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Oslo: Die grüne Hauptstadt

Die Europäische Kommission würdigt das Bemühen der norwegischen Hauptstadt um eine nachhaltige Stadtentwicklung mit dem Titel „Umwelthauptstadt Europas“. Dabei spielt die Immobilienwirtschaft eine wichtige Rolle – auch wenn nicht alle der in Oslo ergriffenen Maßnahmen der Branche gefallen.

Oslo will eine Stadt für Menschen sein und dafür die CO2-Emissionen bis 2030 um 95 Prozent reduzieren (Foto: Visit Oslo/Thomas Johannessen)
Oslo will eine Stadt für Menschen sein und dafür die CO2-Emissionen bis 2030 um 95 Prozent reduzieren (Foto: Visit Oslo/Thomas Johannessen)

Eine Zeitlang schien es, als ob Nachhaltigkeit nicht mehr ganz oben auf der Prioritätenliste stehen würde. Doch die Bewegung „Fridays for Future“ und die Wahlerfolge von Bündnis 90/Die Grünen haben gezeigt, dass vor allem die ökologische Nachhaltigkeit für viele Menschen wieder an Bedeutung gewonnen hat. Damit stellt sich auch die Frage, wie eine nachhaltige Stadtentwicklungspolitik aussehen kann. Als wegweisend gilt dabei Oslo: Für ihren Einsatz hat die Europäische Kommission die norwegische Hauptstadt zur „European Green Capital of the Year 2019“ ernannt.

Dass der in Oslo verfolgte Ansatz auch im Ausland auf Interesse stößt, beweist der Umstand, dass der Thinktank ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory sowie die Norwegische Botschaft zu einer Veranstaltung in Berlin mit dem Titel „Oslo: Small City, Big Ideas“ einlud. Als Modellstadt bietet sich Oslo nicht zuletzt deshalb an, weil sie ein Beispiel für die fortschreitende Urbanisierung ist: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl um ein Fünftel erhöht.

Dennoch ist die norwegische Hauptstadt mit rund 680.000 Einwohnern deutlich kleiner als deutsche Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München. Damit, schreibt Oslos Bürgermeister Raymond Johanson in der Publikation „Oslo – European Green Capital 2019“, „ist Oslo klein genug, um neue Lösungen zu testen, aber auch groß genug, um die Lösungen auf größere Städte zu übertragen“.

Emissionsfreie und grüne Stadt
Die Verantwortlichen verfolgen dabei ehrgeizige Ziele. Angestrebt werde „eine emissionsfreie, gemeinschaftsorientierte, smarte und grüne Stadt“, sagte Rasmus Reinvang auf der Berliner Veranstaltung. Reinvang ist politischer Berater von Oslos Stadtentwicklungsdezernentin Hanna Marcussen, die der Grünen Partei angehört. Nach seinen Worten konzentriert sich Oslo auf die Innenentwicklung – was auch durch die topografische Lage bedingt ist: Zwei Drittel der 454
Quadratkilometer Fläche der Stadt sind nämlich von Wald bedeckt. „Das“, so Reinvang, „zwingt uns, effizient zu denken.“

Großen Wert legt die Rathausspitze deshalb auf das Verkehrssystem. Das Netz des öffentlichen Verkehrs soll Reinvang zufolge weiter ausgebaut und für die Nutzer noch attraktiver gemacht werden. Gefördert wird auch der Fahrradverkehr; so öffnete zum Beispiel 2017 am Hauptbahnhof das Sykkelhotell (Fahrradhotel) seine Pforten – eine luxuriöse Radgarage, zu der die Nutzer Zugang über eine App erhalten.

Vor allem aber wollen die Stadtväter bis 2020 ein knapp zwei Quadratkilometer großes Gebiet in der Innenstadt weitestgehend autofrei machen. Dass es dagegen große Vorbehalte bei Ladenbetreibern und -vermietern gibt, wurde bei der Berliner Veranstaltung nur am Rande thematisiert. Reinvang betonte stattdessen, dass die Autofreiheit kein Selbstzweck sei: „Es ist kein Projekt gegen Autos, sondern ein Projekt für Menschen. Wir wollen die Stadt den Menschen zurückgeben.“

Die Innenstadt Oslos soll autofrei werden. Dafür muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden (Foto: Redink Fartein Rudjord/Ruter)
Die Innenstadt Oslos soll autofrei werden. Dafür muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden (Foto: Redink Fartein Rudjord/Ruter)

