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Im Kreislauf bleiben

Adidas stellt Sportschuhe aus Plastikmüll her. Bei Immobilien dagegen sieht es ganz anders aus: Material vom Bau wird zu selten wiederverwendet. Aber es tut sich etwas.

feuerwehrhaus
Nichts geht in den Müll: Das Feuerwehrhaus in der badischen Gemeinde Straubenhardt, das Wulf Architekten entworfen hat, wird nach dem Prinzip Cradle-to-Cradle errichtet. (Bild: Wulf Architekten)

Rund 58 Millionen Tonnen Bauschutt fielen in Deutschland im Jahr 2016 an. Immerhin fast 78 Prozent davon konnten recycelt werden, so die Zahlen der Initiative „Kreislaufwirtschaft Bau“. Aber was bedeutet das? In der Regel Downcycling – also Verwendung im Straßenbau und Erdbau. Aber dass die Reste aus dem Hochbau auch wieder im Hochbau eingesetzt werden, ist die Ausnahme, wie sich aus einem Monitoring-Bericht der Bauwirtschaft ableiten lässt, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Ein großes Pilotprojekt läuft zurzeit in München: Auf dem 48 Hektar großen Gelände der ehemaligen Bayernkaserne, die in ein Wohngebiet verwandelt wird. Von 1,2 Millionen Tonnen Abbruchmaterial werden rund 600.000 Tonnen an Ort und Stelle recycelt. Allerdings soll es auch dort nur zu einem Drittel in den Hochbau gehen, ein weiteres Drittel geht in den Straßenbau, ein Drittel wird Pflanzenerde. Aber allein daraus, dass der Schutt an Ort und Stelle recycelt wird, erwächst ein ökologischer Vorteil. 3,2 Millionen Kilometer Transportwege werden eingespart, was umgerechnet heißt: 80 Mal um die Welt. Die Beteiligten erwarten eine Einsparung von zehn Millionen Euro an Baukosten.
Die „meisten Planer und Architekten ziehen den Einsatz von Recycling- Material nicht in Erwägung“, heißt es in der Publikation „Rückbau im Hochbau“ des VDI aus dem Jahr 2019. Ein wichtiges Stichwort dabei ist Urban Mining. 15 Milliarden Tonnen Baumaterial stecken in den Wohn- und Nichtwohngebäuden Deutschlands. Das gilt es zu nutzen, schließlich sind Rohstoffe wie Sand knapp, und zudem droht in wenigen Jahren ein Deponieproblem.
„Die EU beabsichtigt, bis 2030 viele der bestehenden Deponien zu schließen“, unterstreicht Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung bei der DGNB. Wie dramatisch das werden kann, war im Jahr 2016 zu erleben, als normale Müllverbrennungsanlagen zeitweise kein Polystyrol mehr akzeptierten. Die Abfälle türmten sich, die Preise für die Entsorgung stiegen.

Sparpotenziale durch Wiederverwendung
Wenn in ein neues Gebäude bereits gebrauchte Wände und Deckenplatten eingesetzt werden, lässt sich viel Energie einsparen: Für die Herstellung einer Tonne Fertigbeton wird eine Energiemenge verbraucht, die 72 Litern Heizöl entspricht; für Bereitstellung gebrauchter Elemente sind pro Tonne Betonfertigteil nur umgerechnet 3,7 Liter Heizöl nötig. Die Einsparung beträgt also 95 Prozent.
Zahlen von Professor Dr. Angelika Mettke, TU Cottbus-Senftenberg, aus „VDI ZRE Publikationen: Kurzanalyse Nr. 26 Rückbau im Hochbau“

Blei und Cadmium in Kunststofffenstern
Beim Recycling ist jedoch nicht nur das Downcycling ein Problem, sondern auch die Qualität der daraus entstandenen Produkte. Dr. Anna Braune nennt ein spannendes Beispiel: Kunststofffenster. Früher durfte für ihre Herstellung Blei und Cadmium verwendet werden, doch „das ist schon seit vielen Jahren verboten. In neuen Fenstern aus Recyclingmaterial sind diese gesundheitsschädlichen Stoffe im niedrigen Prozentbereich zu finden, weil sie Altmaterial enthalten.“ Die EU hat dafür eine Ausnahmegenehmigung erteilt. „Bei der Bewertung durch die DGNB spielt es eine Rolle, dass bei recyclingfähigen Materialien keine unerwünschten Störstoffe vorhanden sind“, unterstreicht Braune.
In München und anderen Orten gehen die Kommunen als Impulsgeber voran. Würzburg weihte 2019 eine Umweltstation ein, bei der drei Viertel des verwendeten Betons Recyclingbeton waren. Und die badische Gemeinde Straubenhardt lässt ihr neues Feuerwehrhaus nach dem Prinzip Cradle-to-Cradle (C2C) errichten, bei dem die Baumaterialien nach einem möglichen Abbruch komplett in ihrer ursprünglichen Form wieder verwertet werden können.
Aber auch immer mehr Projektentwickler – wie Interboden, Cree by Zech, Edge und Kölbl Kruse – orientieren sich bei ihren Gebäuden am C2C-Prinzip. Jüngste Beispiele sind die Landmarken AG in der Hamburger Hafencity und Becken Development in München-Sendling. Dort entwickelt das Unternehmen ein Bürogebäude mit 20.000 Quadratmetern Fläche. „Wir binden von vorneherein C2C-Fachplaner ein und verpflichten alle Planer – auch für Haustechnik oder Tragwerk – die bestmöglichen wiederverwendbaren Bauteile vorzusehen“, schildert Joachim Schmidt-Mertens, Geschäftsführer von
Becken Development.

