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Höher, professioneller, strategischer

Proptech-Unternehmer haben inzwischen Erfahrungen gesammelt. Dadurch werden sie für Finanzierer immer attraktiver.

Die „Digital Top 10“ zeigen Best Practice-Beispiele der Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft, die bereits umgesetzt wurden (Foto: Jakob Owens/unsplash.com)
Drei Trends im Bereich der Proptech-Szene in Deutschland sind derzeit auszumachen (Foto: Jakob Owens/unsplash.com)

Das Jahr 2019 war erst zwei Wochen alt, da wurde bereits die erste große Proptech-Finanzierungsrunde in Deutschland bekanntgeben: Das Start-up Sensorberg aus Berlin, das sich auf Lösungen im Bereich Internet of Things spezialisiert hat, sammelte einen mittleren siebenstelligen Betrag ein. Als neue Gesellschafter stiegen Signa Innovations, Bauwens digital und Surplus Invest ein.

Diese Finanzierungsrunde ist zum einen ein Indikator dafür, dass der Proptech-Markt weiter wächst und professioneller wird – sowohl was einzelne Unternehmen angeht als auch die Finanzierungen. Zum anderen ist die Runde ein gutes
Beispiel für drei Trends, die vergangenes Jahr in der D-A-CH-Region beobachtet werden konnten und die einen Ausblick auf das Jahr 2019 geben:

Trend 1: Der Finanzierungsmarkt wächst kontinuierlich
Dafür gibt es mehrere Gründe. In den vergangenen Jahren sind nach und nach immer mehr Akteure auf den Plan getreten. So beteiligen sich mittlerweile Business-Angels mit Fokus auf sehr frühe Phasen, Inkubatoren, Acceleratoren, professionelle Venture-Capital-Investoren (VCs) und Strategen an Proptechs. Gleichzeitig ist das Gesamtvolumen der Finanzierungen gestiegen. In den vergangenen drei Jahren lag es stets über der 100-Millionen-Marke – im Schnitt bei
rund 212 Millionen Euro. Die Möglichkeiten, im Proptech-Bereich eine Finanzierung durchzuführen, werden immer umfangreicher. In der Folge hat sich die Zeit, die von der Gründung neuer Proptechs bis zur ersten großen Finanzierungsrunde vergeht, seit 2013 von durchschnittlich 2,4 Jahren auf etwa ein Jahr nahezu halbiert.

Viele der heute relevanten Proptechs waren schon am Markt, bevor dieses Segment durch rein auf Proptechs spezialisierte Venture-Capital-Fonds und eine vermehrte Finanzierungsaktivität innerhalb der Immobilienbranche in den Fokus rückte. Und dennoch ist ein Kreislauf entstanden, der sich selbst verstärkt: Zunehmend erfahrene Gründer ziehen mehr Investoren an, und ein wachsender Finanzierungsmarkt macht das Proptech-Segment für immer mehr Gründer attraktiv.

Trend 2: Der Finanzierungsmarkt wird immer professioneller
Im Jahr 2018 gab es im deutschsprachigen Proptech-Segment mehr Investments im siebenstelligen Bereich durch VC-Fonds als je zuvor. Im Vergleich zu 2017 wuchs die Anzahl um 25 Prozent auf insgesamt 79 Investments. Getrieben wird diese Entwicklung auch dadurch, dass immer mehr spezialisierte Fonds mit reinem Proptech-Fokus wie Proptech1,
Bitstone Capital oder Loric Ventures in den Markt eintreten. Noch sind allerdings die klassischen Fonds ohne spezifischen Industriefokus am aktivsten. Rund zwei Drittel der insgesamt 71 in der deutschsprachigen Proptech-Szene aktiven VCs haben auch ihren Sitz in der D-A-CH-Region. Ausnahmen sind DN Capital aus dem Vereinigten Königreich
oder 500 Start-ups mit Sitz in den USA, der sich unter anderem an Service Partner One beteiligt hat.

Die aktivsten VC-Fonds im Proptech-Segment und die Anzahl ihrer Investitionen*:

  1. Holtzbrinck Ventures – 17 Investitionen
    (unter anderem in Exporo, Lamudi, Thermondo)

    Investitionsbank Berlin – 17 Investitionen
    (unter anderem in Kiwi.Ki, Planradar, Realbest)

  2. High-Tech Gründerfonds – 15 Investitionen
    (unter anderem in BlueID, Casavi, Inreal Technologies)

  3. Global Founders Fund – 11 Investitionen
    (unter anderem in Hausgold, Hometogo, Store2Be)

  4. Rocket Internet – 10 Investitionen
    (unter anderem in Hausgold, Nestpick, Thermondo)

  5. DN Capital – 10 Investitionen
    (unter anderem in Bonify, Hometogo, Move24)

    Earlybird Venture Capital – 10 Investitionen
    (unter anderem in Allthings, McMakler, Service Partner One)

