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Immobilienbranche auf der Hannover Messe: auffällig unauffällig

Auf der Weltleitmesse für Innovation werden spannende Trends gezeigt – die Immobilienbranche aber findet nicht statt. Kein gutes Zeichen und ein großer Fehler, findet Sarah Schlesinger.

Weltweit ist die Hannover Messe die Leitmesse für Innovationen – die Immobilienwirtschaft findet doch nicht statt (Foto: Hannover Messe)
Weltweit ist die Hannover Messe die Leitmesse für Innovationen – die Immobilienwirtschaft findet doch nicht statt (Foto: Hannover Messe)

Unternehmenslenker und Entscheider quer durch alle Branchen sind mit den Herausforderungen des immer schnelleren digitalen Wandels konfrontiert. Neue Technologien beeinflussen die Lebens- und Arbeitswelt maßgeblich und führen dazu, dass sich Unternehmen nicht nur mit Fragen nach reinen Effizienzsteigerungen durch Digitalisierung, sondern zunehmend auch mit der eigenen Positionierung und nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit auseinandersetzen müssen. Zur erfolgreichen Planung und Umsetzung der eigenen Transformation sind eine funktionierende Innovationskultur, kontinuierliches Innovationsmanagement und die stete Beobachtung wichtigster Technologietrends entscheidend.

Eine branchenübergreifende Plattform für Innovationen und Schlüsseltechnologien bietet regelmäßig die Hannover Messe. Während spezifische Messen wie die ISH in Frankfurt oder die BAU und BAUMA in München stark fokussiert Trends in einzelnen Segmenten des Immobilienlebenszyklus vorführen, bietet die Hannover Messe als industrieübergreifende Ausstellung einen Blick über den Tellerrand.

Sarah Schlesinger ist Managing Director beim Blackprint Proptech Booster (Foto: Blackprint Booster)
Sarah Schlesinger ist Managing Director beim Blackprint Proptech Booster (Foto: Blackprint Booster)

Gerade für die Immobilienbranche, die in Sachen Innovation nicht gerade ein First Mover ist, sind solche Impulse besonders interessant. Insofern ist die Messe für die Entscheider unserer Branche, die sich mit der Zukunft ihrer Unternehmen und der Immobilienwirtschaft beschäftigen, ein Muss. Und genau deshalb gehört beim blackprint PropTech Booster der Messebesuch fest zum Programm.

Zu den wichtigsten Trends, die wir in diesem Jahr beobachtet haben, zählen:

