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KI: Mit Geduld zum höheren Reifegrad

Größer, schneller, besser: Die Erwartungen an Künstliche Intelligenz (KI) in der Immobilienwirtschaft sind hoch. Doch die Branche steht noch relativ nahe am Anfang. Ein Beitrag von Inga Kühn.

KI-roboter
Noch können uns Maschinen nicht in jeglicher Hinsicht übertrumpfen. (Bild: Possessed/Unsplash)

Mit künstlicher Intelligenz wird alles größer, schneller und besser. Das sagen auch viele Marktteilnehmer aus der Immobilienwirtschaft. Oder in die Fachsprache übersetzt: Steigerung der Gebäude- oder Portfolioperformance – mit KI kein Problem. Faktisch sind wir in unserer Branche aber immer noch relativ nahe am Anfang. Verbesserungen durch KI sind zwar bereits spürbar, aber bislang sind die Schritte klein, der Reifegrad der Systeme ist noch gering. Wie erfolgreich die jeweiligen Digitalvorhaben sind, ist zudem von der Frage abhängig, wie gesund der Nährboden innerhalb des Unternehmens ist.

Noch sind wir in einigen Dingen besser als die Maschinen

Statt Nährboden könnte man auch Mindset sagen: Wie steht es um meine persönliche Haltung und Offenheit gegenüber neuen Ansätzen? Wie misstrauisch bin ich erst einmal? Natürlich kann eine gute KI mittlerweile herausragende Kunstwerke erschaffen oder Musik komponieren, die vom Menschen absolut nicht mehr als computergeneriert erkannt wird. Computer können auch Gedichte schreiben. Sie schlagen uns beim Schach oder beim Brettspiel Go. Und doch sind wir immer noch deutlich besser als jeder Algorithmus, sobald wir uns aus den starren Grenzen eines Systems heraus bewegen: Wir können unbekannte Probleme lösen und nicht nur eine eng umrissene Spezialaufgabe. Mitunter wird das Jahr 2200 und auch 2300 genannt, wann wir eine tatsächlich menschenähnliche künstliche Intelligenz sehen könnten. Vielleicht wird es sie aber auch nie geben.

Vertrauen lernen und uns kümmern

Zurück zu unserer Haltung. Eine künstliche Intelligenz kann für einen Asset- oder Property-Manager beispielsweise Mieterlisten sortieren. Nicken wir das Ergebnis dann ohne Zweifel ab oder prüfen wir selbst noch einmal alles nach, nur zur Sicherheit? Oder machen wir lieber gleich alles von Anfang an selbst, weil das aktuell noch schneller und präziser ist? Eine KI kann immer nur dann besser werden und dazulernen, wenn sich die menschlichen Mitarbeiter regelmäßig um sie kümmern. Die heutigen KI-Konzepte (wie künstliche neuronale Netze oder maschinelles Lernen) erfordern einen großen Umfang an Informationen, um Lernfortschritte zu erzielen. Je nach System kann man das Lernen der KI gezielt unterstützen, indem man ihr notwendige zusätzliche Informationen mitgibt. Denkbar ist es, dass wir ein digitales Post-it an eine Aufgabe heften. Darauf wird vielleicht ein Aspekt klärend erläutert oder auch nur ein Stichwort gegeben, das die KI besser verstehen lässt, worum es überhaupt geht. Derartige kleine Hilfestellungen dürfen im Zweifel auch Spaß machen. Noch wichtiger: Auf diese Weise kommt der Nutzer in einen unmittelbaren Kontakt; es entsteht eine Interaktion auf einer neuen Ebene. Daraus resultieren Synergien. Die KI entwickelt sich schneller und besser weiter, und beim Nutzer wird durch die aktive Einbindung das Vertrauen gestärkt.

