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Mehrwertsteuersenkung: "Wirtschaftlich totaler Fehlschlag"

Welche Auswirkungen hat das Konjunkturpaket auf den Immobilienbereich? Wie gehen Makler mit der Mehrwertsteuersenkung um? Wir haben bei einigen Beraterhäusern nachgefragt.

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Von der ab dem 1. Juli geltenden Mehrwertsteuersenkung sollen Verbraucher und die deutsche Wirtschaft in der Corona-Pandemie profitieren. Aber wie sieht es in der Immobilienbranche aus? (Bild: Morning Brew/Unsplash)

Von Juli bis einschließlich Dezember 2020 gilt der verminderte Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent. Welche Auswirkungen hat das Konjunkturpaket auf den Immobilienbereich? Und wie gehen Makler damit um? Wir haben Stimmen eingeholt.

Grossmann & Berger: Käufer von Wohn-Immobilien profitieren von Mehrwertsteuersenkung

Der Immobiliendienstleister Grossmann & Berger gibt die von der Bundesregierung beschlossene Mehrwertsteuersenkung zu 100 Prozent an seine Kunden weiter. Statt der in Hamburg üblichen 6,25 Prozent zahlen die Grossmann & Berger-Kunden in diesem Zeitraum 6,09 Prozent Courtage für Wohn-Immobilien, die reduzierte Mehrwertsteuer eingerechnet. Das bedeutet zum Teil deutliche Ersparnisse – natürlich je nach Kaufpreis der Immobilie. Legt man beispielsweise eine Courtage von 30.000 Euro bei einer Provision von 6,25 Prozent zugrunde, so sinkt diese mit dem ermäßigten Steuersatz ab Juli auf etwa 29.225, also um rund 775 Euro.

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Lars Seidel. (Bild: Grossmann & Berger)

Maßgeblich ist der Zeitpunkt, zu dem der Kaufvertrag wirksam wird. Hat der Makler beispielsweise einen Kaufinteressenten schon im Juni beraten, der Kaufvertrag kommt jedoch erst im Juli zustande, so zählt hier ebenfalls der reduzierte Steuersatz und die entsprechend verminderte Maklercourtage. „Wir möchten dazu beitragen, dass die Steuersenkung tatsächlich beim Verbraucher ankommt. Daher stellen wir alle Prozesse so um, dass die reduzierte Mehrwertsteuer zu hundert Prozent unseren Kunden zugutekommt. Da wir es bei Immobilientransaktionen in der Regel mit hohen Beträgen zu tun haben, kann dies eine große Ersparnis für die Kunden bedeuten“, so Lars Seidel, Geschäftsführer von Grossmann & Berger.

Wulff Aengevelt: „Mehrwertsteuersenkung ohne Effekte für Privatimmobilienbereich“

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Dr. Wulff Aengevelt. (Bild: Aengevelt)

Dr. Wulff Aengelvelt, Geschäftsführender Gesellschafter von Aengevelt Immobilien, bestätigt ebenfalls die Weitergabe der Mehrwertsteuersenkung an Privatkunden durch sein Unternehmen. "Hier bestehen auch gar keine Freiheitsgrade, denn der geltende Mehrwertsteuer-Satz ist anzuwenden. Die Frage ist vielmehr: Was bringt die Steuersenkung für Erwerber von Privatimmobilien? Nehmen wir zur Beantwortung der Einfachheit halber als Bundesdurchschnitt einen Kaufpreis von 450.000 Euro an, egal, ob Eigentumswohnung oder Einfamilienhaus. Danach ergibt sich durch die Steuersenkung eine Ersparnis von 810 Euro, die nach der anstehenden Provisions-Neuregelung zukünftig durch Käufer und Verkäufer zu teilen ist, also 405 Euro pro Partei. Auch wenn der Steuerspartrieb einer der letzten ist, der den Menschen abhanden kommt: Deswegen geht kein einziger bisher Zögernder zum Notar! Für alle anderen ist es ein 'nice to have'", führt Aengevelt aus. Den Beschluss der Bundesregierung sieht er kritisch: "Wenn der Gesetzgeber intendiert, mit dieser Reduzierung eine Kaufwelle im Privatimmobilienbereich in Gang zu setzen, bleibt nur das Fazit: Wirtschaftlich totaler Fehlschlag! Was bleibt, ist der Show-Effekt mit Symbolcharakter: Steuersenkungen in schweren Zeiten und dafür bedanken und verbeugen sich dann alle brav Richtung Berlin."

