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Nachhaltiger Treibstoff für den Wirtschaftsmotor

ZIA-Serie: Mit den Klügsten Köpfen durch die Krise. Was bedeutet Covid-19 für die Branche? Und was kommt danach? Ein Beitrag von Steffen Szeidl, Vorstandsmitglied bei Drees & Sommer.

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Steffen Szeidel: "Smart, ökologisch und verantwortungsvoll zu agieren, so sollte das oberste Management-Gebot lauten." (Bild: Piechowski)

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind in nahezu allen Bereichen unserer Gesellschaft deutlich spürbar. Insbesondere die Immobilienwirtschaft wird sich noch lange mit den Folgen beschäftigen müssen. Aber: Die Krise ist Herausforderung und immer auch Chance zugleich. Der Zentrale Immobilien Ausschuss ZIA, Spitzenverband der Immobilienwirtschaft, hat eine Artikelserie gestartet, in der die klügsten Köpfe aus Branche und Politik schildern, wie wir, mit welchen Annahmen und Tools durch die Krise und wie wir, perspektivisch einen Plan entwickeln und nach der Krise weiteragieren wollen.

Ein Beitrag von Steffen Szeidl, Vorstandsmitglied bei Drees & Sommer.

Geräuschlos, unterschätzt und schleichend hat sich das Virus Covid-19 eingenistet. Erst nach und nach, dafür aber knallhart, hat es Politik, Gesundheitsbehörden, Krankenhäuser, Unternehmen und Dienstleister zum Handeln gedrängt. Einige wenige Akteure waren vorbereitet, die meisten nicht. Und auch die Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft managen die derzeitige Krise auf höchst unterschiedliche Weise.

Mit dem mehr als zehnjährigen Immobilienboom im Rücken und den einhergehenden Rekordergebnissen sollte der Ausbruch der Pandemie mit all ihren Folgen für die gesamte Branche doch sicherlich auszuhalten sein, ist vielfach zu hören. Doch wer sich in der Vergangenheit darauf verlassen hat, dass die Flut schon alle Boote hebt, den hat Corona eines Besseren belehrt. Mitunter haben gerade die überquellenden Auftragsbücher der Vergangenheit dazu verleitet, die unheimlich hohe Geschwindigkeit des digitalen Wandels zu unterschätzen, den enormen Veränderungsdruck nicht zu erkennen. Welche Boote hier ein Leck haben, das hat ausgerechnet ein Virus offenbart.

Immerhin: Nach Wochen des Stillstands haben – aus Sicht der Gesundheit - nun die mitunter strengen Maßnahmen offensichtlich gewirkt. Der Lockdown wird, wenn es keinen Rückfall gibt, langsam zurückgefahren. Geschäfte haben wieder geöffnet, Gaststätten folgen, Menschen werden zur Arbeit gehen und die Grenzbäume dürften in absehbarer Zeit wieder ganz hochgezogen werden. Doch startet ein Motor wieder, läuft er zunächst mit niedriger Drehzahl. Das ist nicht nur ein physikalisches Phänomen, es gilt ebenso für soziale Gebilde wie Gesellschaften und ihre Wirtschaftssysteme.

Zeitfenster für Innovationen

Belastend sind dafür unstrittig die neuen Rahmenbedingungen: Regierungen haben sich enorm verschuldet, aus Gewinnrechnungen bei Unternehmen werden Verlustrechnungen, die Liquiditätsausstattungen schmelzen, die Lieferketten sind an ihren porösen Gliedern gebrochen. Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, Entlassungen kein Tabu mehr, manche Firmen werden sich nicht mehr erholen, sie wird die marktwirtschaftliche Sanktion der Pleite mit voller Wucht treffen.

Trotz dieser schwierigen Ausgangsbedingungen wird die Wirtschaft wieder anspringen und nach einer längeren Anlaufphase Fahrt aufnehmen. Je früher, umso besser. Vieles wird dann nicht mehr so sein wie vor dem Virenüberfall. Veränderungen machen Angst, aber sie eröffnen uns jetzt ein Zeitfenster, um eine Debatte über einen echten Wandel zu entfesseln, ihn zu leben.

So verbirgt sich im griechischen Ursprung des Begriffs Krise nicht nur die aussichtslose Situation. Vielmehr steckt in ihm der Wendepunkt in einer gefährlichen Lage. Gemeinsam ausmerzen müssen wir das Virus. Warum gleichzeitig nicht auch den überholten Irrtum, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gegeneinander antreten? Statt im vorgestrigen Wirtschaftsdenken zu verharren, möglichst alle unbequemen Umweltauflagen verschieben oder aussetzen zu wollen, gilt es gerade jetzt digitale und klima- und umweltfreundlichere Entwicklungen massiv zu beschleunigen. Auch der Klimawandel gefährdet unsere Lebensqualität. Langfristig mit weit schwerwiegenderen Konsequenzen als die einer fürchterlichen Pandemie, die wir jedoch immerhin absehbar bewältigen werden.

