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Schnelles Wachstum vs. Branchentiefe: zwei Proptech-Welten

Schwarz und Weiß in der PropTech-Szene - Venture Capital und schneller Markt oder langsam wachsen mit Branchentiefe? Ansichten von Proptech-Gründer Chris Richter.

Schwarz und Weiß in der Proptech-Szene: Schneller Markt oder langsam wachsen (Foto: Daniel Mccullough/unsplash)
Schwarz und Weiß in der Proptech-Szene: Schneller Markt oder langsam wachsen (Foto: Daniel Mccullough/unsplash)

Das Thema Digitalisierung steht mittlerweile bei jeder Immobilienkonferenz in der Agenda und Proptechs schießen wie die Pilze aus der Erde. Da wurde Proptech als das „neue Fintech“ als Investitionsbranche angepriesen und schon gibt es Immobilien-Startups wie Sand am Meer. Drei bis vier Jahre zurückgedacht, sah die Sache noch ganz anders aus: Zu dem Zeitpunkt stand die Digitalisierung für die meisten Immobilienunternehmen doch eher hinten auf der Liste, wenn der Punkt denn überhaupt auf der Agenda auftauchte.

Im Großen und Ganzen kann man sich freuen über den aktuellen Hype – denn mittlerweile haben selbst die eher konservativen Manager verstanden, dass die Digitalisierung längst mit mindestens einem Fuß in der Tür steht. Die erste Überzeugungsarbeit, dass sich innerhalb der etablierten Immobilienunternehmen noch viel tun muss, ist geleistet.

Das Modell "Samwer"
Betrachtet man die Entwicklung etwas kritischer, so hat der Hype „Proptech“ jedoch viele Unternehmen angezogen, die sich den Markt nur ausgewählt haben, weil hier scheinbar große Nuggets zu fischen sind. Dies teilt den Markt der jungen Unternehmen sehr deutlich auf: einerseits gibt es die Proptechs der Marke „Samwer“, die auf rasantes Wachstum aus sind und durch brancheninterne und branchenfremde externe Gelder über hohe Kapitalressourcen verfügen (Venture Capital) und andererseits die Unternehmen, die organisch wachsen, was meist mit einer niedrigeren Geschwindigkeit des Wachstums korreliert.

Branchenfremde, mit Venture Capital ausgestattete Firmen, müssen sich den klassischen Gegebenheiten unterordnen. Früher oder später haben die Investoren nur ein Ziel: den ertragreichen Exit. Kein Investor investiert, weil die Idee so schön ist, oder das Team so nett – von diesen romantischen Vorstellungen muss man sich lösen. Am Ende steht der Verkauf. Dies wird durch rasanten Personalaufbau begleitet, um die vereinbarten Key Performance Indicator (KPI) quartalsweise zu erreichen.

Die zentrale Frage der Qualität und der Nachhaltigkeit sind nicht immer gegeben, die Marktposition und die -anteile sind relevantere Faktoren als die Marktwahrnehmung. Fokus dieser VC-unterstützten Unternehmen ist der reine Faktor Wachstum - mit allen Chancen und allen Risiken. Jene Unternehmen, die solche Proptechs an sich binden, sollten stets auf dem Radar haben, was passiert bei einem schnellen Exit – gerade in dem langfristigen Immobilienmarkt. Neben den Daten, sind es vor allem auch die Services, die bei einem Exit den Besitzer wechseln würden.

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Durch die „Schwarz-Weiß-Brille“ betrachtet, stehen auf der anderen Seite die jungen Unternehmen, die auf kleinerer Flamme Fremdgeld aufgenommen haben. Hier erfolgt die Finanzierung vielleicht über Business Angel, die drei „Fs“ (Family, Friends and Fools) oder sogar über eine reine Eigenfinanzierung. Aus Ressourcenknappheit entwickelt sich das Wachstum langsamer, die Idee stammt jedoch vermehrt aus dem eigenen Umfeld, eigenen Erfahrungen und dem Versuch eine Nische zu schließen. Dies impliziert, dass es einen direkten Kontakt zur Branche und ihren Nöten gibt, also handelt es sich vermehrt um Brancheninsider als um Branchenfremde.

Zentraler Fokus dieser Proptechs ist der nachhaltige und langfristige Aufbau des Unternehmens und Kundenportfolios. Zentraler Aspekt in dieser Gegenüberstellung ist die Geschwindigkeit der Marktdurchdringung. Während das VC-getriebene Unternehmen stets den Korridor der Liquidität (Burn-Rate) berücksichtigen und parallel Markt gewinnen muss, oder auch einmal mit weniger Detailtiefe und passkonform für den Kunden, können die kleineren Unternehmen gar nicht so schnell wachsen, da sie die Kundenanforderungen und –wünsche durch die knappen Ressourcen nicht schnell genug erfüllen können.

Wachstumsdruck als Risikio
Internationalisierung, Strukturen, Marketing-Kampagnen sind mit mehr Geld schneller und überhaupt möglich, die Aufgabenvielfalt und auch die Option des „Verzettelns“ nimmt rasant zu. Das größte wahrgenommene Risiko des langsamen Wachstums ist, dass der Markt verteilt wird, ohne selbst dabei zu sein oder vermeintlich übermächtige Konkurrenz durch Marketingmaschinen entsteht.

Über allem thront jedoch die Frage: Wer soll mein Geschäftspartner sein in einem, in drei oder in fünf Jahren? VC-getriebene Unternehmen werden in der Regel auf den Exit innerhalb von drei bis acht Jahren getrimmt. Die Frage an die organisch und langsamer wachsenden Unternehmen ist einfacher: „Bist Du nächstes Jahr noch auf der Expo Real?“ Abschließend gibt es keine Wertung, welcher Weg der bessere ist. Jedoch hilft die Transparenz über mögliche Folgen den Entscheidern auf Kundenseite vielleicht dabei, sich bewusst zu positionieren.

Autor: Dr. Chris Richter, Gründer ANIMUS GmbH & Co. KG

19.03.2018