*Erhebung des Blackprint Proptech Boosters

Ein Blick auf die beispielhaft ausgewählten Investmenttätigkeiten der aktivsten Fonds zeigt: VCs investieren im Proptech-Bereich besonders stark in Geschäftsmodelle der Kategorie „Vermitteln“. Insgesamt 29 Prozent der Proptechs sind in diesem Bereich aktiv. Seit dem Jahr 2001 flossen 41 Prozent aller Finanzierungen über eine Million Euro in die Kategorie. Dies liegt unter anderem an den Anforderungen hinsichtlich der – auch internationalen – Skalierbarkeit, Rendite und Exit-Perspektiven, die VCs an Unternehmen stellen. Besonders wenig investieren VCs im Proptech-Segment hingegen bislang in künstliche Intelligenz (KI). Dieser Bereich ist zum einen insgesamt betrachtet noch sehr klein und wenig fortgeschritten. Zum anderen suchen auf KI spezialisierte Proptechs ihrerseits vor allem nach strategischen Investoren. Das begünstigt den dritten Trend.

Trend 3: Strategische Investments spielen eine
immer größere Rolle
Im Gegensatz zu VCs sind Rendite- und insbesondere Exit-Potenzial für Strategen von nachrangiger Bedeutung. Ausschlaggebend sind für sie vor allem der Technologie- und Innovationstransfer in die eigene Organisation, die Erschließung von weiteren Kundengruppen oder die Akquise von komplementären Geschäftsmodellen. Für junge
Tech-Unternehmen sind strategische Investments – insbesondere in eher geschlossenen Branchen wie der Immobilienwirtschaft – besonders bedeutend und aussichtsreich. Denn sie bringen Vorteile mit sich, die sich Gründer mit VC-Geld nicht kaufen können.

Dies zeigt sich im Bereich künstliche Intelligenz sehr deutlich. Hier wird jedes dritte Investment von einem Strategen getätigt. Proptechs wie 21st Real Estate, an dem sich die Berlin Hyp beteiligt hat, Architrave, bei dem die Dekabank eingestiegen ist, Evana, in das Patrizia investiert hat, oder VRnow, an dem sich Deutsche Wohnen beteiligt hat, kaufen sich dadurch nicht nur prominente Referenzen, sondern insbesondere auch den Zugang zu immensen Datenpools
ein. Auf dieser Basis können die Tech-Unternehmen ihre Technologien enorm verbessern. Denn Algorithmen arbeiten umso genauer und zuverlässiger, je größer die Datenmenge ist, die ihnen zugrunde liegt. Das Prinzip zeigte ein Forschungspapier von Michele Banko und Eric Brill bereits im Jahr 2001 anhand von Natural Language Processing
auf: Demnach steigt die Genauigkeit der maschinellen Verarbeitung von natürlicher Sprache durch die Vervielfältigung der Datenmenge um den Faktor 1000 von 75 auf nahezu 99 Prozent. Allein durch die Kundenakquise auf dem freien Markt würde das Sammeln einer solchen Datenmenge deutlich länger dauern.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Printausgabe von immobilienmanager (1/2-2019).
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Sowohl die Strategen als auch die KI-Proptechs können also enorm von einer Zusammenarbeit profitieren. Insgesamt investieren Strategen nach wie vor aber am stärksten im Bereich „Planen & Bauen“ – jede dritte Investition wird in dieser Kategorie getätigt. Ein Beispiel ist das Investment von Nemetschek Allplan in die Prozessmanagement-Plattform Sablono. Dadurch soll gezielt das Produktportfolio von Nemetschek, einem Software-Anbieter für Architekten, Ingenieure und die Bauindustrie, erweitert werden.

Auch wenn das Jahr 2019 noch jung ist: Die Weichen für ein weiteres Wachstum und eine voranschreitende Professionalisierung sind gestellt. Insbesondere die VCs haben noch viel Kapital zu vergeben. Mit zunehmender Offenheit der Branche gegenüber digitalen Geschäftsmodellen und immer mehr Teilbereichen, die durch Proptechs besetzt werden, gibt es aber auch für andere Finanzierer zahlreiche attraktive Optionen. Mit Spannung abzuwarten bleibt, ob wir in diesem Jahr auch erste Exits im großen Stil sehen dürfen. Das Potenzial ist da.

Autor: Jakob Schulz ist Senior Program Manager beim europäischen Proptech-Accelerator Blackprint Proptech Booster.

01.03.2019