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Interview: Job-Wechsel in Krisenzeiten?

Schockstarre oder Einstellung neuer Mitarbeiter? Inga Beyler und Thomas Flohr, Managing Partner, Bernd Heuer Karriere, berichten von rekrutierungsfreudigen Branchen und geben Bewerbern Tipps.

Beyler-Flohr
Inga Beyler und Thomas Flohr (Bild: Bernd Heuer Karriere)

Würden Sie jemandem, der mit seiner Tätigkeit nicht zufrieden ist, zurzeit zu einem Jobwechsel raten?

Inga Beyler: Die Unternehmen, die jetzt neue Mitarbeiter einstellen, haben eine Strategie und eine Bewertung für die Krise vorgenommen. Sie haben in aller Regel bewusst die Entscheidung für die Besetzung einer Position getroffen. Im Umkehrschluss gilt es für Kandidaten zu prüfen, ob der aktuelle Arbeitgeber auch schon eine Strategie für die Krise entwickelt hat und wie sicher der Arbeitsplatz wirklich noch ist. Zudem sind viele Arbeitgeber momentan bereit, auf Probezeiten zu verzichten. Das gibt den Kandidaten eine zusätzliche Sicherheit.

Was raten Sie Unternehmen, die jetzt aus Kostengründen ihren Mitarbeiterstab überprüfen?

Thomas Flohr: Kurzarbeit ist momentan das Mittel der Wahl. Denn es wird schwierig werden, nach der Corona-Krise wieder gutes Personal zu finden. Diese Erkenntnis hat sich nach der Finanzkrise 2008 durchgesetzt, und wir haben keinen einzigen Mandanten, der im großen Stil Stellen abbaut.

Wer sind die Unternehmen, die zurzeit neue Mitarbeiter einstellen?

Thomas Flohr: Zum Beispiel große Wohnungsunternehmen, die ja weiterhin mit ihren Beständen arbeiten müssen, aber auch Bestandshalter mit Nahversorgern als Mieter oder Handelsunternehmen aus dem Nahversorgungsbereich. Zudem haben wir aber auch zwei Geschäftsführungssuchen von überregional tätigen Projektentwicklern erhalten.

Welche Unterschiede beobachten Sie zwischen den Branchen?

Inga Beyler: Die professionelle Gewerbeimmobilienbranche steckte anfangs in einer Art Schockstarre, die sich langsam löst. Viele Family Offices lassen sich aber von Corona wenig beeindrucken und wollen nun richtig Gas geben. Der Grund ist sicherlich, dass es am Aktienmarkt zurzeit sehr turbulent ist und das Vermögen noch stärker in Immobilien investiert werden soll. Dafür benötigen sie Spezialisten.

Große Beraterhäuser wie JLL und CBRE senken die Vergütungen ihrer Führungskräfte. Werden solche Maßnahmen zu einer verstärkten Mitarbeiterfluktuation führen?

Inga Beyler: Das kann nicht pauschal beantwortet werden. So wie ich es verstanden habe, sind es bei den genannten Beratungshäusern verstärkt freiwillige Gehaltskürzungen auf oberster Managementebene, die die finanziellen Folgen von Corona abfedern sollen. Darüber hinaus sind aber sicher die meisten Unternehmen gut damit beraten, umsichtig mit ihrer Liquidität umzugehen. Mein Eindruck ist, dass diese finanziellen Einschnitte überwiegend von Führungskräften
und Mitarbeitern verstanden und mitgetragen werden.

In welchen Tätigkeitsbereichen erwarten Sie nach dem Abflauen der Pandemie eine verstärkte Nachfrage nach Fachleuten?

Thomas Flohr: In fast allen Bereichen. Die Immobilienbranche kommt ja nicht aus einer Phase der Rezession, sondern aus einem heiß gelaufenen Markt. Die begonnenen Projekte müssen fortgesetzt werden. Ich erwarte, dass es nach einem Stopp wieder ähnlich dynamisch weitergeht. Was allerdings von Mieterseite auf die Branche zukommt, kann ich schwer einschätzen.

Das Gespräch führte Roswitha Loibl.

20.05.2020