Thomas Aigner: "Förderung von Immobilieneigentum bleibt ein Stiefkind der Regierungsarbeit"

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Thomas Aigner. (Bild: Aigner Immobilien)

"Wir von Aigner Immobilien geben die Mehrwertsteuersenkung weiter. Große Auswirkungen des Konjunkturprogramms auf den Privatimmobilien-Bereich sehen wir allerdings nicht", erklärt Thomas Aigner, Geschäftsführer von Aigner Immobilien. "Das Thema Förderung von Immobilieneigentum bleibt ein Stiefkind der Regierungsarbeit – und das leider schon seit Jahrzehnten. Nach wie vor liegt das reiche Deutschland bei der Wohneigentumsquote in Europa auf dem vorletzten Platz, während 'arme' Länder wie Rumänien, Ungarn und Bulgarien die vorderen Plätze belegen! Doch gerade im Hinblick auf die private Altersvorsorge und einen Ausgleich von Vermögensungleichheiten wäre es immens wichtig, unsere Eigenheimquote durch gezielte Maßnahmen endlich zu erhöhen. Meines Erachtens sollte sich jede politische Entscheidung in diesem Bereich daran messen lassen. Das Konjunkturprogramm wird jedoch nicht auf die Erhöhung der Eigenheimquote einzahlen. Und aufgrund der gegenwärtigen Herausforderungen durch Themen wie Klima und Corona wird das auch in Zukunft leider nicht besser werden."

Kai Enders: Maßnahmen haben beim Thema Wohnen für Sicherheit gesorgt

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Kai Enders. (Bild: Engel & Völkers)

"Bereits im Rahmen der gesetzlichen Neuregelung der Maklercourtage hat Engel & Völkers sich für eine Entlastung bei den Kaufnebenkosten eingesetzt. Daher begrüßen wir den Schritt der temporären Mehrwertsteuersenkung und geben selbstverständlich die daraus entstehenden Ersparnisse an unsere Kunden weiter", so Kai Enders, Vorstandsmitglied bei Engel & Völkers. "Ein wichtiger Teil des Konjunkturpakets sind die Regelungen zur Kurzarbeit. Sie haben insbesondere dazu geführt, dass die Menschen auch während der Krise in der Lage waren ihre Miete zu bezahlen. Diese Maßnahme bewerten wir als sehr positiv. Angesichts der schwierigen Situation hat die Maßnahme der Bundesregierung bei einem so existenziellen Thema wie Wohnen für Sicherheit gesorgt. Mithilfe des Konjunkturpakets wurde unter anderem gewährleistet, dass Anlagen in Wohnimmobilien weiterhin ein attraktives Geschäftsmodell bleiben, da es kaum Mietausfälle gegeben hat."

Neuregelung der Maklercourtage bringt Immobilienkäufern weitere Ersparnisse

In Zukunft kommt auf die Käufer noch eine weitere finanzielle Entlastung zu. Bereits im Mai hat der Deutsche Bundesrat ein Gesetz zur Neuregelung der Maklercourtage verabschiedet. Das Gesetz sieht vor, dass Käufer und Verkäufer von Wohnimmobilien sich künftig bundesweit die Maklercourtage 50:50 teilen. Das Gesetz wird spätestens Anfang 2021 in Kraft treten. Gerade in Hamburg, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hessen und in Teilen von Niedersachsen wird das Gesetz zu einer deutlichen Entlastung der Käufer führen, denn in diesen Bundesländern wurde die Courtage bislang alleine vom Käufer getragen.

01.07.2020