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B2B-Ökosysteme auf dem Vormarsch

Digitale Ökosysteme sorgen für einen tiefgreifenden Wandel in nahezu allen Wirtschaftszweigen. Die Immobilienwirtschaft kennt bereits umfassende Digitalplattformen, andere Wirtschaftszweige sind schon ein Stück weiter.

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Die Immobilienwirtschaft wird anderen Branchen in puncto digitalen Plattformen folgen, wie unser Gastautor Marko Broschinski von Easol erklärt. (Bild: Gerd Altmann/Pixabay)

Nicht nur IT-Fachleute, sondern auch der normale Angestellte kennt gleich welcher Branche den Krampf der Digitalisierung. Er stellt sich an mehreren Stellen ein: Wenn für einzelne Vorgänge eine spezielle, nicht-intuitive Software existiert. Wenn Ergebnisse aus einer Softwarelösung nicht ohne Reibungsverlust in die andere Software überführt werden können. Oder wenn Daten von Kunden oder Dienstleistern zu vergleichbaren Geschäftsvorgängen partout nicht mit den eigenen Daten kompatibel erscheinen. Eine besondere Herausforderung stellt nach Firmenübernahmen oder Fusionen eine unternehmensweite einheitliche IT-Strategie mit verknüpfbaren Softwares dar.

Das ist vielerorts und in den meisten Wirtschaftszweigen noch der digitale Alltag. Selbst die bekannten US-amerikanischen Digitalkonzerne oder auch Deutschlands Digitalchampion SAP haben für Unternehmensprozesse keine All-In-One-Lösung im Portfolio. Eine einzelne Software für alle Geschäftsvorgänge ist nicht nur ferne Zukunftsmusik, sondern auch ungewollt. Denn kein Unternehmen möchte sich von einem einzelnen Anbieter in seiner IT vollständig abhängig machen. Diversifizierung gilt gerade auch im digitalen Portfolio als Schlüsselwort für eine effektive Digitalstrategie, die auf spezialisierte Anbieter im Markt zurückgreift.

Ökosysteme in der Immobilienwirtschaft

Wo die All-In-One-Lösung ausfällt, kommt das Ökosystem zum Zuge – auch in der Immobilienwirtschaft. Aus der Biologie stammt ursprünglich der Begriff Ökosystem und beschreibt eine natürliche Wechselwirkung eines Biotops im Zusammenspiel mit Flora und Fauna. Mit einer gemeinsamen Plattform als Fundament, analog zum Biotop, lassen sich mehrere unabhängige Softwareprodukte zusammenführen. Im B2C-Segment mit Privatkunden sind Ökosysteme grundsätzlich einfacher zu implementieren: Plattformen wie Immobilien Scout führen mehrere IT-Lösungen wie das CRM-System von Flowfact, den Sprachassistenten Alexa von Amazon oder die Kamera-Software von Ricoh zusammen und sind seit vielen Jahren bereits fest etabliert.
Doch im B2B-Bereich mit Geschäftskunden existieren Hürden wie Haftung, Compliance oder eine exklusive Datenhoheit. Sie sorgen branchenübergreifend dafür, dass B2B-Ökosysteme noch nicht ihr volles Potenzial entfalten konnten. Mit Blick auf die Immobilienwirtschaft kommen die mittelständische Prägung und die fehlende Datentransparenz als Hemmschuhe hinzu. Es sind daher bislang nur wenige große Akteure, die das Zukunftsmodell B2B-Ökosystem für sich entdeckt haben. Sie agieren sehr kundengetrieben: Wenn der Vermieter beispielsweise über den Mietvertrag hinaus Services wie Rechnungsmanagement, eine Handwerkerplattform oder ein Dokumenten-Managementsystem wünscht, kann die Lösung im Ökosystem liegen. Möglich wird das über innovative Proptech-Lösungen, die über offene Schnittstellen an das eigene System angekoppelt werden.

Ein Blick in andere Wirtschaftszweige

Erfolgreiche Ökosysteme im Geschäftskundensegment entspringen entweder Innovationseinheiten innerhalb von Großkonzernen oder neu gegründeten digitalen Dienstleistern. Letzteres ist zum Beispiel in der Finanzbranche der Fall, wo das Berliner Unternehmen Finleap als Ökosystem-Anbieter mittlerweile einen Marktwert von 330 Millionen Euro ausweislich des letzten Geschäftsberichts erreicht hat. Aktuell befinden sich zehn Lösungen für Privatkunden und mittelständische Unternehmen auf der Plattform von Finleap. Kontinuierlich sucht das Unternehmen nach neuen finanzwirtschaftlichen Digitalprodukten, die sich über offene Schnittstellen an das Finleap-Ökosystem anschließen können. Auch traditionelle Branchen wie die Stahlwirtschaft haben den Mehrwert von B2B-Ökosystemen entdeckt und implementiert. Als digitaler Vorreiter ist hierbei der Duisburger Konzern Klöckner zu nennen. Der Stahlhändler mit einem Umsatz von 6,3 Milliarden Euro hat für Kunden und Geschäftspartner ein Ökosystem entwickelt, auf das mittlerweile auch Wettwerber zurückgreifen. Es handelt sich um die dreistufige Handelsplattform XOM Materials, auf dem rund 70 Anbieter derzeit rund 27.000 Produkte anbieten. Sie verknüpft Lösungen für digitale Vertriebskanäle, die Abwicklung des Beschaffungsprozesses und die Kommunikation zwischen Herstellern, Käufern und Zulieferern.

In der Automobilindustrie ist die Vernetzung bereits am weitesten fortgeschritten: Die deutschen Konzerne haben mit ihren Zulieferern und Technikpartnern eigene Ökosysteme aufgebaut. Volkswagen zum Beispiel hat nicht nur die zuvor fragmentierte Software im Auto mit einer einheitlichen Programmiersprache gebündelt. Das Ökosystem „Volkswagen We“ umfasst darüber hinaus Services wie Park-Apps, Shoppingangebote im Umkreis des Parkplatzes oder auch Paketlieferungen ans Auto. Bosch bündelt ebenso seine Angebote in der Cloud über eine Kooperation mit Microsoft Azure.

Lektionen für die Immobilienwirtschaft

Immobilienunternehmen in Deutschland werden beim Thema Ökosysteme nicht von den anderen Branchen überholt. Aber sie könnten sich andere Wirtschaftszweige zum Vorbild nehmen, um möglichst viele beteiligte Parteien an der Immobilie im Rahmen einer B2B-Plattform zusammenzuführen. Schon jetzt sind erprobte Systeme für die kaufmännische Immobilienverwaltung im Einsatz. Sie verknüpfen die beiden Kernbereiche Asset- und Property-Management miteinander. Über Schnittstellen sind hierbei spezialisierte Softwares auf einer gemeinsamen Benutzeroberfläche miteinander verbunden. Zugleich garantieren diese Schnittstellen die Offenheit für weitere Lösungen, die andere Geschäftsvorgänge digital abbilden. In der Zukunft lassen sich Ökosysteme für die Immobilienverwaltung weiterdenken im Sinne einer Integration weiterer Immobilien-Dienstleistungen wie Projektentwicklung, Bau, Architektur oder Energiemanagement. Damit ist eindeutig: Ökosysteme werden mittelfristig das Bild der Immobilienwirtschaft erheblich umkrempeln. Ihre Erfolgsgeschichte hat bereits begonnen.

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Marko Broschinski (Bild: Easol)

Ein Beitrag von Marko Broschinski, Geschäftsführer der Easol GmbH.

05.05.2021