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„Deutschland läuft Gefahr abgehängt zu werden“

Im April 2016 übernahm die australische Aconex Limited die Münchner Conject Holding. Nun ist die einjährige Integration abgeschlossen und die neu geschmiedete Aconex Deutschland ist im Markt aktiv. Über ihre Ziele sprach immobilienmanager mit Andreas Hofherr, General Manager Central Europe.

Bei etlichen Infrastruktur-Projekten, wie etwa der Erweiterung des Flughafens Schipol in Amsterdam, kommt die Kollaborations-Software von Aconex zum Einsatz (Foto: Nelson Pérez/Panoramio)
Bei etlichen Infrastruktur-Projekten, wie etwa der Erweiterung des Flughafens Schipol in Amsterdam, kommt die Kollaborations-Software von Aconex zum Einsatz (Foto: Nelson Pérez/Panoramio)

Pünktlich zur Expo Real ging Aconex Deutschland offiziell an den Start. Welche Ziele peilen Sie nach dem Zusammenschluss an?
Andreas Hofherr: Weltweit war Aconex bereits vor dem Zusammenschluss führend mit seiner cloud-basierten Projektplattform. Durch die starke Stellung von Conject in Europa bauen wir diese Position weiter aus und wollen unseren Umsatz bis zum Jahr 2020 verdoppeln.

Wie sieht der strategische Plan aus, mit dem dieses Wachstum erreicht werden soll?
Andreas Hofherr: Die erste wichtige Säule sind unsere Bestandskunden, die von unseren gewachsenen Know-how und einem noch effektiveren und umfassenderen Service profitieren sollen. Zum anderen möchten wir auch neue Bereiche erschließen wie etwa die Arbeit mit Behörden, mit Projektsteurern und -managern oder bei Verkehrsinfrastrukturprojekten. Zum Beispiel wurde bereits der Panama-Kanal mit Aconex gebaut und auch bei der Erweiterung des Flughafens Schipol in Amsterdam kommt unsere Kollaborations-Software zum Einsatz.

Andreas Hofherr: „Wir wollen unseren Umsatz bis 2020 verdoppeln” (Foto: Aconex)
Andreas Hofherr: „Wir wollen unseren Umsatz bis 2020 verdoppeln” (Foto: Aconex)

Sie sprechen Großprojekte an. Ab welchem Volumen lohnen sich solche Kollaborations-Tools?
Andreas Hofherr: In der Regel machen sie beim Bau eines einzigen kleineren Objektes wenig Sinn. Andererseits kommt es nicht nur auf das Investitionsvolumen des Einzelobjektes an. Wenn es zum Beispiel um ein komplettes Portfolio mit wiederkehrenden Immobilien geht, wie etwa Discount-Märkten oder Schnellrestaurants, ist eine Projektplattform durchaus sinnvoll. Ansonsten liegt die Grenze bei einem Investitionsvolumen von rund 25 Millionen Euro.

Können Sie ein Beispiel für eine technische Neuerung nennen, an der Sie arbeiten?
Andreas Hofherr: Wir bereiten zum Beispiel sogenannte predictible intelligence Lösungen vor. Das kann man sich so vorstellen, dass wir unsere riesige weltweite Datenbank als Benchmark nutzen, um bei neuen Projekten Ereignisse vorherzusehen. Wenn man das Beispiel eines Flughafens nimmt, erkennt die Software etwa, dass bei vergleichbaren Projekten zum aktuellen Zeitpunkt bereits doppelt so viele Dokumente hochgeladen wurden und schlägt Alarm. Ein einfaches Beispiel, das zeigt, was automatisiert möglich ist.

Spielt Ihnen der generelle Digitalisierungs-Trend in der Immobilienwirtschaft in die Karten?
Andreas Hofherr: Es ist gut und längst überfällig, dass endlich über die Digitalisierung in der Bau- und Immobilienwirtschaft in Deutschland gesprochen wird. Denn Deutschland läuft Gefahr abgehängt zu werden. Wenn man sich anschaut, wie gering die Produktivitätssteigerung in der Bauwirtschaft in den vergangenen 20 Jahren ausfällt, kann man nur mit dem Kopf schütteln. Die technischen und digitalen Instrumente sind ja vorhanden. Es mangelt bloß an Machern, die sie auch einsetzen. Diese Instrumente sind die Chance, mehr Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Instrumente wie zum Beispiel das Building Information Modeling. Warum kommt BIM hierzulande so schwer in Fahrt?
Andreas Hofherr: Dafür gibt es mehrere Gründe. In Großbritannien ist BIM zwingend für alle Projekt vorgeschrieben, die größer als fünf Millionen Euro sind und öffentlich gefördert werden. Eine solche Regelung gibt es bei uns nicht. Ich bin unabhängig von derartigen Vorgaben der Meinung, dass in der Wahrnehmung von BIM anfangs das „Modeling“ zu sehr im Fokus stand. Es geht aber in erster Linie nicht um mehrdimensionales Planen. Das ist auch ohne BIM möglich.

Aconex in Zahlen

Unterstützte Bauprojekte: 239 Milliarden US-Dollar
Unterstützte Energie- & Bergbauprojekte: 206 Milliarden US-Dollar
16.000 Projekte (davon 2.000 Infrastrukturprojekte) in 70 Ländern
Gesamtprojektwert: 1 Billionen US-Dollar

Beispielprojekte:

  • Dubai Metro
  • Flughafen Heathrow Terminal 2
  • Universitätsklinik in Montreal, Kanada
  • Essentiell Living Wohnsiedlung in London, UK

Wo liegt also der große Nutzen?
Andreas Hofherr: Der Mehrwert liegt im „Model“, also in der Möglichkeit zu kommunizieren und zu kollaborieren. Bei vielen Plattformen haben allerdings einzelne Projektteilnehmer bevorzugte Zugriffsrechte auf die Daten, etwa der Bauherr. Er kann alle Daten sehen, auch wenn sie gar nicht für ihn bestimmt sind. Das wirkt sich nachteilig aus und vergrößert oft das Projektrisiko. Wir sind der Überzeugung, dass Datenneutralität der entscheidende Punkt ist. Jeder Nutzer entscheidet selbst, wer seine Daten wann sehen kann.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass sich BIM in Deutschland durchsetzen wird?
Andreas Hofherr: Man muss sich klarmachen, dass BIM nicht bloß eine Technologie ist. Es fußt auf einem Common Data Environment, das Teams, Prozesse und Daten über Unternehmensgrenzen hinweg miteinander verbindet. So verändert BIM die Zusammenarbeit und kann die Produktivität im Planungs- und Bauprozess erhöhen. Ich bin überzeugt, dass wird letztlich den Ausschlag geben. Auch wenn ich zugeben muss, dass es derzeit leider noch häufig so ist, dass Viele den Gedanken von BIM zwar gut finden, damit anfangen soll aber lieber jemand anders.

Das Interview führte Markus Gerharz.

Das Interview stammt aus der Printausgabe von immobilienmanager (11-2017) .

27.10.2017