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Geisterstädte statt pulsierender Urbanität?

Was wir aus der Corona-Krise für die Stadtentwicklung lernen. Ein Beitrag von Gregor Gassl, Leiter Blue City Development bei Drees & Sommer, für die aktuelle immobilienmanager-Ausgabe.

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Um Städte fit für die Zukunft zu machen, gilt es verschiedene Bereiche wie Wohnen, Büro, Retail, Gastronomie und Freizeit digital miteinander zu vernetzten und ihre Wechselwirkungen positiv zu nutzen. Wie das geht, macht das Quartier Heidestraße in Berlin vor. (Bild: Quartier Heidestraße GmbH)

Das alltägliche Leben, die Arbeitsweise und das Mobilitätsverhalten der Menschen haben sich durch die Ausbreitung des Corona-Virus innerhalb weniger Wochen grundlegend verändert. Nicht nur das Gesundheits- und Wirtschaftssystem muss damit zurechtkommen und neue Lösungswege aus der Krisensituation finden. Auch Städte und Kommunen stellen diese Entwicklungen vor bisher unbekannte Herausforderungen. Was bedeutet das für die Städte der Zukunft und welche Erkenntnisse und Chancen ergeben sich dadurch für die moderne Stadtentwicklung?
Leere Einkaufsmeilen, verlassene Spielplätze, geschlossene Theater und Cafés – all das entspricht nicht dem Bild einer Stadt, in der das Leben pulsiert. Doch genau mit diesen Bildern sahen wir uns infolge des Corona-Virus bundes- und weltweit konfrontiert. Die Auswirkungen auf Städte und Kommunen reichen dabei vom Einbruch der Einnahmen über den Stillstand der Stadtentwicklungsprojekte bis hin zum Imageverlust. Von der einstigen urbanen Vitalität ist die „neue Normalität“ weit entfernt.

Doch auch wenn das urbane Leben aktuell in der Krise steckt, werden sich unsere Metropolen nicht in Geisterstädte verwandeln. Denn neben vielen negativen Folgen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Beschränkungen, zeigen sich auch einige positive Nebeneffekte. Die täglichen Staus, der Feinstaub, der CO2-Ausstoß und der Lärmpegel sind in den Städten deutlich gesunken. Das Klima sowie die Tier- und Pflanzenwelt profitieren davon. Und viel wichtiger: Menschen wird bewusst, wie wertvoll gut funktionierende städtische Strukturen und urbane Konzepte für das tägliche Leben und das Gemeinwohl sind. Daraus folgt die Erkenntnis: Weniger kann auch mehr sein.
Vor diesem Hintergrund sollten Städte und Kommunen die aktuelle Atempause dafür nutzen, um darüber nachzudenken und zu analysieren, was funktioniert gut und was nicht? Wie kann zum Beispiel die Infrastruktur einer Stadt verbessert werden? Welche Optimierungspotenziale gibt es bei der Gestaltung von öffentlichen Plätzen? Und wie sieht es in Sachen Digitalisierung in den Städten aus?

Mensch im Mittelpunkt

Auch wenn das im Augenblick noch unrealistisch erscheint, birgt die Corona-Krise für Städte und Kommunen neue Chancen. Sie können viel darüber lernen, welchen Stellenwert Themen wie Gesundheit, Klima und Digitalisierung haben. So zeigt sich zum Beispiel, dass große Einkaufszentren, die in Städten enorme Verkehrsströme erzeugen und in denen oft viele Menschen dicht aneinandergedrängt sind, nicht unbedingt von Vorteil sind. Uns wird plötzlich bewusst, wie wertvoll Parks und Grünanlagen in urbanen Räumen sind, und wie überflüssig große, gepflasterte Plätze, die meist für wenige Großevents im Jahr gedacht sind, werden können. All das könnte in Zukunft zu einer Renaissance der Innenstädte und kleinerer Zentren führen.
Ob eine große Shopping-Mall oder ein kleines Café um die Ecke: Die aktuelle Situation zeigt deutlicher denn je, wie wichtig es ist, die Menschen in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen und die städtischen Entwicklungen an ihren Bedürfnissen auszurichten. Für eine menschenorientierte Stadtentwicklung plädiert bereits seit Jahren auch der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl. Für ihn machen die Städte nicht die Gebäude oder Autos aus, sondern das Leben, das zwischen diesen stattfindet. Warum kümmern wir uns also nicht stärker um Fußgängerströme oder Fußgängerzonen, die in den Städten genügend Platz für viele Menschen bieten, statt unzählige Verkehrsanalysen durchzuführen und alle Überlegungen auf Autos, Straßen und Großevents zu konzentrieren?

