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Neue Wege für das ‚Big Picture‘

Quartiersentwicklungen sind in der Branche derzeit als Erfolgsprodukt „en vogue“. Erfolgreich lassen sie sich allerdings nur umsetzen, wenn bei Kommunikation und Planung erheblicher Aufwand betrieben wird. Ein Erfahrungsbericht aus Düsseldorf.

Eindrücke aus dem Architekten-Workshop von Catella in Düsseldorf (Foto: Catella Project Management)
Eindrücke aus dem Architekten-Workshop von Catella in Düsseldorf (Foto: Catella Project Management)

Bürgerbeteiligungen und Architekten-Wettbewerbe sind meist mühsam und wenig erquicklich – können aber erkennbar guten Erfolg bringen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zum Beispiel interessierte Bürgerinnen und Bürger mehrfach in eine lokale Stadthalle kamen und letztlich mit einem halben Dutzend Architekturbüros ein viel beachtetes kooperatives Verfahren realisiert werden konnte.

Große Quartiersentwicklungen bedürfen einer offenen Kommunikation nicht nur mit Politik und Verwaltung, sondern vor allem auch mit Bürgerschaft und Nachbarn. So wurde das Projekt Grand Central am Düsseldorfer Hauptbahnhof ohne jeglichen Widerstand genehmigt, obwohl alleine die drei Hochhäuser mitten in der Stadt eine natürliche Herausforderung zur Konsensfindung darstellen.

Bei unserem Projekt „Düssel-Terrassen“ haben wir eine aufwändige Strategie verfolgt, das Quartier im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Experten entwickelt. Themen von grundsätzlicher Bedeutung wie beispielsweise Verkehr, Einbindung in das Umfeld und ökologische Maßnahmen wurden gemeinschaftlich diskutiert und dabei neue Formen der Bürgerbeteiligung und diverse Werkstattverfahren eingesetzt. Von Beginn an haben wir Kooperation und Dialog gefördert. Durch die enge Einbindung von Experten und Bürgern kommt man zu schnelleren und besseren Ergebnissen.

Inzwischen haben wir vier Bürger-Dialoge, drei Planer-Workshops und eine Vielzahl von Fraktions- und Ausschussdiskussionen geführt – dies alles bereits vor der offiziellen „frühzeitigen Bürgerbeteiligung“. Diese Transparenz kostet uns nichts, schafft aber Vertrauen und Qualität. Anstelle nur der offiziellen Bürgerbeteiligungen und eines Architektenwettbewerbs entschied sich Catella für ein aufwändiges und umfangreiches Verfahren, das auf Kreativität, Kooperation und Kommunikation setzt, zusätzlich zu den formalen Verfahrensschritten.

Düssel-Terrassen-Erkrath
Das ehemalige Gewerbegebiet wird künftig mehrere hundert neue Wohnungen für verschiedene Alters- und Einkommensgruppen bieten. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Fußgängerzone und Bahnhof entsteht auf rund 7,5 Hektar ein ganzheitlich konzipiertes Quartier mit „Grüner Mitte“, Miet- und Eigentumswohnungen sowie einer nicht nur für diesen Standort ungewöhnlichen Ausrichtung auf Ökologie und Mobilität. Das Projektvolumen beläuft sich auf 250 Millionen Euro, die Fertigstellung ist ab 2021 geplant.

Zweimal strömten die Bürger in Scharen in die Stadthalle. Anstelle von ausgehängten Plänen konnten sie selbst Hand anlegen an Pläne und Modelle, konnten Ideen und Anregungen einbringen. Über ein Online-Tool konnten die Bürger weitere Impulse einbringen, die in engem Austausch mit der Stadtverwaltung und beteiligten Experten in den Prozess eingeflossen sind. Immer wieder wurden Zwischenstände der Planung und Erkenntnisse aus den Gutachten etwa zu Verkehr, Lärm und anderen Themen der Bürgerschaft präsentiert und Reaktionen eingesammelt. Über ein Jahr lang fand auf diesem Wege ein Dialog statt, der viele Erkenntnisse gebracht und nebenbei das Nachfrageprofil geschärft hat.

Im Frühjahr 2018 war der Planungsprozess mit einer „Ideenschmiede“ gestartet. 60 Architekten von 21 Planungsteams entwarfen unter anderem erste Ideen für die Düssel-Terrassen. Anschließend beauftragte Catella sechs Büros für das kooperative Verfahren. Dabei handelte es sich sowohl um international renommierte Adressen wie um lokale Experten. Bemerkenswert dabei: Die Architekten wurden nicht untereinander in den Wettbewerb gestellt, sondern arbeiteten gemeinsam an den besten Lösungen. Flankiert von den diversen Gutachtern konnten auf diesem Wege unmittelbar Ideen verprobt, verworfen oder weiter entwickelt werden.

Gemeinsam am Big Picture arbeiten statt gegeneinander im Wettbewerb
Einstweiliger Höhepunkt des Planungsprozesses war das im August 2019 durchgeführte Werkstattverfahren mit einem ganztägigen Workshop mit rund 50 Teilnehmern. Die sechs beteiligten Architektenteams, Gutachter und die Stadtverwaltung kamen zusammen, um gemeinsam die zahlreichen Anmerkungen der Bürger einfließen zu lassen. So konnten alle ihre Ideen direkt untereinander austauschen und gemeinsam weiterentwickeln. Erneut stellte sich heraus, dass im Zusammenspiel bessere Ergebnisse erzielt wurden als es ein schlichter Wettbewerb gekonnt hätte. Jede Idee eines Einzelnen wurde von den anderen aufgegriffen und fortentwickelt. Aus eins plus eins wurde so mindestens drei.

Das Vorgehen kam auch bei den Architekten gut an, wie einige Aussagen belegen: „Ich mag diese Crash-Workshops und das interdisziplinäre Arbeiten sehr gern“, erklärte etwa Professor Thomas Fenner, geschäftsführender Partner von FSWLA Landschaftsarchitekten. „Wir sind heute viel schneller zum Ziel und zu einem guten Ergebnis gekommen als durch viele lange Abstimmungsrunden.“ Auch Henning Stüben, Co-Gründer von Urban Agency Kopenhagen, gefiel das „open source planning“, wie er es nannte: „Wir haben gut zusammengearbeitet und konnten so nicht nur einzelne Punkte bearbeiten, sondern immer auch das ‚bigger picture‘ betrachten.“

Fazit: Die Kreativität und der ständige Austausch haben eine hohe Qualität in das gesamte weitere Bebauungsplan-Verfahren eingebracht. Zunächst waren alle etwas skeptisch, aber am Ende war es genau die richtige Vorgehensweise.

Autor: Klaus Franken ist CEO bei Catella Project Management.

15.10.2019