Übergeordnetes Ziel der Kommune ist es, den CO2-Ausstoß massiv zu reduzieren. Bis zum Jahr 2020 sollen die Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um 36 Prozent zurückgefahren sein; bis 2030 streben die Verantwortlichen sogar eine Verringerung um 95 Prozent an. Um diesen Prozess transparent zu machen, wird seit 2017 jährlich ein Klimabudget aufgestellt, das CO2-Emissionen in derselben Art und Weise verbucht, wie ein Budget sonst Geldflüsse festhält. „Es ist nicht unmöglich, eine CO2-Reduktion von 95 Prozent zu erreichen“, betont Berater Reinvang. „Dafür muss man allerdings die richtigen Dinge tun.“

Futurebuilt: 50 Pilotprojekte
Bei diesen Worten darf sich auch die Immobilienwirtschaft angesprochen fühlen. Bereits im kommenden Jahr will Oslo die weltweit erste Hauptstadt sein, deren Gebäude allesamt ohne fossile Brennstoffe beheizt werden. Eine wichtige Rolle spielt darüber hinaus das Programm Futurebuilt, das bereits 2009 – also lange vor der Bewerbung als europäische Umwelthauptstadt – auf den Weg gebracht wurde.

Getragen wird dieses Programm nicht nur von Oslo, sondern auch von drei anderen Kommunen im südlichen Norwegen sowie von mehreren nationalen Institutionen. Futurebuilt hat nach Angaben der Programmverantwortlichen „die Vision aufzuzeigen, dass klimaneutrale Stadtviertel auf der Basis einer hohen Architekturqualität möglich sind“. Um beim Programm mitmachen zu können, müssen sich die Pilotprojekte verpflichten, die Kohlendioxidemissionen aus
Transport, Energie und Material um mindestens 50 Prozent gegenüber einem konventionellen Neubau zu reduzieren.

Unter den gut 50 Pilotprojekten von Futurebuilt finden sich öffentliche Gebäude wie Kindergärten, Schulen und Museen ebenso wie private Projektentwicklungen im Wohn- und Bürosegment. Vertreten sind sowohl Neubauten als auch Revitalisierungen von Bestandsobjekten. Zuschüsse der öffentlichen Hand erhalten die Projektentwickler allerdings nicht. „Im Gegenteil“, sagt Pia Bodahl, Kommunikationschefin von Futurebuilt. „Die Developer müssen dafür bezahlen, Teil von Futurebuilt sein zu dürfen.“

Trotzdem haben Projektentwickler durch die Beteiligung einen handfesten Vorteil: Ihre Bauanträge werden von den Behörden mit hoher Priorität behandelt. Zudem schätzen es die Immobilienunternehmen nach den Erfahrungen von Pia Bodahl, dass ihre Vorhaben in die Kommunikationsarbeit von Futurebuilt einbezogen werden und so eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit entfalten. „In letzter Zeit“, sagt Bodahl weiter, „haben wir außerdem gesehen, dass viele Entwickler begonnen haben, untereinander um den Status des innovativsten Developers zu wetteifern.“

Mit dabei ist beispielsweise der Projektentwickler Obos, der auf dem ehemaligen Flughafengelände Fornebu in Bærum – einem 127.000 Einwohner zählenden Vorort von Oslo – ein Wohnquartier mit rund 700 Einheiten plant. „Das Viertel soll ein Schaufenster für zukunftsgerichtete Stadtentwicklung werden, die sich auf Transport, Energie und Materialverbrauch konzentriert“, lässt sich Daniel Kjørberg Siraj, CEO von Obos, zitieren. Nach dem Willen der Kommune soll sogar
ganz Fornebu bis 2027 klimaneutral sein.

Ist das Modell übertragbar?
Eine interessante Frage stellte auf der Berliner Veranstaltung eine Besucherin lateinamerikanischer Herkunft: Norwegen sei bekanntlich ein reiches Land – wie aber könnten ärmere Länder eine höhere Klimafreundlichkeit erreichen? Eine stringente Antwort darauf blieb aus. Doch immerhin hatte der Soziologe Kenneth Dahlgren, der an der Umsetzung der autofreien Osloer Innenstadt beteiligt ist, zwei Ratschläge für die Verantwortlichen in anderen Großstädten parat: „Versuchen Sie immer, die Dinge einfach zu machen.“ Und: „Legen Sie den Schwerpunkt darauf, was Sie den Menschen geben, und nicht darauf, was Sie ihnen wegnehmen.“

Autor: Christian Hunziker

27.08.2019