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Facebooks Libra-Währung: Ein Gedankenexperiment

Welche Folgen hätte die Einführung von Facebooks Kryptowährung für die Immobilienwirtschaft? Unser Autor Viktor Weber hat sich tief in die Materie eingearbeitet, Whitepaper studiert und verschiedene Szenarien durchgespielt, was Facebooks Libra für die Immobilienwirtschaft bedeuten kann.

Was könnte Facebooks Kryptowährung Libra für die Immobilienwirtschaft bedeuten? (Foto: Glen Carrie/Unsplash)
Was könnte Facebooks Kryptowährung Libra für die Immobilienwirtschaft bedeuten? (Foto: Glen Carrie/Unsplash)

Blockchain „Made in Germany“, auch in der Immobilienwirtschaft? Während die Branche noch mit massenmarktauglichen Geschäftsmodellen experimentiert, hat die Bundesregierung mit Ihrem Blockchain Strategiepapier den Weg für zukunftsweisende Forschung und Entwicklung geebnet. Zeitgleich will sie eines der global weitreichendsten Blockchain-Projekte unterbinden . Ist die Skepsis gerechtfertigt und könnte das Projekt auch Implikationen auf die Immobilienbranche haben?

Es handelt sich um Projekt Libra, welches in diesem Jahr von Facebook vorgestellt wurde und von mehr als 20 Branchengrößen wie Paypal, Visa und Mastercard getragen wird. Nachdem ich mich durch mehr als 100 Seiten Whitepaper und technische Dokumentation gearbeitet habe, möchte ich nun vorstellen was Libra für die Immobilienbranche bedeuten könnte. Ich empfehle daher auch die Lektüre des nicht-technischen Whitepapers auf Deutsch, welches Sie hier finden.

Unterschiede zu anderen Kryptowährungen

Libra ist als eine Asset-Backed Stable Coin konzipiert. Kauft man also Libra Coins in seiner lokalen Währung, wird dieses Fiatgeld durch die Libra Reserve, quasi dem Pendant zur EZB oder FED, wertstabil angelegt, um einer extremen Volatilität, wie bei Bitcoin und vielen anderen Kryptowährungen, vorzubeugen. Die Libra Reserve setzt dabei auf Anlagemöglichkeiten mit geringer Volatilität, wie kurzfristige Staatsanleihen von „sicheren“ Staaten und klassische Bankeinlagen . Dies stellt einen maßgeblichen Unterschied zu den meisten anderen Kryptowährungen dar, welche oftmals als Alternative zu unserem Finanzsystem konzipiert wurden.

Die zukünftige Anlagestrategie macht vielen Kommentatoren Angst, da sie gravierende systemische Auswirkungen auf die Finanzmärkte befürchten. Grund hierfür ist die Masse an potentiellen Anlegern, da die Libra Association mit ihrem Produkt weit mehr als zwei Milliarden Menschen erreichen könnte . Während bis dato die meisten Kryptowährungen und Blockchain-Lösungen komplexe Nischenprodukte darstellen, wäre Libra Coin in das User Interface von täglich genutzten Apps wie Facebook, Instagram, Whatsapp und Co. integrierbar, was die erste Massenmarktanwendung im Blockchain-Universum darstellen würde.

Über Nacht so reich wie der Staatsfonds von Katar
Facebook und alle weiteren Mitglieder des Konsortiums könnten Nutzer anlocken indem sie Vergünstigungen bei Zahlungen in Libra Coins oder exklusive Services anbieten. Beispielsweise könnten Skonti auf bezahlte Werbeannoncen angeboten oder im Extremfall Libra Coins als einzige Bezahlvariante für In-App Käufe oder bei digitalen Transaktionen via Whatsapp oder Messenger akzeptiert werden. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt und das Konsortium hat dabei freie Hand. Da beim Tausch von Fiatgeld und Libra Coin stets geringe Gebühren anfallen werden, ist es bei hoher Marktdurchdringung wahrscheinlich, dass das Fiatgeld nicht ständig aus der Libra Reserve abgezogen, sondern für Transaktionen in Libra Coins genutzt wird. Die Libra Reserve könnte also zu einem signifikanten Vermögensverwalter werden.

