zurück

Digitalisierung als Gebot der Stunde

Corona sorgt für eine notwendige Neubewertung der Zukunftsfähigkeit der Immobilienbranche. Ein Kommentar von Sarah Schlesinger.

Das Corona-Virus sorgt bei vielen Immobilienunternehmen gerade für einen Schub bei der Digitalisierung, Proptechs haben es dagegen schwerer Finanzierer zu finden (Bild: Pantan Kamsan/istockphoto)
Das Corona-Virus sorgt bei vielen Immobilienunternehmen gerade für einen Schub bei der Digitalisierung, Proptechs haben es dagegen schwerer Finanzierer zu finden (Bild: Pantan Kamsan/istockphoto)

Der Shutdown infolge von Corona führte bei Proptechs mit Lösungen, die kurz- bis mittelfristig die akuten Bedürfnisse nach Kostenoptimierung oder Automatisierung befriedigen, zu einem massiven Nachfrageanstieg. Die Kehrseite zeigt sich in einem noch weiter erschwerten Liquiditätszugang aufgrund neuer restriktiver Strategien der Wagniskapitalgeber.
Erfreulich ist der mindestens kurzfristig erwachte Wille der etablierten Immobilienunternehmen, sich in Richtung Zukunft zu positionieren. Digitalisierung wird so zum Gebot der Stunde 2019 war ein Rekordjahr für die Digitalisierung in der Immobilienbranche.

Die DACH-Region verzeichnete zuletzt über 700 Proptechs, die nun auch auf die komplexen Bereiche Bauen und Betreiben abzielen. Über den Immobilienlebenszyklus und die diversen Assetklassen hinweg setzte auch in vielen etablierten Unternehmen eine Digitalisierungswelle ein. Der Anteil an Immobilienunternehmen, die sich mit der eigener Transformation und den Hausaufgaben für die eigene Digitalisierung beschäftigten, war nie so hoch, wie mehrere Studien im Herbst bestätigten.

Gleichzeitig endete 2019 das Tal der Tränen, wie es der Hype Cycle von Gartner beschreibt: Die Enttäuschung darüber, dass nicht mit einem Klick die Versäumnisse von Jahrzehnten aufgeholt werden könnten, ging zu Ende, während „Proptech“ und „Digitalisierung“ als Buzzwords galten und in der Folge von den Tagesordnungen wichtiger Veranstaltungen zeitweise völlig verschwanden. Doch der Beschleuniger für Innovation ist externes Wachstumskapital.
2019 gab es eine Rekordzahl an Venture-Capital-Unternehmen (VC) mit Fokus auf Proptech. Diese 190 professionellen Investoren standen für ein bisher nie gesehenes Finanzierungsvolumen von über 214 Millionen Euro.

Für das Jahr 2020 wären nach der Gartner-Adaption für Proptech verschiedene Entwicklungen zu erwarten gewesen: So sollte die begonnene Konsolidierung der Proptech-Unternehmen eine deutliche Reduktion an bestehenden Start-ups mit Immobilienfokus mit sich bringen. Ebenso sollte die sich langsam durchsetzende realistische Einschätzung von Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung dafür sorgen, dass sich die Zahl der tatsächlich gewinnbringenden
Kooperationen und Co-Kreationen deutlich erhöhen wird. Weitere Entwicklungen, die vorhergesagt wurden, waren, dass das Tempo der Digitalisierungs-Hausaufgaben auf Seiten der etablierten Unternehmen langsam zunehmen wird und deutlich mehr und deutlich höhere Finanzierungsrunden zu sehen sein werden. Doch die Coronakrise zwingt dazu, diese Erwartungen deutlich neu zu bewerten.

