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Lange genug geredet

Höchste Zeit, den vielen Worten über Konzepte für digitale Tools und Geschäftsmodelle auch Taten folgen zu lassen. Deshalb zeigen die "Digital Top 10" zehn digitale Projekte, die sich bereits in der Umsetzung beweisen.

Die „Digital Top 10“ zeigen Best Practice-Beispiele der Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft, die bereits umgesetzt wurden (Foto: Jakob Owens/unsplash.com)
Die „Digital Top 10“ zeigen Best Practice-Beispiele der Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft, die bereits umgesetzt wurden (Foto: Jakob Owens/unsplash.com)

Das Bewusstsein für die Digitalisierung hat in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen. „Das hat dazu geführt, dass sich die Vorstandstüren der Immobilienunternehmen für Proptechs heute schneller öffnen“, sagt Christian Bogatu. Der ehemalige Kiwi-Geschäftsführer ergänzt aber sogleich: „Durchgehen und performen müssen die Start-ups aber genauso wie früher.“

Damit bringt der Gründer von Fresh Energy auf den Punkt, was man als nächste Stufe der digitalen Transformation in der Immobilienwirtschaft bezeichnen könnte. Nachdem in den vergangenen beiden Jahren ein Proptech-Pitch den nächsten gejagt hat, sich etablierte Immobilienunternehmen und innovative Start-ups aneinander herangetastet haben, geht es jetzt um die erfolgreiche Umsetzung. Immer mehr Immobilienmanager haben genug innovative Ideen gehört. Sie wollen konkret umgesetzte Projekte sehen.

Das Tempo der Digitalisierung
Umgekehrt sind auch die Start-ups händeringend auf der Suche nach Partnern, mit denen sie ihre Ideen im Alltag umsetzen und erproben können. Dabei kommen die eher langfristigen Zyklen und Projektphasen in der Bau- und Immobilienwirtschaft mal wieder zum Tragen. Gebäude sind nicht in wenigen Monaten geplant, finanziert, gebaut und auch noch im Betrieb erprobt. Und auch im Bestand geht es nicht immer so schnell, wie es die Start-ups vielleicht gerne hätten. Trial and Error ist bei Immobilien eher eine Mittelstrecken- und keine Sprintdisziplin.

Dennoch gibt es bereits etliche umgesetzte Digitalprojekte in der Bau- und Immobilienbranche. Was bislang fehlte, ist eine Plattform für diese Best Practices. Deshalb hat die exklusive Auswertung „Digital Top 10 Deutschland“ Referenzprojekte gesammelt, bei der Unternehmen digitale Tools und Prozesse erfolgreich umgesetzt und im Alltag erprobt haben.

Die zehn besten Projekte hat eine Jury ausgewählt:

  1. Digitalisierung in der Projektentwicklung: Gerade in der Projektentwicklung können digitale Prozesse viel Arbeit und Kosten sparen. In der täglichen Umsetzung spielen allerdings Excel und Bauchgefühl oft noch eine große Rolle. Die Stadtentwicklungsgesellschaft Herford hat bei der Konversion am Stiftberg Prozesse und Controlling von Reaforce übernehmen lassen. Die vom deutsch-niederländischen Unternehmen Reasult entwickelte Software überwachte alle Kosten und Termine bei der Umgestaltung des Kasernenareals in einen Bildungscampus. So konnte die Stadtentwicklungsgesellschaft das 45-Hektar-Projekt mit fünf Mitarbeitern in acht Monaten realisieren. Reaforce lieferte Entwicklungsprognosen, Variantenanalysen, Cashflow-Prognosen und revisionssichere Daten, compliancefähig und zertifiziert. Per Knopfdruck liefert das Projektcontrolling alle wichtigen Daten zu jeder Zeit.


  2. Aufzug als Kommunikationsmedium: Vorausschauende Wartung, elektronische Überwachung, die wichtigsten Daten in Echtzeit immer im Blick: Der Aufzughersteller Schindler bietet eine digitale Plattform an, die eine Vielzahl von Services rund um den Aufzug ermöglicht. Unter dem Namen „Ahead“ liefern die internetfähigen Aufzüge nicht nur permanent Daten, sie können auch zum Kommunikationskanal werden, über den Informationen rund um den Aufzug (oder die Fahrtreppe) für Betreiber und Nutzer zur Verfügung gestellt werden. Im Hotel Scandic Hamburg Emporio kommt Schindler Ahead erfolgreich zum Einsatz. Aufzugsbetreiber haben von jedem Ort der Welt aus Zugriff auf ihre Aufzugsdaten in Echtzeit. Sie sehen, ob die Anlagen laufen, ob ein Techniker an der Anlage ist oder eine Wartung ansteht. Alle wichtigen Informationen zu ihrem Aufzug sind mit einem Klick verfügbar. Während Remote Monitoring sich in der Regel auf Daten konzentriert, die schwerwiegende Probleme wie Ausfälle anzeigen, liefert Ahead detailliertere und gezieltere Informationen über die Aufzugsanlage.