Trend hin zu Smart Cities

Der Trend, der sich in naher Zukunft jedoch stärker als jeder andere durchsetzen wird, ist ganz klar die Digitalisierung. Welchen Nachholbedarf hierbei vor allem die öffentliche Hand hat, verdeutlicht das Beispiel der öffentlichen Bildungseinrichtungen. Aufgrund mangelnder digitaler Versorgung waren viele deutsche Schulen und Unis auf Online- und Fernunterrichte während der Corona-Pandemie nicht vorbereitet. Dieses und andere Beispiele wie die Corona-App zur Datenerhebung zeigen, welche Stellschrauben künftig gedreht werden sollten, damit unsere Städte den Anforderungen gerecht werden: Vom Ausbau der Glasfasernetze über digital vernetzte Gebäude bis hin zu mehr digitalen Plattformen und Apps für Einwohner, Pendler und Touristen.

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Im Forschungsvorhaben Urban Life+ erfassen Experten mittels einer GPS-unterstützten App alle städtebaulichen Objekte und entwickeln digitale Lösungen, um Stadtquartiere besser dem demografischen Wandel anzupassen und seniorenfreundlicher zu gestalten. (Bild: Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach GmbH)

Eine bessere digitale Vernetzung und verstärkter Einsatz von smarten Technologien könnten in Situationen wie der Corona-Pandemie Städten und Kommunen helfen, die notwendigen Maßnahmen schneller zu ergreifen und sie intelligent miteinander zu verbinden. Ist der Ansturm auf Lebensmittelmärkte in bestimmten Stadtteilen zu groß, könnten die Bürger zum Beispiel per App über Kapazitäten in anderen Vierteln informiert und so unnötige Menschenansammlungen und Schlangen an den Kassen vermieden werden. Digitale Zutrittskontrollen und Sensoren in Gebäuden könnten beispielsweise Auskunft darüber geben, wie viele Personen sich gleichzeitig in bestimmten Bereichen aufhalten und ob die Hygiene- und Sicherheitsanforderungen eingehalten werden. Vorzeigeprojekte für digitale Bürogebäude wie Das Cube Berlin oder The Ship in Köln beweisen, dass solche Technologien bereits heute erfolgreich funktionieren. Wie eine digitale Vernetzung am Beispiel von Stadtquartieren aussieht, verdeutlichen Projekte wie das Forschungsvorhaben Urban Life+ oder das Quartier Heidestraße in Berlin. Sensoren, Apps und andere smarte Lösungen werden hier eingesetzt, um das alltägliche Leben der Menschen zu erleichtern und es lebenswerter zu gestalten.
Noch sind solche innovativen Technologien nicht selbstverständlich, doch sie werden sich künftig immer stärker durchsetzen. Damit werden sich auch Städte immer mehr zu Smart Cities entwickeln, die mithilfe der Digitalisierung ihren Einwohnern nachhaltige und sichere Lebensräume bieten.

Gesundheit und Gemeinschaft im Fokus

Um den Städten den Weg zu Smart Cities zu ebnen, muss auch die Bau- und Immobilienwirtschaft in Sachen Digitalisierung deutlich aufholen. Denn obwohl zum Beispiel bereits seit Jahren digitale Tools und Planungsmethoden wie Building Information Modeling (BIM) zur Verfügung stehen, zögern noch viele Bauakteure, sie anzuwenden. Dabei könnten Ansätze wie City BIM helfen, unterschiedliche Szenarien in die Stadtentwicklungsprozesse virtuell einzubringen und zu testen, bevor ganze Städte oder Stadtteile gebaut werden. Auch Themen wie Gesundheit und Gemeinschaft müssen in Architektur- und Baukonzepten künftig einen höheren Stellenwert einnehmen. Gesunde Immobilien mit schadstofffreien Baumaterialien können zum Beispiel heute schon mithilfe von innovativen Konzepten wie Cradle to Cradle umgesetzt werden.
Um die durch die Corona-Krise offenbarten Schwächen und Potenziale positiv zu nutzen, sind aber vor allem die städtischen Verwaltungen und die kommunale Politik gefragt. Denn sie haben klar bewiesen, wie schnell und effizient sie – wenn es darauf ankommt – agieren und die notwendigen Maßnahmen umsetzen können. Diese Denkund Arbeitsweise gilt es zu behalten und anzuwenden, wenn es um die künftige Stadtentwicklung geht. Denn nur so schaffen wir es, unsere Städte zu modernen, smarten und nachhaltigen Lebensorten zu gestalten, in denen jeder Mensch sich wohl und sicher fühlt.

Dieser Artikel stammt aus der immobilienmanager Ausgabe 6-2020 (Autor: Gregor Grassl, Leiter Blue City Development der Drees & Sommer SE).

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19.06.2020