Besser Systemtrennwände als solche aus Gipskarton
Als ein Beispiel nennt er die Innenwände: „Gipskartonwände können nicht wiederverwendet werden, sondern gehen in die Verbrennung. Systemtrennwände dagegen können ausgebaut und eins zu eins wieder eingebaut werden.“ Darüber hinaus achtet Schmidt-Mertens darauf, aus welchem Material diese Trennwände hergestellt sind: „Keine schadstoffhaltige Beschichtung, am besten unbehandeltes Holz beziehungsweise unschädliche, umweltverträgliche und vor allem auch gesunde Oberflächenbehandlungen der Baumaterialien.“ Oder warum müssen Wasserleitungen aus Verbundwerkstoffen sein? Metallleitungen seien die bessere Alternative.
Schmidt-Mertens denkt auch über das Prinzip „Weglassen“ nach. „Wenn man den Putz weglässt, fällt auch der mineralische Gips weg, bei dessen Herstellung CO2 entsteht und der beim Abbruch den Beton verunreinigt.“ Er räumt allerdings für das C2C-Prinzip auch ein: „Planung und Ausführung kosten mehr.“ Aber „die Käufer und Mieter von höherwertigen Büro- und Wohnimmobilien sind durchaus bereit, entsprechend höhere Preise zu zahlen. Im günstigen Wohnungsbau ist es dagegen sehr schwierig.“
Auch regional tätige Projektentwickler setzen Zeichen. So verwendet die Schwaiger Group aus München überall dort Recyclingbeton, wo er statisch zulässig ist – auch wenn dadurch eine Wand zwei Zentimeter dicker werden muss. Auch an anderen Stellen schaut man genau hin: „Wir decken alle Leistungsphasen schon von der Planung an selbst ab und holen gleich zu Beginn auch die Hersteller an Bord“, berichtet Firmenchef Michael Schwaiger. Er setzt nur Materialien von Herstellern ein, die einen Nachweis für Herkunft, Nachhaltigkeit und hohen Anteil an Recyclingstoffen erbringen können.
Bei der Fassadendämmung sieht das beispielsweise so aus: Das Dämmmaterial besteht zu 30 Prozent aus recycelten Stoffen. Um den Abfall sortenrein zur Wiederverwertung zu bekommen, stellt der Dämmstoff-Hersteller eigene Sammelbehälter für die Verschnitte auf und holt sie auch selbst ab. Aber auch die Verarbeitung ist wichtig: „Die Abdichtung von Flachdächern machen bei uns nur geschulte und zertifizierte Fachleute, und auch ein eigener Verarbeitungstechniker des Herstellers ist vor Ort“, schildert Schwaiger. Das belohnt der Hersteller mit einer Garantie von 25 Jahren auf die fertige Abdichtung.
Auf diesem Wege erfüllt Schwaiger auch die Recycling-Vorgaben des LEED-Labels. Auf die Zertifizierung setzt er, obwohl „die Herstellungskosten dadurch um 20 bis 40 Prozent höher liegen“. Investoren – auch die auf Nachhaltigkeit bedachten Fonds – seien aber noch nicht bereit, entsprechend höhere Preise zu bezahlen. Wodurch sich der Firmenchef jedoch nicht beirren lässt: „Wir sind auch Bestandshalter und bearbeiten jedes Objekt so, als würden wir es auf die eigenen Bücher nehmen.“
Im Zertifizierungssystem der DGNB ist die Circular Economy eines der sechs Kernthemen. Zudem „gibt es Bonuspunkte, wenn beispielsweise in Herstellererklärungen Rücknahmeverpflichtungen enthalten sind“, erläutert Dr. Anna Braune. Mit ihrem Leitfaden zur Circular Economy hat die DGNB im vergangenen Jahr einen Werkzeugkasten für Planer und Entwickler vorgelegt.
Ein Fallstrick beim Recycling ist die Gesetzeslage: Was ist (gesundheitsschädlicher) Abfall, was ist Bauprodukt? Die Publikation des VDI weist darauf hin, dass diese Unterscheidung nicht klar geregelt ist. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz und das Baurecht enthielten dazu keine aufeinander abgestimmten Vorgaben.
Der Gesetzgeber könnte auch anderweitig aktiv werden und sich an den schweizer Nachbarn orientieren. Bei zahlreichen öffentlichen Bauten kann die Stadt Zürich Anteile von bis zu 95 Prozent Recyclingbeton vorweisen. Das städtische Amt für Hochbauten fordert bei der Ausschreibung von Neubauprojekten explizit den Einsatz dieses recycelten Baustoffs. Deutschland ist noch nicht so weit. Michael Schwaiger moniert: Die öffentliche Hand vermittle den Eindruck, dass die Wiederverwendung von Bauschutt im Sinne einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft weder erwünscht noch sinnvoll sei. „Dabei gibt es eigentlich ein Kreislaufwirtschaftsgesetz, das sie dazu verpflichtet.“

Dieser Artikel stammt aus der immobilienmanager Ausgabe 4-2020 (Autorin: Roswitha Loibl).

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20.04.2020