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„Ein Ohr für die richtigen Einsätze“

Eine interdisziplinäre Branche wie die Immobilienwirtschaft braucht Nachwuchskräfte, die bei Immobilienprojekten Bedürfnisse und Interessen unterschiedlicher Gruppen im Blick haben. Solche „Dirigenten“ sollen im Studiengang „Real Estate & Leadership“ ausgebildet werden.

Christian Zumwinkel: „In der Praxis unbedingt interdisziplinäres Denken und Handeln gefragt
Christian Zumwinkel: „In der Praxis unbedingt interdisziplinäres Denken und Handeln gefragt" (Foto: Andreas Vallbracht)

Herr Zumwinkel, warum braucht die immobilienwirtschaftliche Ausbildungslandschaft den neuen Studiengang „Real Estate & Leadership“?
Christian Zumwinkel: Weil die Immobilienwirtschaft in ihrem Kern ein interdisziplinäres Fach ist und die Wertschöpfung durch das Zusammenspiel von Finanzierung, Planung, Bau und Nutzung erzielt wird. Unverständlicherweise sind die meisten Studienangebote jedoch im Gegensatz dazu auf ein einziges Fachgebiet ausgerichtet. Dabei ist in der Praxis unbedingt interdisziplinäres Denken und Handeln gefragt.

Mit dem Abschluss wird man also ein Alleskönner?
Christian Zumwinkel: Niemand kann alles und das ist auch gar nicht das Ziel. Es geht darum, die Bedürfnisse und Interessen der unterschiedlichen Beteiligten an einem Immobilienprojekt zu kennen und im Blick zu haben. Ich vergleiche das gerne mit dem Bild eines Orchesters. Ohne Dirigenten klingt es einfach nicht gut. Die Studierenden werden zu Übersetzern, die ein Ohr für die richtigen Einsätze zur richtigen Zeit haben und merken, wenn jemand seinen Einsatz verpasst hat.

Der Studiengang „Real Estate & Leadership”

Im Wintersemester 2017/18 startete erstmals der Master-Studiengang Real Estate & Leadership an der HSBA Hamburg School of Business Administration. Initiiert wurde er von der Real Estate and Leadership Foundation (REaL e.V.), dessen Präsident ist Christian Zumwinkel (Assmann Beraten + Planen AG). Der im Februar 2015 in Hamburg gegründete Verein, dem derzeit 23 Unternehmen und zwölf persönliche Mitglieder angehören, will Wissenschaft, Forschung und Bildung zu interdisziplinären, schnittstellenübergreifenden und Leadership-Themen der Immobilienwirtschaft fördern. Zu den Mitgliedern zählen namhafte Unternehmen der Immobilienwirtschaft wie Union Investment, ECE, Patrizia Immobilien, Art Invest und Drees & Sommer. Das Master-Studium richtet sich an Bachelor-Absolventen aus den Bereichen Bauingenieurwesen und Gebäudetechnik, Architektur und Stadtplanung sowie Wirtschaftswissenschaften. Aktuell läuft die Bewerbungsphase für das Wintersemester 2018/19.

 

Wie wird der Begriff Leadership in dem neuen Studiengang ausgefüllt?
Christian Zumwinkel: Leadership ist hier weniger als hierarchische Führungsstärke definiert, sondern eher im Sinne von „Verantwortung für das Projekt“. Die Führungskräfte von morgen müssen interdisziplinär und ganzheitlich denken und handeln können, sich einerseits objektbezogen engagieren, aber auch die darüber hinaus bestehenden Zusammenhänge und Wirkungen sehen. Die Themen Strategie, Management, Teamarbeit und Kommunikation spielen im Studiengang daher eine große Rolle. Bei Immobilienprojekten kommen Teams mit unterschiedlichen Aufgaben zusammen. Für ihre Interessen muss man ein Ohr haben, muss kommunizieren und übersetzen können. Niemand kann zugleich Bauingenieur und Finanzierungsexperte sein oder Architekt und Property Manager. Aber man muss diese unterschiedlichen Gruppen verstehen und eine Sensibilität für deren Stimmungen und `Painpoints´ haben.

Wie lassen sich dieser interdisziplinäre Blick und diese Sensibilität für die Interessen aller Beteiligten im Studium vermitteln?
Christian Zumwinkel: In dem bereits im Studium diese unterschiedlichen Gruppen zusammenkommen. Ziel ist, in den jeweiligen Jahrgängen eine paritätische Mischung aus Architekten und Ingenieuren, Wirtschaftswissenschaftlern und Juristen zu erreichen. Als Bachelor-Absolventen bringen sie alle bereits Know-how und Sichtweisen aus ihren jeweiligen Disziplinen mit. In Projekten arbeiten sie dann gemeinsam an konkreten Fällen und können so die Perspektive des Gegenübers kennenlernen.

Vertretern der Real Estate and Leadership Foundation, der Hamburg School of Business Administration und die ersten Studenten des neuen Studiengangs (Foto: Andreas Vallbracht)
Vertretern der Real Estate and Leadership Foundation, der Hamburg School of Business Administration und die ersten Studenten des neuen Studiengangs (Foto: Andreas Vallbracht)

Die Real Estate and Leadership Foundation, die den Studiengang initiiert und finanziell möglich gemacht hat, will den Austausch von Wissenschaft und Praxis fördern. Wie soll das gelingen?
Christian Zumwinkel: Ein Baustein sollen unsere Lounge-Events sein, bei denen Studierende, Wissenschaftler und Immobilienunternehmen zusammenkommen. Dort soll es unter anderem darum gehen, herauszufinden, welche Themen die Branche umtreiben und solche Anreize aus der Praxis in die wissenschaftliche Lehre aufgenommen werden können. Wir möchten auch die Grundlagenforschung unterstützen, etwa zu Themen wie Energie, Digitalisierung, Nutzerverhalten, Arbeitswelten und vielem anderen. Welche Auswirkungen haben solche Trends auf Immobilien und die Unternehmen? Diesen Fragen könnte auch in Promotionen nachgegangen werden, die in der Immobilienbranche vergleichsweise selten sind. Die Bereiche Wissenschaft und Forschung zu unterstützen ist explizit Sinn und Zweck der Foundation, auch unabhängig vom Studiengang.

Die Foundation hat Zusagen für eine Million Euro Fördergelder bei privaten Unterstützern eingesammelt. Dabei soll es sicher nicht bleiben. Wie sehen die weiteren Pläne aus?
Christian Zumwinkel: Wir haben aktuell 35 Mitglieder, die uns bisher unterstützen und die Arbeit für fünf Jahren zum großen Teil finanzieren. Natürlich kostet das Aufsetzen eines solchen Studiengangs, die Akkreditierung und der Betrieb Geld und weil wir erst im vergangenen Herbst gestartet sind, können wir noch nicht mit Ergebnissen für unsere Arbeit werben. Aber die Art und Weise, wie sich der Studiengang aktuell entwickelt zeigt, dass die Richtung, die hier eingeschlagen wurde, die richtige ist! Viele Immobilienunternehmen leiden unter dem Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften mit einer praxisorientierten Ausbildung. Ihnen ist deshalb klar, dass sie selbst an der Lösung dieses Problems mitarbeiten müssen. Hier bietet die Real Foundation mit dem Studiengang eine Plattform für Praxis und Wissenschaft. Neue Mitglieder und Gäste, die sich engagieren möchten, sind herzlich willkommen.

Das Interview führte Markus Gerharz.

09.04.2018

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