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„Für 2030 bin ich optimistisch“

Christopher Feliks, Geschäftsführer von Westbridge Advisory, spricht im Interview über die CO2-Optimierung von Immobiilenbeständen. Er sagt: „Es braucht dringend eine gesetzliche Grundlage für den Datenaustausch.“

Christopher Feliks:
Christopher Feliks: "Es muss noch sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet werden" (Foto: Westbridge Advisory)

Wenn es um die Frage geht, mit welchen Maßnahmen und Konzepten Immobilienunternehmen ihre Bestände nachhaltiger machen können, herrschen häufig große Unsicherheit und eine gewisse Orientierungslosigkeit. Teilen Sie diese Einschätzung?

Christopher Feliks: Das nehmen wir ebenfalls so wahr, und es muss noch sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Allerdings muss man auch sagen, dass ESG noch vor zwei Jahren in den meisten Unternehmen ein stiefmütterlich behandeltes Thema gewesen ist. Heute treiben die Vorstände und Geschäftsführer das Nachhaltigkeitsengagement
aktiv voran, und immer häufiger gibt es feste ESG-Teams, die direkt an die höchste Führungsebene berichten.

Wie gehen Sie vor bei der Optimierung von Portfolios?

Christopher Feliks: Es geht zunächst einmal darum, eine Datenbasis zu schaffen, an der eine Investmentgesellschaft ihre Nachhaltigkeitsmaßnahmen ausrichten kann. Welche Daten habe ich, wie liegen sie vor, wie kann ich sie verarbeiten und was mache ich mit den Daten? Weil die benötigten Daten fast nie zentral vorliegen, ist für uns meist der erste Schritt, die Rohdaten bei diversen Dienstleistern einzusammeln und zu organisieren.

Fehlende Daten sind also das Hauptproblem?

Christopher Feliks: Erst braucht es eine organisierte Datenbasis, dann kann man sinnvolle Maßnahmen identifizieren und umsetzen. Moderne Gebäude verfügen durchaus über viel Technik, mit der die notwendigen Daten erfasst werden. Es fehlt bei vielen dieser Systeme jedoch ein offener Kommunikationsstandard für eine Weiterverarbeitung. Über diesen können spartenübergreifend Daten zusammengeführt werden, etwa die Verbräuche von Strom, Wärme, Wasser und Gas.

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Ein Knackpunkt ist auch das Investoren-Nutzer-Dilemma. Hier gelten grüne Mietverträge als wichtige Stellschraube und möglicher Ausweg. Wann werden sie Standard?

Christopher Feliks: Seit sicherlich zehn Jahren sind grüne Mietverträge im Gespräch, und sie sind in der Tat sehr wichtig. Das Problem sind jedoch große Vorbehalte der Mieter gegenüber ihren Mitwirkungspflichten. Deshalb braucht es dringend eine gesetzliche Grundlage für den Datenaustausch. Aktuell haben Eigentümer meist keinen Zugriff auf die Gesamtverbrauchswerte ihrer Immobilien. Die Mieter gehen selbstständig Vertragsverhältnisse mit einem Stromanbieter ein. Um sinnvoll Maßnahmen ableiten zu können, bedarf es jedoch der Daten des IST-Zustands – wenigstens aggregiert für das gesamte Gebäude.

Bis 2030 hat die Bundesregierung für den Gebäudesektor CO2-Einsparungen von 67 Prozent gegenüber 1990 vorgegeben. Sehen Sie uns auf dem Weg, dieses Ziel zu erreichen?

Christopher Feliks: Für 2030 bin ich absolut optimistisch, weil sich dieses Ziel über „Quick Wins“ wie etwa qualitativ hochwertigen Herkunftsnachweisen gut erreichen lässt. Allerdings glaube ich nicht, dass es uns gelingt, den Gebäudebestand auf dem europäischen Kontinent bis 2050 komplett CO2-neutral zu stellen.

Das Gespräch führte Markus Gerharz.

Video: Christopher Feliks im Interview über die Messbarkeit von ESG-Kriterien.

02.10.2020