  • Industrie 4.0 und Internet der Dinge: Moderne Kommunikationstechnik macht es möglich: Durch die Integration intelligenter Maschinen in ihre Produktionsprozesse können Unternehmen viel Zeit und Geld sparen. Denn die Maschinen senden zum Beispiel selbstständig Meldungen an ein Instandhaltungssystem, sobald Einzelteile vorsorglich ausgetauscht werden müssen. Basis solcher Smart Factories ist das Internet der Dinge (Internet of Things, kurz IoT). Dadurch werden verschiedene Gegenstände und somit auch sämtliche Produktions- und Logistikprozesse miteinander verknüpft. Durch den ständigen Austausch von Daten können Unternehmen effektiver und effizienter produzieren.
  • Künstliche Intelligenz: Der Begriff beschreibt Technologien, die aufgrund von Algorithmen Daten zusammenführen, anhand von Mustern erkennen und auswerten und auf der Basis Vorhersagen treffen oder Handlungen einleiten. Sowohl mit Blick auf die auswertbaren Daten (Bilder, Texte, Sprache, Töne) als auch auf die Anwendungsfälle von künstlicher Intelligenz (Sprachassistenten, Roboter, autonome Fahrzeuge) bestehen quasi keine Grenzen.
  • 5G: Schnelles Internet ist künftig noch stärker als bislang entscheidend für den Erfolg von Unternehmen, denn die Netzauslastung wird durch den wachsenden Einsatz von miteinander kommunizierenden Maschinen deutlich ansteigen. Durch den neuen Mobilfunkstandard 5G sollen sich 100 Mal höhere Datenraten bei 1.000-fach höherer Kapazität und gleichzeitig bedeutend niedrigerem Energieverbrauch erzielen lassen als mit dem LTE-Standard. Genau das wird künftig auch notwendig sein. Denn wenn sich etwa in einer Smart Factory Maschinen selbst steuern sollen, ist eine hohe Geschwindigkeit der Informationsvermittlung unverzichtbar.
  • Cobots: Die so genannten kollaborativen Roboter (Collaborative Robots, kurz Cobots) führen nicht mehr nur noch automatisch Prozesse aus, sondern arbeiten unmittelbar mit Menschen zusammen. Durch eingebaute Sensoren registrieren sie Bewegungen und reagieren auf Menschen. Diesen nehmen sie monotone und körperlich anstrengende Tätigkeiten ab – die Menschen können sich so auf komplexe und anspruchsvolle Aufgaben konzentrieren.
  • Plattformökonomie: Plattformen gewinnen zunehmend an Relevanz und Schlagkraft. Sie bündeln eine große Anzahl verschiedener Angebote und führen Kunden und Anbieter gezielt zusammen. Beispiele für mächtige Plattformen sind Apples Appstore, Amazon und Google. Letztere sind bereits mit ersten Aktivitäten in der Immobilienbranche tätig. Für Anbieter ist die Nutzung von Plattformen eine enorme Entlastung – sowohl hinsichtlich zeitlichem als auch finanziellem Aufwand –, denn sie profitieren von bestehenden, voll entwickelten Infrastrukturen, die sie nicht selbst warten müssen. Gleichzeitig wächst der Innovationsdruck, denn die Angebote der Konkurrenz sind für die Kunden jederzeit transparent, vergleichbar und nur einen Klick entfernt. Auch für die produzierende Industrie werden Geschäftsplattformen immer interessanter. Unternehmen müssen sich vor diesem Hintergrund fragen, ob es sich für sie lohnt, mit Partnern selbst neue Plattformen zu entwickeln oder bereits bestehende für ihre Zwecke zu nutzen.

Immobilienunternehmen als Zielgruppe nicht im Blick
Anwendungsfälle dieser Trends für die Immobilienbranche gäbe es unzählige. Auffällig beim Messerundgang: Keines der ausstellenden Innovations- oder Tech-Unternehmen, mit denen wir gesprochen haben, hat die Immobilienbranche oder Anwendungsfälle im Immobilienlebenszyklus allerdings aktuell im Blick. Anders formuliert: Die Immobilienbranche war auf der Hannover Messe 2019 nicht präsent. Und das, obwohl alle Branchen, die hier von Relevanz waren, eine starke Schnittstelle zur Immobilienwirtschaft haben. Denn ihr Business findet in Immobilien statt.

Egal ob Konzernzentrale, Produktionsstätte oder Servicecenter, ob Einzelhandel, Gesundheitswesen oder Hotelbetrieb: Alles bedarf einer Gebäudehülle mit funktionierender Infrastruktur. Entsprechend haben auch alle Branchen Vorteile von intelligenter werdenden Immobilien, effizienteren Bauabläufen, günstigeren Produktionskosten, smarter Instandhaltung und flexibleren Nutzungskonzepten, die sich im permanenten Changeprozess agil anpassen lassen.

Auf der Gewissheit ihrer gesamtwirtschaftlichen Bedeutung darf sich die Immobilienbranche allerdings nicht ausruhen. Es muss vielmehr ihr Anspruch sein, die eigene Transformation und damit die Zukunft der gesamten Industrie mitzugestalten. Entscheidend dafür ist die Bereitschaft, sich dem Wandel zu öffnen und sich proaktiv mit Anbietern neuer Technologien auszutauschen und zusammenzuschließen. Abwarten ist nicht der richtige Ansatz. Das hat die Hannover Messe deutlich gezeigt. Ja – Dinge auszuprobieren, kostet Zeit und Geld. Fehler passieren. Aber all das ist besser als am Ende festzustellen, dass die Immobilienbranche in der neuen Welt keine Rolle spielt.

Autorin: Sarah Schlesinger ist Managing Director beim blackprint PropTech Booster.

26.04.2019