Zieht man den Vergleich zum mächtigsten Asset-Manager der Welt, Blackrock, mit mehr als sechs Billionen Euro verwalteten Vermögens, dann hat die Libra Reserve noch einen langen Weg vor sich.

Würden jedoch zwei Millarden Nutzer über die Zeit jeweils 3.500 Euro in Libra Coins investieren, wäre die Libra Reserve sogar finanzstärker als Blackrock. Würden zwei Milliarden Nutzer jeweils 160 Euro investieren, wäre die Libra Reserve so vermögend wie der Staatsfonds von Katar . Quasi über Nacht.  An dieser Stelle möchte ich jedoch betonen, dass ersteres Szenario aufgrund der heterogenen sozio-ökonomischen Nutzerstruktur der Konsortialmitglieder nicht unbedingt realistisch ist. Beispielsweise stellen 270 Millionen Inder/innen die größte demographische Nutzergruppe von Facebook dar, wobei für weite Teile dieser Gruppe die postulierten 3.500 Euro Investment auf Basis der durchschnittlichen Einkommensverteilung nicht möglich wären. Es ist der Blick in die Kristallkugel, jedoch ein spannendes Gedankenexperiment.

Fakt ist jedoch, dass die Libra Reserve, sollte das Konzept Anklang finden und nicht politisch unterbunden werden, über gewaltige finanzielle Ressourcen verfügen könnte. Wohin also mit dem ganzen Geld? Tatsächlich in Tagesgeld und Anleihen, die in Zeiten der Niedrigzinspolitik wenig lukrativ sind? Wie wäre es, wenn die Firmen des Konsortiums einfach entscheiden doch in andere Assets zu investieren, wie Geistiges Eigentum, Unternehmen oder Immobilien?

Wo würde die Libra Association ihr Kapital investieren
Genau diese leicht zu bewerkstelligende strategische Kursänderung wurde bis dato nicht wirklich berücksichtigt, birgt aber aus meiner Sicht tatsächlich gewaltige Sprengkraft.

Das Konsortium könnte ethisch-fragwürdig in Grundstücke mit Bodenschätzen, Grundwasserreserven, Wälder oder Agrarflächen investieren, was zu Konflikten führen würde . Auch wären Ankäufe von Immobilien in stark wachsenden Regionen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas denkbar. Die Libra Association könnte jedoch sozio-ökonomischem Konfliktpotenzial vorbeugen, indem die eingesammelten Gelder in den Quellenländern reinvestiert werden würden, idealerweise in Bezahlbares Wohnen, moderne Büroimmobilien und Infrastruktur. Auch hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Bei einer risiko-aversen Anlagestrategie könnte der Druck auf die bereits ausverkauften Märkte in Teilen Asiens, Europa und Nordamerika steigen. Aus meiner Sicht ist das risiko-averse Szenario wesentlich realistischer, da der Zukauf von soliden Objekten in A-Lagen und in sicheren Märkten besser zu dem kommunizierten Risikoprofil der Libra Reserve passen würde. Demzufolge würde der Konkurrenzdruck in Städten wie London, Paris, New York und Co. steigen. Die Preise würden weiter in die Höhe getrieben werden, sodass die Schere von Mietzins und Kaufpreis noch weiter auseinanderklaffen würde. Sollten die Libra Reserve Aktienkäufe durchführen, wäre es jedoch auch denkbar, dass Übernahmen von börsennotierten Immobilienunternehmen erfolgen könnten.

Die wohl wichtigste Lehre, die man aus diesem Gedankenexperiment ziehen sollte, ist, dass die Digitalisierung nicht nur direkt auf die Immobilienbranche wirken kann, sondern auch indirekt. Es lohnt sich immer „um die Ecke“ zu denken und das Nicht-Offensichtliche zu betrachten.

Jetzt liegt es an Ihnen das Gedankenexperiment fortzuführen und zu überlegen, ob die Bundesregierung mit der angestrebten Blockierung von Libra im Recht ist und ob die vorgestellten Ideen für Sie plausibel klingen. Lassen Sie es mich wissen!

Autor: Viktor Weber ist Gründer des Future Real Estate Institute mit Sitz in Regensburg.

01.10.2019