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„Die Kirche im Dorf lassen“

Wie wirkt der Brexit tatsächlich auf den Frankfurter Büromarkt, und welche Auswirkungen hätte eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank? immobilienmanager befragte dazu Yvo Postleb und Pierre Nolte von Cushman & Wakefield Deutschland.

Marienturm
Wie steht es um Frankfurts Büroimmobilienmarkt aktuell? (Foto: Pecan Development GmbH)

Nach unserem Eindruck ist der von der Brexit-Debatte motivierte Zugewinn an Arbeitsplätzen in Frankfurt bislang überschaubar. Ist dieser Eindruck richtig? Wird sich das noch ändern, wenn der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union erst einmal Fakt ist?

Pierre Nolte: Im Moment sehen wir tatsächlich noch keine signifikanten Auswirkungen. Insgesamt sprechen wir vermutlich über 5.000 bis 8.000 neue Jobs in Frankfurt. Das entspricht grob gerechnet einem Bedarf von 100.000 bis 200.000 Quadratmetern Bürofläche. Diese zusätzliche Nachfrage wird sich positiv bemerkbar machen, aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Dennoch ist insbesondere für das Bankenviertel, wo Mieter in Einzelfällen heute bereits mit Flächenknappheit zu kämpfen haben, von einem zusätzlichen Flächenbedarf von 15 bis 20 Prozent auszugehen.

Wie ist Frankfurt in punkto Brexit-Folgen im Wettbewerb zu anderen Städten positioniert?

Yvo Postleb, Head of Germany von Cushman & Wakefield (Bild: Cushman & Wakefield)
Yvo Postleb, Head of Germany von Cushman & Wakefield (Bild: Cushman & Wakefield)

Yvo Postleb: Frankfurt ist auf dem Kontinent ein sehr attraktiver Standort für den Finanzsektor. Nicht umsonst laufen bei der BAFIN insgesamt 45 Banklizenzverträge. Dazu tragen der Flughafen, der weltweit größte Internetknotenpunkt, aber auch die mit der Überschaubarkeit der Stadt verbundene Lebensqualität und die Weltoffenheit der Frankfurter bei. Ähnliche Vorteile bietet sonst nur Amsterdam, Frankfurts härtester Wettbewerber, wenn es um die „Brexit-Umsiedler“ geht. Paris geht mit anderen Qualitäten ins Rennen – einem sehr großen Markt, ein tolles Image und ebenfalls eine hohe Lebensqualität. Dublin profitiert natürlich von der Nähe zu Großbritannien, Luxemburg ist für Fonds attraktiv. Aber insgesamt sticht keine der konkurrierenden Städte besonders heraus.

Wie reagiert Cushman & Wakefield selbst auf den Brexit?

Yvo Postleb: Wir sind auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet und warten ab, welches davon tatsächlich eintritt. Cushman & Wakefield erzielt einen Großteil der Umsätze in Großbritannien, deshalb wäre vor allem ein harter Brexit mit Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen für uns nachteilig. Aber wir verfügen über eine stabile Infrastruktur, nichts trifft uns unvorbereitet.

In welchen Dimensionen würde sich eine Verschmelzung von Deutscher Bank und Commerzbank auf den Frankfurter Büromarkt auswirken?

Pierre Nolte: Bislang ist ja nicht nur unklar, ob es überhaupt zu einer Fusion kommt, sondern auch, wie viele Jobs dieser Schritt kosten würde. Die Schätzungen reichen von 10.000 bis 50.000 Arbeitsplätzen weltweit. Sicher würde das Filialnetz massiv betroffen sein, aber auch Frankfurt hätte einen erheblichen Teil der Last zu tragen. Das würde den Standort aber nicht nachhaltig erschüttern. Der Abbau würde sich ja über Jahre hinziehen.

Yvo Postleb: Im Frankfurter Bankensektor arbeiten 63.000 Menschen, die etwa 1,2 Millionen Quadratmeter Bürofläche belegen. Das sind rund zehn Prozent des gesamten Bestandes. Besonders betroffen wäre vermutlich das Bankenviertel. Aber Umbrüche schaffen auch neue Opportunitäten.

Welche Auswirkungen wird die abflauende Konjunktur haben?

Yvo Postleb: Diese Entwicklung beobachten wir mit Sorge, ebenso die schwelenden Handelskonflikte. In Bezug auf die Bürovermietung in Frankfurt sehen wir trotz eines schwachen Jahresauftaktes, der, neben den bereits erwähnten Sorgen, vor allem auf die schwache Produktpipeline zurückzuführen ist, eine weiterhin positive Entwicklung, und erwarten auch für 2019 einen Flächenumsatz, der deutlich über dem Zehnjahresdurchschnitt liegt.

Eine neue Mietergruppe sind die Anbieter von Coworking beziehungsweise von flexiblen Arbeitsplätzen. Sind diesbezüglich die konjunkturellen Risiken höher oder niedriger als bei klassischen Unternehmensmietern?

Yvo Postleb: Der Sektor hat sich deutlich weiterentwickelt, die Anbieter offerieren nicht mehr nur Arbeitsplätze, sondern eine ganze Palette von zusätzlichen Dienstleistungen – bis hin zu Fitness und Kinderbetreuung. Nur um davon einen Eindruck zu geben – Wework ist in den USA als Abnehmer von Kaffee die Nummer zwei nach Starbucks. Die wichtigste Zielgruppe sind nicht mehr Start-ups, sondern Corporates.

Pierre Nolte: In Kürze veröffentlichen wir eine Studie (Anm. d. Red.: die Studie ist mittlerweile erschienen ), in der wir die Attraktivität europäischer Städte für Coworking-Anbieter ranken. London steht dabei an erster Stelle, aber auch Berlin und München erreichen die Top Ten. Wir halten dieses Marktsegment für nachhaltig. Es wird auch Schwächephasen überstehen. Probleme sind nur für kleinere, auf bestimmte Zielgruppen oder Standorte spezialisierte Anbieter zu erwarten.

Das Gespräch führte Christof Hardebusch .

09.04.2019