Vergessen wir das Change-Management

Der ganze Prozess darf nicht nur, er sollte sogar Spaß machen. Wer Freude an der Zusammenarbeit mit der KI hat, wird automatisch zum wichtigen Botschafter für ein Projekt – das macht gegebenenfalls sogar ein groß aufgezogenes Change-Management überflüssig. Durch die frühzeitige und direkte Einbindung der späteren Nutzer schon in der Entwicklung lassen sich in der Regel Projektgruppen abseits der Geschäftsführung finden, die eine neue Lösung einfach testen. Eine solche Projektgruppe sollte allerdings auch sagen dürfen: Wir brechen hier besser ab, weil ein erkennbarer Mehrwert durch die KI zunächst nicht wahrscheinlich ist. Oder: Wir brechen ab, weil die Anwendung aufgrund fehlender Nutzerfreundlichkeit schlicht keine Akzeptanz findet.

Falsches Abbiegen erlaubt

Digitalisierung und KI sind Lernreisen, die nie zu Ende sind. Das „Falschabbiegen“, einen Umweg zu nehmen oder auch Scheitern und damit die bewusste Aufgabe von Projekten gehören zu dieser Reise dazu. Gerade das fördert aber auch die Bereitschaft, sich auf neue Dinge einzulassen – wenn dies in einem angstfreien Raum stattfindet und es keinen Zwang gibt. Und je mehr Menschen aus dem Unternehmen sich gemeinsam auf diese Reise und neue Erfahrungen einlassen und die frisch eingeführte KI nutzen, desto besser wird sie. Weil sie mehr Daten bekommt und die eigene Leistung dadurch optimiert. So entsteht im Unternehmen eine Eigendynamik. Durch zunehmende Nutzung und eine offene Lernkultur entstehen Ideen zur Verbesserung und Weiterentwicklung, die jeder einbringen kann.

Praxisbeispiel Dokumentenablage

In der Praxis sehen wir zurzeit vor allem in der KI-gestützten Dokumentenablage und der automatischen Weiterverarbeitung der darin enthaltenen Daten großes Potenzial. Gegenwärtig gilt zwar auch hierfür, wie eingangs gesagt: Wir alle befinden uns eher noch in einem frühen Reifegrad derartiger Anwendungen. Die automatische Verschlagwortung von Dokumenten sowie eine sinnvolle thematische Ablage funktionieren gut. Der Asset- oder Property-Manager wird entlastet, zudem kann er Maßnahmen einleiten, wenn er durch die KI Lücken in der Gebäudedokumentation besser erkennt. Beispielsweise ist es in einem nächsten Schritt aber schon durchaus möglich, dass die nötigen Grundbuchauszüge in regelmäßigen Abständen von der KI vollautomatisch bestellt werden. Eine lückenlose Datenlage wiederum kann bei einem Verkauf zu einer höheren Transaktionsgeschwindigkeit und oftmals auch zu besseren Kaufpreisniveaus führen, weil der Käufer keine versteckten Mängel befürchten muss.

Digitaler Zwilling

Die oben genannte Performance-Steigerung dürfte – zumindest im größeren Stil – erst in einem noch späteren Reifegrad erreicht werden: Wenn die schon lange diskutierten digitalen Zwillinge endlich auf breiter Front Realität werden. Diese ziehen sich automatisch sämtliche Daten aus dem Gebäude und aus dem Asset-Management, die sie für einen Abgleich der Soll- und Ist-Werte brauchen. Das können ökonomische oder rechtliche Daten sein, aber auch ökologische oder nutzerbezogene. Nicht nur die Performance, auch die Nachhaltigkeit wird verbessert – indem die Informationen beider Ebenen in eine permanente automatische Überprüfung fließen. Die Herausforderung dabei ist die Verknüpfung verschiedener Systeme mit oder ohne KI, was gegenwärtig nur eingeschränkt machbar ist. Letztlich funktioniert ein vollkommener digitaler Zwilling nur dann, wenn Asset-, Property-, und Facility-Manager die für sie wichtigen Informationen aus einem gut miteinander verknüpften digitalen Ökosystem sowohl einspielen als auch ziehen können. Mit anderen Worten: Mensch und KI müssen in der Immobilienwirtschaft noch mehr zusammenfinden.

Autorin: Inga Kühn, Geschäftsführerin der Berem Property Management GmbH und Leiterin Business Transformation bei Beos.

06.01.2021