Wagniskapitalgeber als Wachstumsgefährder?
Das Feedback der VCs im Shutdown war einstimmig: Keine neuen Finanzierungsrunden, laufende Verhandlungen wurden abgebrochen oder zu deutlich veränderten (für Proptechs ungünstigeren) Bedingungen abgeschlossen, geplante Investitionssummen wurden in Tranchen aufgeteilt und an harte Bedingungen geknüpft. Auch wenn
sich nach Ostern die meisten VCs im vertraulichen Gespräch wieder langsam auf Scouting-Kurs begaben und die ersten Notartermine stattfanden, muss davon ausgegangen werden, dass die durch die Pandemie geweckte Panik einschlägige Auswirkungen auf Anzahl und Höhe der Finanzierungsrunden in 2020 haben wird.

Proptechs mit den richtigen Lösungen als Krisengewinner
Die beschriebene Entwicklung ist insbesondere für die Proptech-Unternehmen hart, die nicht über einen ausreichenden Finanzpuffer verfügen oder vielleicht in diesem Jahr erstmals einen großen Investor in den Cap Table aufnehmen wollten. Mit dem Rücken zur Wand und viel mehr Anteile und bittere Bedingungen in Kauf nehmend als geplant, berichten bereits erste Tech-Teams von Notarterminen, die zwar Liquidität sichern, aber nachhaltig Wachstum verhindern, da Folgerunden fast unmöglich werden. Fehlende Liquidität wird sicherlich eine durch Corona getriggerte beschleunigte Konsolidierung bringen.

Dennoch zeigen sich bei den meisten Proptechs eher positive Signale für die Zukunft. Die Tech-Teams mit bereits funktionierenden Lösungen sind erfolgreich und gut beschäftigt. Spannend ist zu sehen, dass Kunden plötzlich auf Argumente reagieren, die vorher nahezu verpönt waren: Eine Kostenreduzierung und (Teil-)Automatisierung waren ob des fehlenden Druckes sowie des fehlenden Vertrauens in digitale Abläufe absolut ungehörte Argumente. Jedoch macht nun die Sorge vor einer möglichen Rezession eine Kostenoptimierung notwendig. Workflows unabhängig von Menschen zu gestalten, ist aufgrund gestiegener Hygiene- und Schutzbestimmungen teilweise unerlässlich geworden.

Ob dieser aktuelle Sales-Boost sich auf Proptechs langfristig auswirken wird, ist abhängig davon, ob die Branche sich nachhaltig aufstellt. Um es mit den Worten einer Branchenvertreterin im Digital Leaders Council von Blackprint wiederzugeben: „Nur weil jetzt alle wissen, wie die Kamera im Videocall richtig ausgerichtet wird, wissen sie noch lange nicht, wie Prozesse digital aufgesetzt werden.“

Unternehmen unter gesundem Druck
Während bis vor kurzem nicht zuletzt bei Themen wie digitale Präsentationen oder Video-Meetings, agiles Arbeiten im Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten ein „geht nicht“ durch die Konzernflure hallte, arbeiten Unternehmen jetzt sogar mit digitalem Posteingang, dezentraler Kundenbetreuung oder Planungsbesprechungen von unterschiedlichen Orten aus. Unternehmenslenker diskutieren zunehmend darüber, wie sich die Geschäftsmodelle der Immobilienbranche (auch bedingt durch Corona) in den nächsten drei, fünf oder zehn Jahren entwickeln werden. Daneben liegt der Fokus der
operativ Verantwortlichen auf der Implementierung effizienterer Lösungen, um kurz- bis mittelfristige Ziele zu erreichen.

Wie bei anderen Krisen wird auch Corona eine gesunde Bereinigung bringen, sowohl auf Seiten der Proptech- als auch der etablierten Immobilienunternehmen. Nach Ende des Shutdowns ist eine Rückkehr zu Altbekanntem schwierig. Wahrscheinlich ist die Etablierung eines „New Normal“. Diejenigen, die Digitalisierung als Gebot der Stunde mit einer strategischen Zukunftsausrichtung verknüpft betreiben, haben gute Chancen Teil der neuen Immobiliebranche
zu werden.

Autor: Sarah Maria Schlesinger ist Geschäftsführerin der Blackprint Booster GmbH.

15.07.2020