  3. Quartiers-App für Gewerbeimmobilien: Am Düsseldorfer Seestern zeigt der Anbieter Animus, was eine Quartierssoftware leisten kann. Als Whitelabel- Produkt kann die App über Schnittstellen mit den Stammdaten der ansässigen Unternehmen agieren. Die Software hat vier Schwerpunkte: Digitalisierung der Verwaltung wie Beanstandungen oder Aushänge, sozialer Austausch, immobiliennahe Services wie Reinigung, Paketannahme oder Putzdienst und zuletzt auch Zukunftsthemen wie Smart Home, Mobilität oder Blockchain. Unternehmen profitieren durch Kostensenkung und Renditeoptimierung. Die Nutzer profitieren von erhöhter Kommunikation, Information und dem Serviceangebot. Beim Projekt „The Cradle“ hat Animus außerdem ein besonderes Mobilitäts- Konzept integriert. Eine Kombination aus Free-Floating und stationären Anbietern mit vielen Autos – so etwas hat es in dieser Form deutschlandweit für ein privates Gewerbeobjekt noch nicht gegeben.

  4. Planung in BIM: Building Information Modeling ist im Zuge der Digitalisierung eines der zentralen Themen in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Die MPP Meding Plan + Projekt hat bei den Planungen für das Altmarkt-Carreé in Dresden komplett auf ein BIM-basiertes Verfahren gesetzt. Sämtliche Planungsbeteiligten haben von Anfang an mittels eines digitalen Modells miteinander gearbeitet und waren den gesamten Planungsprozess darüber digital vernetzt. So hat BIM die Qualität und das Tempo im Planungs-, Bau- und Ausschreibungsprozess erhöht und zur schnellen Bereitstellung neuen Wohnraums geführt. Das Altmarkt-Carrée ist ein Projekt der Revitalis AG mit 213 Wohnungen und Gewerbeflächen. MPP koordiniert als Generalplaner die weiteren Fachplaner innerhalb des digitalen Modells, Revitalis hat die Zielvorgaben als Bauherr definiert. Der Baupartner konnte noch im Planungsprozess im Rahmen eines Zielpreisverfahrens eingebunden werden. Dieser innovative Prozess des strukturierten parallelen Planens am Modell und gleichzeitigen Festlegens von Qualitäten unter Einbindung des Baupartners ist ein Beispiel für das Planen und Bauen von morgen. Der Bauherr konnte außerdem bereits im Prozessverlauf in Echtzeit mittels 3D-fähiger VR-Brillen das digitale Gebäudemodell begehen.

  5. Komplett digitaler Vermietungsprozess: Die Vermarktung von Wohnraum erfolgt längst überwiegend online. Die darauffolgenden Prozesse bis zum Mietvertrag finden jedoch fast immer manuell statt und sind von etlichen Medienbrüchen gekennzeichnet. Aufwand und Intransparenz sind hoch. Hier hat die Wohnungshelden GmbH angesetzt und den gesamten Vermietungsprozess für Kunden wie Buwog, Wertgrund, Jenawohnen oder DIM digital umgesetzt: vom Interessentenmanagement, der Terminabstimmung, den digitalen Selbstauskünften bis hin zum digitalen Signieren der Mietverträge. In München haben die Wohnungshelden zudem das Vergabesystem für sozialen Wohnraum für die kommunalen Unternehmen Gewofag und GWG München digital neu aufgesetzt. Die Bezugsberechtigung der Bewerber wird automatisch berechnet und Besichtigungstermine werden objektiv via Losverfahren vergeben. Manuell wäre die Prüfung und Berechnung von teilweise 1.000 Bewerbungen pro Wohnung nicht mehr zu bewältigen.

  6. Smarte Workspaces: Sensorbergs innovative Lösung verwandelt Gebäude in interaktive Orte und macht das Thema Smart Workspace für die rendite-orientierte Immobilienwirtschaft greifbar. Viele Gebäude sind bereits mit Building Management Systemen (BMS) ausgestattet. Diese sind meist geschlossene Systeme und für Gebäudenutzer und Hausverwalter wenig nutzerfreundlich. Sensorbergs Lösung basiert hingegen auf offener Standard-Hardware und bietet Schnittstellen zu allen gängigen BMS. Daher kann Sensorberg mit bereits vorhandener Software oder Hardware in das Gebäude integriert werden. Im Ergebnis sparen Kunden bis zu 30 Prozent Unterhaltskosten. Bei einer Kombination mit passender Sensorik lassen sich außerdem Energieeinsparungen von bis zu 60 Prozent erreichen. Das erste umgesetzte Projekt ist die Factory Berlin, der größte IoT-Hub Deutschlands. Aktuell laufen weitere Projekte im Bereich Co-Working oder auch klassische Bürogebäude wie die neue Zentrale von HRS.