Allein der gesunde Menschenverstand gebietet hier, den Strukturwandel mit langfristigen Maßnahmen voranzutreiben, statt kleinteilig mit Kaufprämien und viel Geld sehr kurz zu springen. Längst fällige Investitionen in das Gesundheitswesen, den öffentlichen Nahverkehr, die Netzinfrastruktur, die Infrastruktur für die emissionsneutrale Mobilität sowie in den Breitbandausbau und in die Digitalisierung von Behörden und Schulen stehen zu Recht im Fokus der Wirtschaftsweisen.

Profundes Nachhaltigkeitsmodell als Vorbild für viele Branchen und Regionen

Auch der Green Deal der EU-Kommission ist ein hoffnungsvolles Projekt um die Wirtschaft schneller zum Laufen zu bringen. Landauf und landab war vor der Krise Thema, wie und wer denn dafür die notwendige Finanzierung sicherstellen soll, und ob ein solcher Plan überhaupt zu stemmen sei. Richtigerweise wurden, um auf Covid-19 zu reagieren, nun mit einem Handstreich innerhalb weniger Wochen ein Vielfaches dieser Summen zur Verfügung gestellt.

Hilfreich für ein Gelingen des Green Deals wäre eine gut austarierte und zukunftsorientierte Innovationsförderung, mit der man branchenübergreifend Unternehmen bei der Entwicklung neuer Technologien tatkräftig unterstützen könnte. Für den Immobiliensektor wäre jedenfalls eine Verschiebung von Klimaschutzmaßnahmen nicht förderlich. Allein dieser Wirtschaftszweig steht für rund 40 Prozent aller CO2-Emmissionen und nimmt deshalb eine Schlüsselstellung für ein klimaneutrales Europa ein.

Energetische Massensanierungen stehen zwar auf der politischen Agenda, müssen jetzt aber auch angepackt werden, wenn die Ziele eingehalten werden sollen. Ein Sanierungshaushalt von jährlich 120 Milliarden Euro für die nächsten zehn Jahre wäre dafür notwendig und würde der europäischen Bauwirtschaft, ihren Zulieferern aus den Bereichen Maschinen- und Fahrzeugbau und den korrespondierenden Wirtschaftszweigen einen beträchtlichen Schub für den Neustart nach der Krise verschaffen.

Bisher werden durchschnittlich ein Prozent des Gebäudebestandes in den Ländern der EU jährlich saniert – eine Quote, die sich mindestens verdoppeln müsste, wenn die Energieeffizienz- und Klimaziele erreicht werden sollen. Es wäre nicht nur ein Konjunkturprogramm, es wäre vielmehr ein profundes Nachhaltigkeitsmodell, das auch als Vorbild für andere Branchen, sogar Weltregionen herhalten könnte.

Aber nicht nur die Politik ist für den Re-Start gefordert, die Krise hat auch bei vielen die Wahrnehmung der Arbeitswelt insgesamt verändert. Zum Positiven. Videokonferenzen haben sich in Zeiten der Abstandsregelungen bewährt, dürften künftig zum Standardrepertoire bei Entscheidungsfindungen gehören und die Reisekosten genauso wie den ökologischen Fußabdruck erheblich reduzieren. Auch Mitarbeitende haben gelernt, dass Home Office ein probates Hilfsmittel im Geschäftsleben ist und durchaus auch im Baugewerbe und der Immobilienwirtschaft flächendeckend eingesetzt werden kann.

Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung

Smart, ökologisch und verantwortungsvoll zu agieren, so sollte das oberste Management-Gebot lauten. In Summe und klug kombiniert führen nachhaltige und digitale Lösungen immer zu besseren Produkten und Dienstleistungen, zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und das alles zieht qualifizierte Mitarbeiter an. Verantwortungsvolle Unternehmer denken langfristig – und langfristig gedacht, gewinnt Nachhaltigkeit immer – auch finanziell. Im Kleinen wie im Großen, mikro- wie makroökonomisch.

Unternehmen müssen neben ihrem wirtschaftlichen Erfolg auch den größtmöglichen Nutzen für die Umwelt und die Gesellschaft im Fokus haben. Das bedeutet kontinuierliches Engagement für den Klimaschutz und soziale Projekte. Dazu gehören beispielsweise Aufforstungsprojekte oder ein schonender Umgang mit den Ressourcen. Es geht dabei nicht allein um die Reduzierung von CO2-Emmissionen, sondern um die Förderung von Biodiversität und den Einsatz von kreislauffähigen Produkten, die zum Klimaschutz positiv beitragen.

Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung gehören untrennbar zusammen. So erhöht man nicht nur die Sozial-Akzeptanz der Unternehmen, so liefert man auch nachhaltigen Treibstoff für den Wirtschaftsmotor.

12.06.2020