es Konzepte, die sahen Community-Küchen, Partyräume und sogar Pools für die Bewohner eines Wohngebäudes vor“, erinnert sich Simon Dietzfelbinger, Partner und Head of Residential Properties bei Drees & Sommer. Viele der gut gemeinten Gemeinschaftsflächen blieben ungenutzt, führten zu Konflikten und wurden schnell wieder überplant. Tot ist der Sharing-Gedanke trotzdem nicht.

„Vor allem bei Neubauprojekten in den Speckgürteln der Städte wird Sharing gerade wieder Thema“, sagt Dietzfelbinger. Im Berliner Umland unterstützen die Wohnexperten von Drees & Sommer den Projektentwickler Kauricab bei der Realisierung des Carossa-Quartiers mit über 1.900 Wohnungen. Viele der Bewohner kommen aus der Stadt, konnten sich dort nicht mehr die Wohnungen leisten, die sie eigentlich bräuchten. „Für einen Platz zum Arbeiten oder einen Stellplatz ist oft kein Geld mehr da, oder es fehlt das Angebot“, weiß der Experte. „Wenn sich die Betroffenen entscheiden, aus der Stadt zu ziehen, sollen sie nicht auf Lebensqualität verzichten“, sagt er.

Für die Bewohner des Carossa-Quartiers ist zum Beispiel ein zentraler Nachbarschaftsbereich mit Räumen für Sport, Kurse, Lerngruppen, Gewächshäuser sowie ein großer Bürobereich geplant. „Wer möchte, kann sich hier bedarfsgerecht einen Platz zum Arbeiten mieten“, erklärt Dietzfelbinger. Gebucht und abgerechnet wird praktisch mit der quartierseigenen App. Er sieht Potenzial, dass sich an diesem Modell „Neighborhood-Office“ in Zukunft auch der ein oder andere Arbeitgeber beteiligt.

Parkplätze teilen

Nicht nur in und um Berlin steht das Thema Sharing bei Investoren hoch im Kurs. „In drei oder vier Jahren gehören Sharing-Möglichkeiten zum Standard, und niemand fragt mehr, warum man so etwas hat“, ist Dietzfelbinger überzeugt. Es hat sich herumgesprochen, dass es gut ist, wenn aus einem Quartier kein Getto wird, sondern wenn man aus vielen Einzelteilen mehr als die Summe der Bauteile macht. Um letztlich mehr Miete generieren zu können.

Auch wenn Städter auf Werkstätten, Gewächshäuser oder einen Pool verzichten müssen, wird auch dort geteilt, vor allem unterirdisch: in den Garagen. „Im von der Taurecon entwickelten Quartier Heidestraße in Berlin, wo unter anderem 1.000 Stellplätze auf fünf Gebäude verteilt entstehen, kann man die Plätze passgenau buchen“, berichtet Dietzfelbinger. „Tagsüber werden sie unter normalen Bedingungen von Büroarbeitern benutzt, abends und nachts von den Bewohnern.“ So können Leerstände vermieden und die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden.

In Stuttgart hat Projektentwickler „We-House“ den Sharing-Gedanken zusammen mit einem durchdachten Öko-System und nachhaltigen Baumaterialien zu seinem Leitspruch gemacht. „Wir verbinden ein zeitgemäßes Wohnmodell, das ein individuelles Zuhause mit sinnvollen und wohltuenden Gemeinschaftsangeboten verbindet“, erklärt Geschäftsführer Alexander Timm.

In Krefeld überplant „We-House“ gerade einen Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. In dem unansehnlichen Betonklotz entstehen 15 moderne Wohnungen zwischen rund 50 und 150 Quadratmetern. Auf dem Dach wird es eine kleine Farm geben, die pro Jahr 3,5 Tonnen Obst und Gemüse liefern soll. Lecker zubereitet wird es im hauseigenen Restaurant, das nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die Öffentlichkeit bereitsteht. Wie in der Vergangenheit wird die Tafel ihren Platz im Haus behalten. Die Abwärme ihrer Kühlschränke sorgt ebenso für Energie wie die Anlage der Telekom auf dem Dach. Für Gäste der Bewohner wird es Gästezimmer geben, für die Mobilität Sharing-Angebote.

Sharing über die Bewohner-App

Auch in München ist Sharing ein Thema. Ganz in der Nähe des Englischen Gartens hat die Jost Hurler Gruppe das Quartier „Schwabinger Tor“ mit 209 Wohnungen und 20.000 Quadratmetern Bürofläche entwickelt. Seit Beginn der Planung war die Sharing-Idee Leitmotiv für das gemischte Quartier. „Wir hatten zuerst an ein analoges System nach österreichischem Modell gedacht. Wer etwas zu verleihen hat, klebt ein Schild mit Bohrmaschine oder Leiter an den Briefkasten“, erzählt Steffen Warlich, Kommunikationschef der Jost Hurler Gruppe. Mit der rasant fortschreitenden Digitalisierung hat man sich dann doch für eine Bewohner-App entschieden. „Ob Babysitter, Putzfrau, Schlagbohrmaschine für die dicken Betonwände – hier wird alles angeboten“, berichtet Warlich. Gewerbetreibende posten ihre Wochenkarte in der App, andere buchen die Sharing-Autos oder auch eines der Shared Offices, die nach einem Betreiberwechsel seit März möbliert angeboten werden und auch für kurze Mietzeiten zu buchen sind. Und wer Fragen zu seiner Abrechnung oder Probleme mit der Technik hat, kann auch das über die App klären.