  7. Digitalisierung von Baudokumentation: Notizzettel, Fotos, Sprachmemos, Pläne: Baumängel werden höchst unterschiedlich erfasst. Es folgt die Übertragung in Excel-Listen und das Verschicken an die entsprechenden Stellen. Das ist umständlich, aufwendig und intransparent. Es führt häufig zu unbefriedigenden Ergebnissen und Mehrkosten für alle Beteiligten. Dass es anders gehen kann, hat Planradar bei Freudenberg Real Estate gezeigt. Die webbasierte SaaS-Lösung ist mittels App auch auf Tablets und Smartphones anwendbar. Sie ermöglicht die komplette Erfassung, Dokumentation, Kommunikation und anschließende Nachverfolgung von Baumängeln und Aufgaben. Alle Informationen sind jederzeit und überall einsehbar. Anwender sparen im Schnitt sieben Arbeitsstunden pro Woche. Im Fall von Freudenberg lagen die Einsparungen bei den Prozesskosten bei bis zu 70 Prozent.

  8. Co-Working in eigenen Flächen: Alstria könnte mit „Beehive“ zeigen, wie Immobilieneigentümer den Co-Working-Trend aufgreifen und für ihre eigenen Flächen gestalten. Statt sie dritten Anbietern zu überlassen, bietet Alstria über Beehive bestehenden Mietern Co-Working-Flächen in eigenen Objekten als zusätzlichen Service an. Das Angebot „Fläche as a Service“ ist eine Ergänzung zum klassischen Mietvertrag, wird aber auch typischen Gruppen wie Gründern und Selbständigen angeboten. Die Produktbesonderheit ist, dass Beehive auf einer patentierten Technologie basiert, die dem Nutzer erlaubt, online zu buchen und zu bezahlen, sowie die Räume 24/7 an allen Standorten zu nutzen. Die Technologie erlaubt Beehive, flexibel und wirtschaftlich zu betreiben, zu skalieren und neue Standorte schnell zu integrieren. Seit der Eröffnung im Juni 2016 hat Beehive rund 2.000 Nutzer.

  9. Smartes Datenmanagement: Architrave zeigt mit dem Datenmanagement für sämtliche Gewerbeimmobilien der Union Investment, welche Effizienzgewinne der Umgang mit smarten Daten bieten kann. Für die UIRE migrierte Architrave innerhalb von drei Monaten 2,7 Terabyte und rund eine Million Dokumente, die ausgedruckt etwa sieben Millionen DIN A4 Seiten ergeben hätten. Im Ergebnis ermöglicht Architrave damit eine bessere Kooperation mit externen Dienstleistern wie etwa Property- oder Facility Managern, wesentlich leichtere und schnellere Transaktionen sowie präzisere Portfolioanalysen. Makler, Aufsichtsbehörden und potenzielle Transaktionspartner können sich schneller und in Detailfülle über Objekte informieren.

  10. Digitales Investment: 21st Real Estate will den gesamten Ankaufsprozess digitalisieren und zukünftig ein komplettes Real Estate Online Trading auf einer Plattform ermöglichen. Für jeden Prozessschritt gibt es komplette, digitale Lösungen aus einer Hand. Immobilienangebote werden dabei mit nützlichen Informationen angereichert und Finanzkennzahlen für das Bewerten einer Immobilie integriert. Investoren können dank der Software Potenziale und Risiken einer Investition genau einschätzen und erhalten eine Vielzahl an Zusatzinformationen. Capital Bay hat die Software als Early Adopter genutzt, um in kurzer Zeit ein milliardenschweres Portfolio zu akquirieren, und hat das Produkt aktiv mitgestaltet.

Die Recherche, Auswertung und Auswahl der Top 10 entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Beratungsunternehmen pom+ , dem Immobilien Manager Verlag und Targa Communications. Die Jury bestand aus Rebekka Ruppel (Pom+), Markus Gerharz (immobilienmanager), Jochen Goetzelmann (Targa Communications), Ulrich Kerber (Freudenberg Real Estate) und Andreas Wende (NAI Apollo). 

Autor: Markus Gerharz

29.05.2018