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Entmietung von Wohnimmobilien

Ein Wohnhaus soll abgerissen werden, aber darin leben noch Mieter. Was tun? Zsolt Farkas, Vorstandsvorsitzender der Mundial AG schildert seine Erfahrungen.

Portrait Zsolt Farkas Mundial
Zsolt Farkas: "Wir hatten die Abwicklung unterschätzt" (Bild: Mundial AG)

Welche Situation haben Sie bei der Übergabe des Wohnhauses in der Berliner Wilhelmstraße Anfang 2015 vorgefunden?
Zsolt Farkas: 36 Wohnungen waren noch bewohnt, 57 Einheiten standen leer. Im Kaufvertrag hatte allerdings gestanden, dass das Objekt bis Ende 2014 leer übergeben wird. Die Angelegenheit war politisch hoch sensibel, denn der Verkäufer hatte mit dem Berliner Senat eine Vereinbarung geschlossen, dass die Entmietung laut Sozialplanverfahren stattzufinden habe. Zudem unterlagen die Mietverträge einem besonderen Kündigungsschutz, wodurch sie eigentlich nicht auflösbar waren.

Wie gingen Sie vor?
Zsolt Farkas: Im Januar verständigten wir die Mieter, dass sie einen neuen Eigentümer haben. Wir beauftragten einen Entmietungsspezialisten, aber wir merkten schnell, dass das gar nicht passte. Im März luden wir zu einem Informationsabend, zu dem aber nur eine Familie erschien. Im Anschluss lud uns die Bürgerinitiative, die sich für die Erhaltung der Plattenbauten einsetzt, ein. Wir hatten den Mut, uns zu präsentieren. Das war ausschlaggebend: Endlich war jemand da, der etwas Konkretes sagte. Wir richteten eine Mailadresse und eine Telefonnummer für die Mieter ein, über die sie sich an uns wenden konnten. Erst Ende April konnten wir mit den konkreten Verhandlungen beginnen.

Mittlerweile sind bis auf vier Parteien, die noch auf die Fertigstellung ihrer Ersatzwohnungen warten, alle Mieter ausgezogen. Was war ausschlaggebend dafür?
Zsolt Farkas: Dass ich mich nicht gescheut habe, die Mieter selbst zu besuchen. Wir konnten für sie auch Probleme im Umfeld lösen und Vertrauen aufbauen, weil wir unsere Zusagen eingehalten haben. Für die Investorenfamilie war maßgeblich: Es geht um Menschen, um Familien.

Die Investoren haben den Mietern auch hohe Ablösen bezahlt, von mehr als fünf Millionen Euro ist die Rede. Wie stark waren diese finanziellen Argumente?
Zsolt Farkas: Sie waren nur in wenigen Fällen entscheidend. Gerade bei den älteren Mietern ging es darum, ihnen beim Übersiedeln zu helfen, denn sie wollten nicht in einem fast leeren Haus bleiben. Wir haben 29 Mietern Ersatzwohnungen besorgt, für die sie nicht mehr Miete bezahlen als zuvor – obwohl keine davon kleiner ist als die bisherige Wohnung. Sie wurden teilweise saniert, behindertengerecht umgebaut und sind nun mit Notrufen ausgestattet. Ein Mieter forderte allerdings eine Ablöse von 1,5 Millionen Euro. Mit kaufmännischen Verhandlungen über mehrere Wochen hinweg konnten wir diese Forderung senken. 1,5 Millionen Euro gefordert

Wie hoch war Ihr personeller Aufwand?
Zsolt Farkas: Wir hatten die Abwicklung unterschätzt und gedacht, dass wir das zu zweit schaffen. Es war ein unwahrscheinlicher Einsatz, ein Sieben-Tage-Job mit Terminen auch um 20 oder 21 Uhr. Zuletzt bestand das Team aus acht Personen, denn es galt auch, den Umbau der Ersatzwohnungen und die Umzüge zu organisieren und die neuen Mietverträge abzuschließen.

Was würden Sie einem Eigentümer in einer solchen Situation raten?
Zsolt Farkas: Wer so etwas vorhat, sollte es sich vorher sehr genau überlegen, denn es ist sehr anstrengend, auch seelisch. Jemand, der kein Verständnis für die Mieter aufbringt, sollte es nicht in Angriff nehmen. Ich würde viel früher persönlich vorbeigehen und sofort eine Mannschaft dafür aufstellen.

Interview: Roswitha Loibl

14.04.2016