Selbst als Diskussionsforum hat die App schon Geschichte geschrieben. Warlich: „Im Foyer hatten wir eine drei Meter hohe Skulptur namens ,Kain und Abel‘ aufgestellt. In der Darstellung hob Kain den Stein, um Abel zu erschlagen.“ Das sei bei einigen Bewohnern nicht gut angekommen. Auf die Kritik in der App reagierte die Jost Hurler Gruppe, indem sie die Leihgabe der Skulptur nicht verlängerte und sie durch ein anderes Kunstwerk ersetzte. „An dem Beispiel haben wir gesehen, dass die App als Tool funktioniert, um Nachbarn einander näherzubringen“, freut sich Warlich dennoch.

Gemischte Gefühle

Bei Kölns größtem Vermieter, der städtischen GAG Immobilien AG, sieht man Gemeinschaftsflächen mit gemischten Gefühlen. Im Bestand gibt es eine ganze Reihe von Gemeinschaftsräumen in Quartieren und Siedlungen der GAG. Diese werden von den Mieterinnen und Mietern sowie von örtlichen Initiativen und Gruppierungen genutzt. So zum Beispiel im Carlswerkquartier in Köln-Buchheim, in Köln-Stammheim, am Rochusplatz in Köln-Bickendorf oder das „Kapellchen“ an der Holsteinstraße in Köln-Mülheim. Auch eine Gäste-Wohnung für Besucher gibt es. „Sharing-Angebote in Bezug auf Räumlichkeiten als Alternative zum Homeoffice spielen bei der GAG Immobilien AG und den Planungen für neue Wohnquartiere keine Rolle“, teilt das Unternehmen mit. Sie würden den dringend benötigten Wohnraum wegnehmen, heißt es.

Heftig hat die Pandemie teilweise die Modelle von Mikro- und Serviced-Wohnen sowie die Coworking-Branche durcheinander gewürfelt. Während sich die Anbieter von Mikro- oder auch Serviced-Apartments weitgehend von Gemeinschaftsküchen und -bädern verabschiedet haben, sind Großraum-Büros in Windeseile zu Einzelbüros umgebaut und Gemeinschaftsflächen gesperrt worden. Ein Jahr nach dem Ausbruch treibt der Gemeinschaftsgedanke allerdings auch hier wieder erste Knospen.

Unter dem Namen „Bee Free“ realisiert der Münchener Bauträger BHB in Freising 67 Studentenapartments, bei denen die Teilungsidee riesengroß geschrieben ist. Neben einem 1.600 Quadratmeter großen Garten mit Obstbäumen, Beerensträuchern, Feuerschale und Grill steht den Studierenden eine große Küche zur Verfügung, in der sie aus dem selbst geernteten Obst Marmelade einkochen oder an einer Bar den Tag ausklingen lassen können.

„Der Gemeinschaftsgedanke ist ja nichts Neues“, sagt der Berliner Architekt Tim Heide, Partner im Büro Heide & von Beckerath. Gerade in den 1960er und 1970er Jahren seien Gemeinschaftsräume in vielen Quartieren zu finden gewesen, allerdings oft nicht angenommen worden. „Gemeinschaftsflächen müssen gut integriert und nutzungsoffen gestaltet sein, damit sie von den Bewohnerinnen und Bewohnern angenommen und interpretiert werden können“, sagt der Architekt. Während viele Investoren wegen unvorhergesehener Planbarkeit der Kosten davor zurückschreckten, seien sie bei Genossenschaften und Baugruppen hoch im Kurs.

Schnittmenge zwischen öffentlich und privat

In Fürth hat das Team Heide & von Beckerath dem Gelände einer alten Spiegelfabrik neues Leben eingehaucht. Für eine Baugruppe haben sie nicht nur 58 Wohnungen geplant, sondern auch Gemeinschaftsflächen: von einer gemeinsamen Werkstatt mit Keramikofen über einen Bewohnertreff, einen Raum für den PEN-Club, ein Gästezimmer, Nutz- und Dachgarten sowie eine Waschküche für alle.

„Erfolgreich im Sinne der Gemeinschaft müssen nicht unbedingt Räume sein, in denen man sich trifft“, sagt Heide. Ein Fahrradraum etwa, der ebenerdig angeordnet sei und sich zu einem Platz öffne, könnte das Miteinander positiv beeinflussen. Besondere Beachtung gelte den Schnittmengen zwischen privaten und öffentlichen Flächen.

Auf dem Gelände des ehemaligen Blumenmarktes in Berlin-Kreuzberg, gegenüber dem jüdischen Museum, hat die Stadt Berlin Grundstücke nach dem konzeptgebundenen Vergabeverfahren verkauft. Gemeinsam mit dem Büro Ifau haben Heide & von Beckerath den Zuschlag bekommen. Ihre Planung mit Räumen für Künstler, Wohnungen, Gemeinschaftsfoyer („Rue Intérieure“) und Dachgarten für das „Integrative Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt“, überzeugte nicht nur die Baugruppe, sondern auch die Stadt.

Bis der Bauantrag gestellt werden konnte, vergingen allerdings vier Jahre. Immer wieder musste moderiert, geplant und umgeplant werden, bis schließlich die Interessen von 86 Bauherrenparteien zusammen passten. „Der Prozess ist nicht einfach. Solch eine lange Planungszeit muss man sich leisten können“, sagt Heide. Am Ende sind 66 verschiedene Wohn- und Studioeinheiten, 17 Ateliers, drei Gewerbeeinheiten und Räume für einen sozialen Träger als Teil des „Kreativquartiers südliche Friedrichstadt“ entstanden.

Dieser Artikel stammt aus der immobilienmanager Ausgabe 4-2021 mit der Titelstrecke "Eigentum - Last oder Chance?" (Autorin: Ines Rákóczy)

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14.04.2021