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Mattner: „Innenstädte werden sich leider massiv verändern“

Persönliche Einblicke zum 60. Geburtstag und klare Worte zu den Folgen von Covid-19 für die Branche und die deutschen Innenstädte. Das Interview mit ZIA-Präsident Dr. Andreas Mattner.

Dr. Andreas Mattner:
Dr. Andreas Mattner: "Die Bazooka von Olaf Scholz muss nachgeladen werden" (Foto: ZIA)

Herr Mattner, vor einigen Tagen haben Sie Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Erinnern Sie sich denn auch noch daran, wie Sie im Jahr 2000 Ihren 40igsten gefeiert haben?

Das ist ja dann doch schon eine längere Zeit her. An meinen 50. Geburtstag habe ich jedenfalls sehr schöne Erinnerungen, weil es ein großes Fest gewesen ist.

Ein großes Fest konnte es dieses Mal nicht geben. Wie feiert man in Zeiten von Corona?

Ein großes Ereignis hatte ich gar nicht geplant. Ich wollte mir stattdessen eine Auszeit von vier Wochen gönnen und mit der kompletten Familie und mit Freunden im Ausland feiern. Ein Haus und die Flüge waren bereits gebucht. Leider mussten wir das alles absagen.

Und was war das Alternativ-Programm?

Ich wohne in einem Mehrgenerationenhaus mit sieben Familienmitgliedern und drei Generationen unter einem Dach. Meine Kinder haben für ein tolles Tagesprogramm gesorgt, mich auf eine Zeitreise geschickt und ein kleines Bühnenstück präsentiert. Außerdem hat uns ein Rodiziokoch versorgt, der auf langen Säbeln das Essen angerichtet hat. Alles entsprechend der Corona-Abstandsregeln, also. Es war natürlich anders geplant, aber es war sehr schön.

Die vergangenen vier Monate standen komplett im Zeichen von Corona. Wie ist die Branche aus Ihrer Sicht mit der Krise umgegangen?

Als schon vor dem Shutdown absehbar war, dass es massive Maßnahmen geben wird, hatte ich ehrlich gesagt damit gerechnet, dass alle Assetklasse, allen voran Gewerbeimmobilien, leiden würden. Tatsächlich hat es sich sehr stark auseinander entwickelt. Der Handel, Hotels und Gastronomie sind, wie es zu erwarten war, leider dramatisch betroffen. Wohnen und Büro hingegen bislang weit weniger stark als es in Anbetracht der so schnell und so massiv heruntergefahrenen Wirtschaft zu befürchten stand. Bei den Wohnungsunternehmen liegen die Mietausfälle bei unter einem Prozent und viele Gesellschaften haben eigene vorbildliche Hilfsprogramme für ihre Mieter gestartet. Das Miteinander von Eigentümern und Mietern, das wir als ZIA von Anfang propagiert haben, funktioniert, denke ich, erfreulich gut. Die gesamten Auswirkungen der Pandemie werden wir aber sicher erst Ende 2021 bewerten können.

Handel und Gastronomie liegen am Boden. Viele Geschäfte und Restaurants werden nie mehr öffnen. War Corona der Todesstoß für die Innenstädte, wie wir sie kennen?

Todesstoß hoffentlich nicht, aber die Innenstädte werden sich leider massiv verändern. Es geht nicht um die Frage, ob sie leiden werden, sondern nur um das Ausmaß. Etliche Geschäfte, Gastronomie und auch Hotels werden sterben und wir werden sie nicht zurückbekommen. Im Handel war das ja bereits vor der Pandemie ein E-commerce-bedingter Prozess, der sich durch die Krise nochmals beschleunigt hat. Wir werden unsere Innenstädte ein Stück weit nicht mehr wiedererkennen. Es geht nun darum, das Ausmaß möglichst gering zu halten. Deshalb plädieren wir zum Beispiel gemeinsam mit dem Handelsverband HDE dafür, die Mittel für den Städtebau massiv zu erhöhen. Die Bazooka von Olaf Scholz muss nachgeladen werden.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Politik in der Krise?

Die Regierung hat zunächst einmal mit der flexiblen und sehr schnellen Einführung des Kurzarbeitergeldes ein echtes Meisterstück abgeliefert, das allen Assetklassen geholfen hat. Gleichzeitig ist der Staat weiterhin in der Pflicht. Die viel zitierte „große Bazooka“ hilft gerade unseren Immobilienunternehmen kaum. Die aufgelegten Hilfsprogramme sind zum Beispiel häufig nicht für Objektgesellschaften zugänglich und es gibt bislang auch noch kein Mietenhilfsprogramm, wie es der ZIA fordert. Da könnte sich Deutschland durchaus Länder wie Schweden, Österreich, Kanada oder die Slowakei zum Vorbild nehmen, die solche Programme bereits eingeführt haben.

„Die Krise als Chance“ – können Sie mit dieser Formulierung etwas anfangen?

Wir werden sicher als Branche unsere Lehren aus dieser Pandemie ziehen, damit wir krisenfester daraus hervorgehen. Und ohne Frage, werden wir Vieles verschmerzen müssen. Ich bin aber auch überzeugt, dass der Klimaschutz und die Digitalisierung zum Beispiel zwei Chancen sind, die wir gerade jetzt nutzen sollten. Zum Beispiel könnte eine nicht bloß halbherzige Regelung zur Abschreibung energetischer Sanierungen als Konjunkturmotor in der Baubranche wirken.  

Welche Lehren ziehen Sie schon jetzt?

Ich komme zum Beispiel gerade aus einem Video-Call mit 50 Teilnehmern. Und es funktioniert wunderbar. Auch nach der Pandemie werden wir diese Erfahrung hoffentlich erinnern und auf den ein oder anderen Flug verzichten. Ich denke, dass wir als Gesellschaft und auch die Politik auf einen zweiten Corona-Schub oder eine neuerliche Pandemie bereits jetzt besser vorbereitet wären.

Inwiefern?

Es gab vor Covid-19 keinen Masterplan für den Umgang mit einer solchen Krise. Mit den Erfahrungen der vergangenen Wochen könnte die Politik in Zukunft differenzierter reagieren und ihre Maßnahmen stärker modifizieren. Viele Geschäfte würden mit entsprechenden Hygiene-Maßnahmen geöffnet bleiben und der volkswirtschaftliche Schaden wäre geringer. Ein umfänglicher Shutdown wie wir ihn erlebt haben, wäre nicht notwendig.

Das Gespräch führte Markus Gerharz.

02.06.2020